Mit Experten unterwegs

Deutschland-Tour: Mit der Rollenden Werkstatt mitten im Rennen

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Mit Spaß bei der Arbeit: Fabio Alberti (links) und Danilo Napolitano begleiten in einem der Materialwagen die Deutschland-Tour. 

Die zweite Etappe der Deutschland-Tour führte die Radprofis am Freitag durch die Region – von Marburg nach Göttingen. Wir sind im Materialwagen hinter der Spitzengruppe mitgefahren.

Plötzlich zieht Danilo Napolitano mit seinem Auto links raus. Der Fahrer des neutralen Materialwagens beschleunigt. Die Reifen quietschen. Die Straße im Wald vor Vöhl ist schmal, steil und die Kurven sind eng. Für Napolitano ist das kein Problem. Mit Vollgas fährt er hupend im Slalom an Teamfahrzeugen, Motorrädern und Radprofis vorbei. Der Italiener könnte sein Geld auch als Rallye-Fahrer verdienen. 

Da das Hauptfeld an dem giftigen Anstieg auseinanderfällt, muss der Materialwagen nach vorn. Schließlich benötigen bei einer Panne die Fahrer, deren Teamfahrzeuge nicht in der Nähe sind, die Hilfe der neutralen Mechaniker. Nach dem Start der zweiten Etappe in Marburg fuhr der Wagen zunächst weit hinter dem Peloton. Auf einmal ist er mitten im Rennen. Eingerahmt von den Radprofis – meist beträgt der Abstand nur wenige Zentimeter.

Kofferraum ist voll mit Ersatzteilen

Mit drei Autos und einem Motorrad begleitet die italienische Firma Vittoria die Rennen der Deutschland-Tour. Hinter Napolitano sitzt im Auto Fabio Alberti. Der Beifahrersitz ist für Gäste der Tour vorgesehen. Mehr Platz gibt es in dem weißen Kombi nicht mehr. Schließlich ist das Auto eine rollende Werkstatt. Der Kofferraum ist voll mit Ersatzteilen. Neben Alberti liegen auf der Rücksitzbank jeweils zwei Vorder- und Hinterräder – daneben ein elektronischer Schraubenschlüssel. Schließlich muss es im Notfall schnell gehen. Auf dem Dach befinden sich noch fünf Rennräder.

Als Mechaniker sind die beiden Italiener heute arbeitslos. Wenn es einen Defekt im Hauptfeld gibt, dann sind die Teamfahrzeuge zur Stelle. Aber Napolitano und Alberti sind ja noch vielmehr. Sie motivieren die Fahrer an den Anstiegen mit „Allez, Allez-Rufen“. Sie verpflegen die Profis mit Getränken. Und sie unterhalten die Menschen an der Strecke mit ihrer Autohupe, die eine im Radsport bekannte Melodie spielt.

Viele Zuschauer verfolgen die Etappe durch Nordhessen und Südniedersachsen. In den Orten winken Schüler mit Deutschland-Fahnen. Auch die Erwachsenen feuern die Fahrer an. Viele haben Smartphones und Kameras in der Hand. Im steilen Anstieg vor Waldeck kommt sogar Tour-de-France-Feeling auf. Die Fans stehen eng an der Straße und brüllen die Radprofis den Berg hinauf.

Schönste, aber schwierigste Etappe

Der Rennverlauf ist hektisch. Erst ist eine 16-köpfige Führungsgruppe vorn. „In der Gruppe ist Pascal Ackermann, der Führende der Deutschland-Tour“, ertönt es im Materialwagen aus dem Tourfunk. Später wird die Gruppe gestellt. Remco Evenepoel reißt daraufhin aus, und wird erst kurz vor dem Ziel gestoppt. Napolitano und Alberti verfolgen das alles über den Tourfunk.

Die Strecke durch Wälder und Wiesen, entlang des Edersees und der Fulda gilt als die schönste Etappe dieser Tour, aber sie ist auch die schwierigste. Sie ist wellig, zudem weht ein starker Wind. Das Hauptfeld wird immer wieder auseinandergerissen. Der Materialwagen muss ständig seine Position im Feld ändern. Von Fahrer Napolitano erfordert das viereinhalb Stunden lang höchste Konzentration.

Für die beiden Italiener sind die zwei Runden durch Göttingen der Höhepunkt. Tausende Menschen an der Strecke. Und ihr Materialwagen hat nun die beste Position. Direkt hinter dem Hauptfeld, das immer mehr zerfällt. Aber wer ist Napolitanos Favorit für den Sprint? „Alexander Kristoff“, antwortet er. 250 Meter vor dem Ziel wird das Vittoria-Auto in eine Nebenstraße abgeleitet. Den Sprint sehen die Italiener daher nicht. Aber über den Tourfunk erfahren sie, wer gewonnen hat. „Kristoff“, sagt Napolitano und reißt die Hände in die Luft. Er ist halt nicht nur Mechaniker und Rallye-Fahrer, sondern auch Radsportexperte.

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