Er hat noch immer Spaß an seinem Hobby

Mit 76 stets auf Ballhöhe: Rolf Brandweiner ist Kassels ältester Schiri

Freundlich, aber bestimmt: Mit seiner fast 40-jährigen Erfahrung weiß Schiedsrichter Rolf Brandweiner genau, wann er es im Guten versucht und wann es Zeit für Karten ist.

Kassel. Mit 76 Jahren ist Rolf Brandweiner der älteste aktive Schiedsrichter des Fußball-Kreises. Nach wie vor pfeift er regelmäßig.

Grund genug, ihn zu begleiten und bei der Ausübung seines Hobbys zu beobachten - und zwar beim Altherrenspiel zwischen Heiligenrode und Dynamo Windrad.

Niestetal. Pfeife? Gelbe und Rote Karte? Uhr? Kulis? Münze für die Seitenwahl? Alles da. Beruhigt verlässt Rolf Brandweiner seine Kabine, den Spielball in der Hand. Rund eine Viertelstunde bleibt, bis der Schiedsrichter die Partie anpfeift. Gelassen pflegt er die übliche Routine. Warum auch nicht? Schließlich geht er seinem Hobby seit knapp 40 Jahren nach, Unangenehmes erlebte er dabei fast nie. Weshalb er auch mit 76 nicht ans Aufhören denkt. Fit ist er, und Spaß hat er auch: „Ich mache das nicht wegen dem bisschen Geld. Das sage ich Ihnen gleich.“ Brandweiner ist der älteste aktive Schiedsrichter im Fußballkreis Kassel.

Bis zum Anpfiff gibt es für ihn noch zu tun. Brandweiner kontrolliert die Tornetze. Dann ist Passkontrolle. Pünktlich führt der Schiri die Teams aufs Feld. Nach der Platzwahl mahnt er wie üblich zur Besonnenheit, ändert aber diesmal seine Worte ab: „Spielen Sie fair, die HNA ist da.“

Schon in den Minuten zuvor machte sich allseits gelöste Stimmung breit. Die Fotografin geht ihrer Tätigkeit nach, und Brandweiner muss sich Sprüche der Spieler anhören: „Hast du 50-jähriges Jubiläum? Mit den vielen Bildern kannst du ja die Bunte vollmachen“, sagt einer. Der Gefrotzelte lacht. Gibt es bei ihm noch eine Spur von Nervosität? „Ach nein, wenn ich jetzt noch Lampenfieber hätte….“, sinniert er.

Eindeutiger ist er nach dem Anpfiff. Überlegt, souverän, zurückgenommen leitet er die Partie. Und wird bei Bedarf sehr bestimmt. „Sportsfreund, geh’ nicht so rein“, ermahnt er einen Spieler nach einem Foul. Als sich später ein anderer bei ihm beschwert, macht er ihm klar, dass er dies nicht duldet. Andererseits geht er behutsam vor. Beim absichtlichen Handspiel eines Heiligenröders lässt er die Gelbe Karte stecken. „Von meiner Position war die Absicht nicht eindeutig zu erkennen“, erklärt Brandweiner.

Lob von beiden Seiten 

Allerdings machen es ihm die Mannschaften nicht schwer. Am Ende wird er elfmal wegen Foulspiels sowie viermal wegen Abseits gepfiffen und viermal Gelb gezeigt haben - harmlos. Auch die heikelste Szene deutet er richtig. Bei einem Kopfballtreffer von Windrads Markus Fenrich prallte dieser mit dem gegnerischen Schlussmann Patrick Reuss zusammen. „Kein Foul“, sagt Brandweiner, und selbst die meisten Heiligenröder sehen dies so - auch wenn ihr Torhüter mit einem Pferdekuss ausscheidet. Lob erhält der Schiri von vielen Seiten. „Wir hatten schon viel Jüngere hier, die sich kaum aus dem Mittelkreis fortbewegten. Dafür hatte er einen großen Aktionsradius“, sagt Jan Hähner vom TSV.

Beim Gang in die Kabine wirkt Brandweiner - 76 Jahre hin oder her - als käme er von einem Spaziergang,. „Ich lege ja auch sonst nicht die Beine hoch. Ich laufe, mache Fitnesssport, spiele Tennis“, sagt er und zieht sich zum Duschen und Umkleiden zurück.

Eine Frage noch: Duzt er die Spieler oder siezt er sie? „Entweder sage ich ,Sportsfreund’ und ,du’, oder ,Sie’. Distanz muss sein. Ich habe ja keinen Kumpel vor mir.“ Und wie reden ihn die Spieler an? „Auf dem Platz natürlich mit ,Sie’.

Interview: Schiedsrichter Rolf Brandweiner über Schauspielerei und kuriose Geschichten

Herr Brandweiner, haben Sie je Akzeptanzprobleme wegen des Alters? 

Rolf Brandweiner: Nein, nie. Wenn ich pfeife, ist das kein Problem. Ich bekomme auch keine dämlichen Kommentare zu hören. Außerdem sehe ich jünger aus, als ich bin.

Ihre Entscheidungen werden auch nicht besonders heftig kritisiert, etwa bei Abseits?

Brandweiner: Meist bin ich auf Ballhöhe und kann korrekt entscheiden. Da meckert keiner.

Wie ist es mit der Schauspielerei?

Brandweiner: Ich habe doch eine Menge Erfahrung und merke, wenn einer schauspielert. Da bin ich rigoros, mir macht keiner etwas vor.

Wurden Sie auf dem Platz jemals bedroht?

Brandweiner: Ein einziges Mal wollte mich ein Spieler schlagen. Er wurde aber schnell von seinen Mitspielern zurückgehalten.

Geht es im Fußball heute rauer zu als früher?

Brandweiner: Das kann ich nicht bestätigen. Ein bisschen Meckerei gehört dazu, aber am Ende geben mir die Spieler die Hand. Die Rote Karte brauche ich fast nie.

Welches Erlebnis blieb Ihnen denn ganz besonders in Erinnerung?

Brandweiner: Als ich einmal zu einem Spiel kam, stand ein anderer Schiri vor mir. Es stellte sich dann heraus, dass er ein Mannschaftsbetreuer war, eigentlich winken sollte, aber gern einmal pfeifen wollte und sich dazu extra die Sachen gekauft hatte. Er wurde schnell enttarnt.

Von Wolfgang Bauscher

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