Vor Ort: Kasseler Formation verteidigt bei stimmungsvollem Heimturnier ihren zweiten Tabellenplatz

Piraten schweben übers Parkett

Lautstarke Unterstützung: Andreas Deiseroth vom Rot-Weiss-Klub Kassel feuert sein Team beim Auftritt gemeinsam mit dem Maskottchen an. Im Vordergrund tanzt Timo Ziepprecht mit Partnerin Susanna Frank. Fotos: Fischer

KASSEL. 17.01 Uhr: Die Tür zur Umkleide fliegt mit einem lauten Knall auf, eine Duftwolke von Haarspray und Deo bahnt sich ihren Weg mit einem jungen Herrn in schwarzem Frack nach draußen. Gibt den Blick frei auf junge Frauen in blutroten, mit Strasssteinen verzierten Kleidern und Männer in Unterhemden, die sich die gegelten Haare in Zu-Guttenbergsche-Form föhnen.

Nur eine Stunde bleibt noch bis zur Eröffnung des 2.-Bundesliga-Turniers der Standardformationen in der Kasseler Aueparkhalle. Acht Mannschaften treten gegeneinander an. Eine knisternde Spannung hat sich in jeder noch so kleinen Ecke eingenistet, ist allgegenwärtig.

17.20 Uhr: Alexandra Kästner vom Lokalmatador Rot-Weiss-Klub Kassel steht mit ihren Mittänzerinnen Anna Angelescu und Susanna Frank in der Umkleide etwas verloren zwischen Klamottenbergen, Sporttaschen und Schuhen. Inmitten von Puderquasten und falschen Wimpern sucht sie hektisch nach dem richtigen Rot für ihre Lippen.

Die junge Frau feiert heute ihren 20. Geburtstag und verrät: „So langsam bin ich schon arg aufgeregt.“ Und: „Den zweiten Platz wie beim letzten Turnier in Rüsselsheim zu verteidigen, das wär schon ein schönes Geburtstagsgeschenk.“

„Die Stimmung in der Halle ist unglaublich.“

Timo Ziepprecht

„Das klappt“, sagt Tänzer Timo Ziepprecht zuversichtlich und schließt die perlenbesetzten Knöpfe seines Hemdes. Währenddessen strömen immer mehr Zuschauer in die Halle, die meisten von ihnen, um ihre Kasselaner zu unterstützen. „Wir sind hier, um unsere Enkelin Elisa Gamberini anzufeuern“, berichten Mario und Heide Carli aus Schauenburg. Das neue Zorroprogramm der Kasseler Formation haben die Großeltern noch nicht gesehen und sind umso gespannter auf den Auftritt.

18.15 Uhr: Es wird ernst. Die Vorrunde beginnt mit der Hamburger Formation, die als Erste übers Parkett wirbelt und ihr Programm mit dem Titel Espagna zeigt. Es folgen die Rüsselsheimer in knallgelben Kostümen und die Formation Nienburg zu Musik von Udo Jürgens. Die Köpfe des Publikums wippen im Takt.

Spätestens als die Oberhausener Formation das Parkett betritt, sind die eisigen Temperaturen vor der Halle vergessen. Zu Musik von Madonna und in schwarzen Tüllkleidern zeigen die Tänzer außergewöhnliche Choreografie und tänzerische Sicherheit. Mit scheinbarer Leichtigkeit schweben die 16 Sportler über den Tanzboden. Der plötzliche Sturz eines Tänzers bringt die sichere Formation für einige Augenblicke aus dem Tritt, doch schon kurz darauf fügt sich das Paar wieder nahtlos in das Gesamtbild ein.

Ein paar Zuschauern in rot-weißen Schals ist das Unwohlsein aufgrund des überzeugenden Auftritts der Tabellenführer ins Gesicht geschrieben. Wie wird Kassel abschneiden?

19.10 Uhr: Als aber Rot-Weiss schließlich das Parkett betritt, sind alle Zweifel und Sorgen wie weggeblasen. Mit donnerndem Applaus begrüßt das Publikum seine Formation, Gänsehautgefühl bei den ersten Tönen von Fluch der Karibik.

Glückliche Gesichter

Nach knappen sechs Minuten ist der Auftritt vorbei. Kein Sturz, kein offensichtlicher Fehler. Ein Blick in die glücklichen und erleichterten Gesichter der Tänzer zeigt, der Auftritt ist geglückt.

19.40 Uhr: Ganz zufrieden ist das Team allerdings nicht. „Ein paar Sachen, zum Beispiel in der Aufstellung, lassen sich noch verbessern“, erklärt Ziepprecht in der Kabine nach einer Videoanalyse mit Trainer Eugen Khod. Doch den Wertungsrichtern, die Rhythmus und Charakteristik, tänzerische Leistung, Choreografie sowie Ausdruck bewerten, scheint der Auftritt der Kasseler gefallen zu haben. Die Formation schafft es ins große Finale, und auch der zweite Durchlauf gelingt.

21.25 Uhr: Es wird wieder spannend. Die fünf Wertungsrichter stellen sich auf, um ihre Platzierungen öffentlich zu vergeben: 3, 2, 2, 3, 1. Die Menschen in der Halle halten die Luft an, dann große Erleichterung: Kassel belegt nach Oberhausen den zweiten Platz. Das ersehnte Ziel ist erreicht.

21.40 Uhr: 500 Menschen singen Happy Birthday für Alexandra Kästner. Die 20-Jährige strahlt. Ihr Geburtstagswunsch ist tatsächlich wahr geworden. Dem Traum vom Aifstieg in die erste Liga kann die Mannschaft beim nächste Turnier am 13. Februar in Nienburg einen Schritt böher kommen.

Von Belinda Helm

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