Die Ruhe vor dem Wildschwein: Feldbogenschützen in der Karlsaue

Treffer in den Truthahn: Gerhard Schleicher (von links), Achim Vogt, Gunder Brill und Heinz Brand entfernen die Pfeile von der Tierattrappe.

Kassel. Die Frage nach der Faszination des Feldbogenschießens erübrigt sich irgendwo auf dem Weg von zwei Hasen zu einem Wildschwein.

Es geht durch das Gestrüpp der Karlsaue hin zu einer ansonsten von Menschen verlassenen Fläche. Die Pfützen sind hier gefroren, nur das Knarzen des Bodens bei jedem Schritt und das Zwitschern der Vögel unterbrechen die Stille. „Das Tolle ist, dass wir immer in der Natur sind“, sagt Gunder Brill, bevor er den Bogen spannt und auf die Wildschweinattrappe zielt.

Gunder Brill aus Kassel gehört zu den 150 Startern, die am Schneeturnier des Vereins Feldbogen Kassel-Helsa in der Karlsaue teilnehmen. Es ist kurz vor elf, die Sonne scheint, die Natur zeigt alles, was sie hat, nur eines fehlt beim Schneeturnier: der Schnee.

Für Gunder Brill läuft es gut. Das Wildschwein ist das siebte Ziel für den 57-Jährigen an diesem Tag, in der Regel hat er Volltreffer gelandet - oder, wie der Feldbogenschütze sagt: „Alle ins Kill“. Aber das ist nicht das Entscheidende. Im Vordergrund stehen das Erlebnis im Freien und der Sport in seiner reinsten Form. „Hier zielt man einfach mit dem bloßen Auge“, sagt Brill, der ein Meister darin ist, innerhalb von Sekunden von lockerer Unterhaltung auf höchste Konzentration umzuschalten. Und das immer wieder. 28-mal am Tag. So viele Ziele gibt es.

Der Berufsschullehrer der Max-Eyth-Schule erlebt ein Stück weit seine Jugend neu. Schon als Junge betrieb er Bogenschießen mit selbst gebauten Bögen, vor 16 Jahren nahm er das Hobby wieder auf. Jetzt besucht er über das ganze Jahr hinweg Turniere - egal, ob Temperaturen wie im Eisfach herrschen oder wie in der Sauna. Feldbogenschießen geht immer, die Ausrüstung ist überschaubar: der Langbogen aus Eibenholz, glasfaserbelegt, zehn Pfeile aus Carbon, Armschutz und Schießhandschuh, ein bisschen Werkzeug, ein Fernglas, Zettel und Bleistift, Wasser oder Tee, Snacks. Los geht es.

Brill macht das auch, weil er immer auf nette Menschen trifft, wie er sagt. Auf Turnieren bilden sich Gruppen, die von Ziel zu Ziel, von Attrappe zu Attrappe gehen. So entstehen Freundschaften. Brill absolviert den Parcours heute mit Heinz Brand und Gerhard Schleicher aus Schwebda bei Eschwege und Achim Vogt, der aus der Nähe von Hameln kommt und die weiteste Anreise hatte. Vor allem mit Brand frotzelt Brill gern. „Das gibt dem Wettkampf die Würze“, sagt er nach einem Schuss mitten in die Fuchsattrappe. Er blickt zu Brand und stellt fest: „Da muss er hin.“

Es geht ein paar Meter weiter zu zwei Gänsen. Vom Gelände ist das hier und heute ein Kindergeburtstag für Brill und die anderen. Es gibt weitaus anspruchsvollere Parcours, aber die Aue ist die Aue und etwas Besonderes. Die Feldbogenschützen sind nach dem Abstecher zum einsamen Wildschwein mittlerweile zurück auf Pfaden, auf denen auch Passanten das Treiben verfolgen können - in sicherem Abstand. Eine Joggerin kommt vorbei und schüttelt mit dem Kopf: „Auf Tiere schießen, pfui“, ruft sie.

Aber Brill konzentriert sich schon auf den nächsten Schuss. Volltreffer in die Gans. Danach Pause. Er trinkt einen Schluck Tee, dreht sich eine Zigarette und genießt die Sonne. Am Ende landet er auf Platz 15. Aber das Ergebnis ist zweitrangig.

Hintergrund: Tierattrappen aus Hartschaum

Beim Feldbogenschießen wird auf Tierattrappen aus Hartschaum geschossen. Dabei bewältigen die Schützen einen Parcours mit einer bestimmten Anzahl von Zielen. Pro Tier-attrappe gibt es maximal drei Schüsse. Je nachdem, wohin der Schütze trifft, gibt es eine gewisse Anzahl an Punkten. Wer am Ende die meisten Punkte hat, gewinnt. Pfeil und Bogen bringen die Schützen selbst mit zu Turnieren. Ein Bogen kostet zwischen 100 und 1000 Euro aufwärts, ein Pfeil 5 bis 10 Euro. Das Turnier in der Aue hat der Verein Feldbogen Kassel-Helsa ausgerichtet.

www.feldbogen-kassel.de

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