Wieder entdeckte Begeisterung für die Tour – Boom auch bei heimischen Teams

Mit Radsport geht’s bergauf

Bilder der Tour de France: Die Radprofis quälen sich zwischen Laissac-Severac l’Eglise und Le Puy-en-Velay durch die Pyrenäen. Foto:  afp

Kassel. Wenn kleine Jungs auf Kassels Straßen plötzlich kräftig in die Pedale treten, einen Zielsprint simulieren und dabei wie ein TV-Kommentator rufen: „Kittel zieht vorbei, und Kittel gewinnt!“, dann steht fest: Radsport, insbesondere die Tour de France, begeistert in diesen Tagen. Das war nicht immer so. Nach den Dopingskandalen und dem tiefen Fall des Jan Ullrich sei das Interesse an der Sportart abgeflaut, sagt Dieter Vaupel, der Sportliche Leiter des Regio-Teams der MT Melsungen, und ergänzt: „Mit Radsport geht’s wieder bergauf.“

Und das nicht erst seit der aktuellen Frankreich-Rundfahrt. Beim Regio-Team mache sich die Entwicklung seit etwa drei Jahren bemerkbar, erklärt der 67 Jahre alte pensionierte Schulleiter: „Wir sehen das an Mitgliederzahlen, an Anfragen für Trainingsrunden und an den Teilnehmermassen bei großen Events.“ Vor allem bei Jugendlichen sei das Interesse gewachsen.

„Die neue Generation verkörpert einen sauberen Radsport.“

Dieter Vaupel

Vaupel war zum Tour-Auftakt als Zuschauer in Düsseldorf dabei. Die Stimmung sei phänomenal gewesen, „noch vor einigen Jahren war das undenkbar“. Für die wieder entdeckte Lust am Radsport macht Vaupel mehrere Faktoren aus. Zum einen berichtet die ARD wie einst umfangreich von der Tour, zum anderen gibt es sympathische Zugpferde wie eben Marcel Kittel, „und zudem verkörpert diese neue Generation einen sauberen Radsport“.

Nicht nur der Verantwortliche des Regio-Teams spürt den Boom. Auch Rüdiger Schmidt vom RSC Fuldabrück stellt gestiegenes Interesse am Radsport fest. „2012 hatten wir 88 Mitglieder, heute sind es 130“, bestätigt der Schriftführer des Klubs. Aber er freut sich nicht nur über die wachsende Zahl aktiver Sportler, sondern verfolgt das Renngeschehen selbst wieder mit größerer Begeisterung. „Es kommt jetzt schon öfter vor, dass ich von der Arbeit nach Hause fahre und mich beeile, weil ich wenigstens noch ein bisschen was von der Tour-Übertragung mitbekommen will.“

Ebenso wie Vaupel glaubt Schmidt, dass Doping heute weniger eine Rolle spielt als vor einigen Jahren und der Radsport auch deshalb wieder im Kommen ist. „Es ist eine gute Strategie vieler Fahrer, ihre Werte offenzulegen. Man kann so erkennen, dass sie bei Weitem nicht mehr jene extrem hohen Wattzahlen erreichen, wie es zu Jan Ullrichs Zeiten über einen langen Zeitraum üblich war“, sagt Schmidt. Außerdem berichtet der Fuldabrücker von einem französischen Journalisten, der alle Touretappen statistisch erfasst und zur Erkenntnis gelangte, dass die Etappen und somit die Tour insgesamt inzwischen langsamer gefahren werden.

Takis Keldenich bescheinigt seinem Sport gleich aus zweifacher Perspektive, im Aufwind zu liegen: Er ist Rennfahrer und dazu im Fachhandel beschäftigt. „Weil der Radrennsport die am stärksten kontrollierte Ausdauersportart ist und die Situation geklärt scheint, gibt es wieder viel mehr Leute, die sich dafür interessieren“, sagt der Fuldabrücker und führt weiter aus: „Dabei finden sich jene, die wieder anfangen, aber auch Neueinsteiger. Die Szene war ja überschaubar. Jetzt sieht man immer öfter Unbekannte auf den Straßen rumfahren.“ Mehr als zuvor begrüßt er nunmehr auch Neukunden im Geschäft.

Von Wolfgang Bauscher und Robin Lipke

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