Interview

Reitsport-Idol Lars Nieberg: "Wir reden Klartext, ohne Heuchelei"

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Wenn der Vater mit den Söhnen... Max, Lars und Gerrit Nieberg in Spangenberg. Foto: Richard Kasiewicz

Er hat den Großen Preis nur ein einziges Mal gewonnen – 2003. Doch Lars Nieberg gehört zum Spangenberger Reitturnier wie die Schleifchen zur Siegerehrung. Unser Interview.

Mit 55 ist er nun wieder da: Als Trainer seiner Söhne Gerrit (26) und Max (24). Also befragten wir ihn über Reiten als Familiensport.

Herr Nieberg, sind Sie wirklich ohne Helm, Stiefel, Gerte und Pferde hier?

Pferde aus unserem Stall sind schon hier, aber ich bin tatsächlich zum ersten Mal nach 30 Jahren nur als Zuschauer in Spangenberg – und natürlich als Vater und Trainer.

Wie schwer fällt das Zusehen für einen, der rund als 30 Jahre auch international ganz vorn dabei war?

Gar nicht schwer, es fällt mir leicht. Ich fühle mich wohl in der neuen Situation, zumal es ja keine Frage der Gesundheit war. Die Zeit zum Aufhören war reif, die Entscheidung ist gewachsen. Heute kann ich sagen, dass ich den richtigen Zeitpunkt erwischt habe.

Nun also sind sie Trainer. Ein strenger?

Mit Zuckerbrot und Peitsche und vor allem mit viel Erfahrung. Ich kenne alle Facetten unseres Sports, habe selbst alles erlebt und gefühlt, genossen und erlitten. Meine Ausbildung hat besondere Qualität, denn ich kann mich in die Reiter hineinversetzen und weiß, wie Pferde ticken. Da spielt viel Realismus hinein, auch wenn das auf Außenstehende auch schon mal als Härte ausgelegt wird.

Benötigen Sie – obwohl selbst einst Weltklasse – einen Trainerschein?

Als ausgebildeter Pferdewirtschaftsmeister habe ich alle nötigen Scheine. Aber es würde mich nicht stören, wenn da einer fehlen würde.

Nun trainieren Sie ausgerechnet ihre Söhne. Macht es das leichter?

Leichter? Schwerer? Weder noch. Es macht es schöner. Da gibt es keine Probleme, weil wir untereinander Klartext reden und nicht um den heißen Brei herum. Ohne Heuchelei. Auch weil sich keiner präsentieren muss. Mist bleibt Mist, Erfolg bleibt Erfolg. Und: Das Meiste kann ich den Jungen ja auch noch vormachen.

Wie schaffen Sie es, Privates vom Sport zu trennen?

Eine Trennung ist nicht nötig, weil bei uns eins recht problemlos ins andere greift. Zum Glück. Meine Söhne leben bei uns auf Gestüt Berl. In eigenen Appartements zwar, aber zum Essen und Wäschewaschen kommen sie stets herüber. Da wird über Alles geredet in der Familie.

Betreuen Sie auch noch andere Reiter?

Ja, neben den Bereitern sowie Gerrit und Max sind das noch zwei bis vier andere im Ausbildungsstall.

Suchen Sie sich talentierte Bereiter aus oder belegen Reiter zur Ausbildung Kurse bei ihnen?

Meist sind es Kunden, nicht Angestellte, die ihre eigenen Pferde mitbringen oder unsere Pferde nutzen oder sie kaufen. Derzeit sind das u. a. der Chinese Liu Tongyan, der ist Ende 40 und wohl schon für Olympia in Tokio qualifiziert, und ein hoch talentierter Koreaner. Kyujin Lee ist erst 21 und kann es weit bringen.

Ist das Reiten ein Familiensport – mehr als andere Disziplinen?

Das kann ich so nicht sagen. Aber natürlich ist es einfacher, wenn eine Familie zusammen- und dahintersteht. Allerdings erleben Kinder von Reitern ja auch die Schattenseiten mit 70 bis 80 Stunden Arbeit pro Woche, keine freien Wochenenden, kein Urlaub. Grundsätzlich geht Reitsport nicht ohne Familie. Sie muss teilhaben. Und jeder Erwachsene sollte ein Auto mit Pferdehänger fahren können.

Ein Sport aber, der wegen hoher Kosten nur für Wenige noch zugänglich ist?

Ja, leider sind wir aufgrund ständig steigender Kosten wieder auf dem Weg dorthin. Schade, denn das Reiten war auch schon mal Breitensport, Als der Einstieg beim Bauern nebenan noch möglich war.

Gibt es Förderprogramme für talentierte, aber arme junge Reiter? Oder bleibt diesen Pferdebegeisterten nur ein Job als Bereiter oder gar Pfleger?

Förderungen gibt es. Aber es wird immer schwerer, sich hochzudienen. Ganz schwer ist es, bis auf internationales Topniveau zu gelangen.

Wie war das bei Ihnen?

Meine Eltern waren kleine Landwirte mit Ponyhof. Das war mein Glück. Dann habe ich eine Bereiterstelle ergattert bei Herbert Meyer, dem früheren Bundestrainer. Mein nächstes Glückslos. Heute müssen wir gut wirtschaften, um unseren Sport ohne Sponsor betreiben zu können. Und immer wieder versuchen, ein gutes Pferd möglichst lukrativ verkaufen. Auch wenn das gegen unsere eigenen sportlichen Ambitionen ist.

Gab es nie Überlegungen, beruflich ganz andere Wege zu gehen, ohne Pferde?

Nein, niemals. Aber ich habe früh gewusst, dass die Landwirtschaft eine Sackgasse war und wollte da raus.

Nun kommt vor einer neuen, jungen Familie erst einmal die Liebe. Ist der Reitsport, sind Turniere auch eine große Kontaktbörse?

Sicher nicht mehr als jedes andere berufliche Umfeld auch. Aber es macht natürlich Sinn, wenn beide Partner die Leidenschaft zum Pferdesport teilen. Nur so gibt es Verständnis für das viele Reisen, die viele Arbeit. Gemeinsam macht das mehr Spaß.

Haben Sie ihre Ehefrau Gitta, selbst Reiterin, beim Sport kennengelernt?

Ja. Wir sind uns aufgefallen und haben uns dann auf den Plätzen immer häufiger gesehen. Inzwischen sind wir schon 30 Jahre zusammen. Übrigens komme ich genau so lange schon nach Spangenberg. Und ich bin sehr glücklich, dass es in der gesamten Familie so gut passt und läuft.

Andere Paare waren nicht so sattelfest...

Stimmt. Nur wenige halten so lange durch. Das ist wohl auch eine Frage von Angebot und Nachfrage.

Einzelne Beispiele für familiäre Bindungen im Springreiten:

  • Eltern/Kinder: Nelson und Rodrigo Pessoa, René sowie Maurice und Justine Tebbel
  • Geschwister: Ludger und Markus Beerbaum; Toni und Felix Haßmann, Maurice und Justine Tebbel, Alwin und Paul Schockemöhle
  • Paare: Markus Beerbaum und Meredith Michaels-Beerbaum; Eva Bitter und Marco Kutscher; Christian Ahlmann und Judy-Ann Melchior, Carsten-Otto Nagel und Mylène Diederichsmeier.

Lars Nieberg (56) stammt aus Wittingen bei Gifhorn (Niedersachsen). Als Zehnjähriger begann er auf dem elterlichen Hof das Reiten, 1980 eine Lehre als Bereiter bei Herbert Meyer. Nach Stationen bei Paul Schockemöhle in Achatz von Buchwald ging er 1990 zum Gestüt Wäldershausen bei Homberg/Ohm, das er von 1994 bis 2013 leitete. Dann folgte er auf Kurt Gravemeier als Leiter von Gut Berl in Sendenhorst bei Münster, das Hendrik Snoek gehört. Nieberg gewann mit deutschen Teams Gold bei Olympia (1996, 2000), WM (1998) und EM (1997). 1995 war er Deutscher Meister, 1997 und ’98 jeweils Zweiter. U. a. für die Teilnahme an 50 Nationenpreisen erhielt er das FN-Ehrenzeichen in Gold mit Lorbeer. Seine bekanntesten Pferde waren Esprit, For Pleasure, Giorgio, Fighting Alpha, Adlantus As, Er war stellvertretender Aktivensprecher der Springreiter, ist seit 28 Jahren verheiratet mit Gitta. Das Paar hat zwei Söhne, Gerrit (26) und Max (24).

Lesen Sie dazu: Tolle Tage mit vielen Höhepunkten beim Spangenberger Reitturnier

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