Radsportler des KSV Baunatal bieten Flüchtling aus Eritrea neue Perspektiven

Endlich zurück im Sattel

Viel Spaß beim gemeinsamen Training: Sageim Ghebremichal (Dritter von rechts) zwischen den Radsportlern des KSV Baunatal mit (von links) Ralf Krug, Bernd Schmelz, Mario Meyfarth, Günther Lahme und Siegfried Berthel. Foto: Hedler

kassel. „Der Junge muss wieder in den Sattel.“ Befanden Andres Appel und die Radsportler des KSV Baunatal. Schließlich war Sageim Ghebremichal in seiner Heimat Eritrea als Radprofi gefahren. Dann flüchtete der 23-Jährige und lebt seit Juni in Wolfhagen in der ehemaligen Pommernkaserne.

Nachdem sie auf ihn aufmerksam geworden waren, nahmen die Baunataler Ghebremichal unter ihre Fittiche. Mit privaten Spenden, der Unterstützung des Vereins und Radsportgeschäften wie des von Appel geführten Pedalwerks (Altenritte) und der Firma Habenicht und Peter (Gudensberg) erhielt der Eritreer im November ein neues Rennrad sowie Ausrüstung und Bekleidung.

Seither hat sich im Dasein von Sageim Ghebremichal, dessen Asylantrag läuft, vieles zum Positiven geändert. „Sein Wesen wandelt sich. Er war niedergeschlagen und traurig. Trifft man ihn jetzt in der Unterkunft, macht er einen viel glücklicheren Eindruck“, sagt Bijan Otmischi, beim Landkreis für die Flüchtlingsunterkunft in Wolfhagen zuständig. Kreiste für den Eritreer bisher alles um das Leben in der Pommernanlage, so änderte sich dies mit der Rennmaschine.

Liebend gern nimmt Ghebremichal am Training teil, welches derzeit einmal pro Woche auf dem Verkehrsübungsplatz Hertingshausen stattfindet. Dorthin gelangt er, gemeinsam mit KSVer Günther Lahme, natürlich per Rad. So kommen einige Kilometer zusammen, aber damit nicht genug.

„Es geht für Sageim auch um Beziehungen und Regelmäßigkeit. Daher fährt er unsere traditionelle Samstagsrunde mit, zwischen 80 und 120 Kilometer durch die Region. Wir holen ihn in Wolfhagen ab und bringen ihn zurück. So hat er schon zwei Termine“, erklärt Appel.

Ab April könnte der 23-Jährige als KSV-Mitglied beim Rohloff-Cup starten, auch ohne Lizenz. „Vielleicht springt ja sogar ein Sponsorenvertrag für ihn heraus“, hofft Abteilungsleiter Franz Walter, der von Ghebremichals Potenzial überzeugt ist. Zumal Eritrea im Radrennsport kein unbeschriebenes Blatt ist. „Was das Laufen für Äthiopien bedeutet, ist der Radsport in Eritrea. Ein Eritreer hatte schon für mehrere Tage das Bergtrikot bei der Tour“, berichtet Walter.

Aber um die sportliche Laufbahn geht es nur in zweiter Linie. „Zuerst ist es wichtig, Ghebremichal Perspektiven aufzuzeigen und ihm das Leben in Deutschland nahezubringen. Dazu bedarf es kleiner Hilfestellungen, nicht der großen Gesten“, sagt Appel. Eine davon ist geleistet: Sageim Ghebremichal sitzt wieder im Sattel.

Von Wolfgang Bauscher

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.