Nach Verlegung der Tour de France

Radprofi Buchmann: Jetzt müssen wir halt umplanen

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Gefragter Mann: Radprofi Emanuel Buchmann steht im Dezember vergangenen Jahres Journalisten Rede und Antwort.

Nach der Verlegung der Tour de France auf Ende des Sommers droht dem Radsport ein Terminchaos. Darüber sprachen wir mit Deutschlands bestem Fahrer Emanuel Buchmann.

Der Start der Tour de France ist auf den 29. August verlegt worden. Was passiert mit der Vuelta? Wird der Giro nachgeholt? Und rutschen die Frühjahrsklassiker ebenfalls in den Herbst? Wegen der Coronakrise droht im Radsport ein kleines Terminchaos. Darüber sprachen wir mit Emanuel Buchmann. Der Profi aus dem Team Bora-hansgrohe wäre Ende Juni als aussichtsreichster deutscher Fahrer mit Chancen aufs Podium bei der Frankreich-Rundfahrt gestartet.

Herr Buchmann, hängen Sie gerade etwas in der Luft?

Ich bin seit acht Wochen am Stück zu Hause – solange wie noch nie. Darüber freut sich meine Freundin, und die Zeit tut uns gut. Das ist ein positiver Aspekt der Coronakrise. Natürlich trainiere ich weiter. Vergangene Woche saß ich 32 Stunden auf dem Rad.

Was stünde eigentlich auf dem Programm?

Normalerweise würde ich nächste Woche bei der Tour de Romandie an den Start gehen. Nun bin ich eben gezwungen, hier in der Heimat rund um den Bodensee auf meine Kilometer zu kommen. Zum Glück gibt es wenigstens einen neuen Termin für die Tour.

Wie geht es Ihnen damit, dass der Saisonhöhepunkt erst am Ende des Sommers beginnt?

Die Sommerspiele wären für mich ebenfalls ein Höhepunkt gewesen. Und wie gesagt, zunächst bin ich froh, dass die Tour überhaupt stattfinden soll. Außerdem war relativ schnell klar, dass sie nicht zum geplanten Zeitpunkt losgehen wird. Je später der neue Termin liegt, desto größer ist die Chance auf die Realisierung. Was Training und Vorbereitung anbelangt: Jetzt müssen wir halt umplanen.

Mit ihrem Zögern haben die Tour-Veranstalter aber kein gutes Bild abgegeben. Finden Sie nicht?

Nun ja, es war eine schwierige Situation. Als Ende März diskutiert wurde, waren es ja noch drei Monate bis zum Tourstart. Niemand wusste, was genau passieren würde. Man sollte immer optimistisch bleiben. Von daher finde ich es verständlich, dass die Verantwortlichen abgewartet und nicht gleich alles abgesagt haben.

In dieser Debatte hatten Sie sich für eine Rundfahrt ohne Zuschauer ausgesprochen. Wäre das überhaupt noch die Tour?

Als Profi erlebst du im Jahr öfter mal Rennen, bei denen am Straßenrand wenig los ist. Bei der Tour wäre das natürlich ein anderes Gefühl. Sie lebt von den Zuschauermassen. Gerade in den Bergen, wenn die Fans Spalier stehen. Das bringt Motivation. Aber im Radsport gibt es nun mal nichts Wichtigeres als die Tour. Sie ist das größte Ereignis. Für die Teams hängt an der Rundfahrt mehr als die Hälfte der finanziellen Jahresplanung. Vor diesem Hintergrund geht es zur Not einmal ohne Zuschauer.

Ein Fußballspiel vor leeren Rängen lässt sich vergleichsweise einfach organisieren. Aber eine Geistertour: Wie soll das funktionieren?

Soweit ich weiß, wird offiziell mit Zuschauern geplant. Aber auch in dieser Hinsicht gilt das, was in diesen Tagen gültig ist wie selten: abwarten. Ich bin kein Experte, kein Virologe und kann deshalb keine Prognose abgeben, wie sich die Pandemie entwickelt. Ich kann mir allerdings gut vorstellen, dass die Tour mit Einschränkungen für die Zuschauer stattfinden wird.

2019 wurden Sie Vierter. Nun gelten Sie als Kandidat fürs Podium: Wie verlief Ihre Vorbereitung?

Sehr gut. Ich bin im Januar mit einem Sieg auf Mallorca gestartet. Ich bin besser in Form als im vorigen Jahr zum gleichen Zeitpunkt. Von daher hätte alles gepasst.

Wurmt die Verschiebung dann doppelt?

Es geht ja allen so. So ein Virus kann niemand beeinflussen. Für so eine Unterbrechung kann keiner was. Außerdem geht es uns vergleichsweise gut. Wir dürfen raus und Sport treiben. Was die Umfänge anbelangt, trainiere ich aktuell ganz normal. Nur spezielles, intensives Intervalltraining fällt flach. Ich gehe davon aus, dass die Tour im August startet, dann werden wir sehen.

Und dann: Vuelta, Giro, Frühjahrsklassiker – soll das alles in der zweiten Jahreshälfte abgespult werden?

Machbar ist das. Die größeren Rundfahrten müssen natürlich hintereinander und nicht gleichzeitig stattfinden. Dann entsenden die Teams eben andere Profis. Wettermäßig kannst du in Spanien oder Italien noch bis November fahren. Und klassische Eintagesrennen funktionieren auch im Herbst.

Klingt nach einem stressigen Restjahr, oder?

Auf jeden Fall, und ich habe nichts dagegen. Ich hoffe darauf. Je stressiger, desto besser für den Radsport.

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