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Deutschlands bester Dartsspieler Gabriel Clemens im Interview vor dem WM-Start: „Sehe mich nie chancenlos“

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Von: Maximilian Bülau

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Gabriel Clemens.
Hoffnungsträger: Gabriel Clemens tritt als einer von vier Deutschen bei der Darts-WM in London an. © Imago/Pro Sports Images

Für Gabriel Clemens beginnt das Abenteuer London erst kurz vor Weihnachten. Zwar fällt heute im Alexandra Palace – kurz: Ally Pally – in der englischen Hauptstadt der Startschuss für die Darts-WM. Dieses bunte Treiben mit spannenden Wettkämpfen, verkleideten Fans und lauter Musik im Bezirk Haringey.

Als Nummer 25 der Welt ist Clemens aber erst einen Tag vor Heiligabend an der Reihe und trifft auf den Sieger des Duells Lewis Williams gegen Toyokazu Shibata. Für den 38-Jährigen ist es die vierte WM-Teilnahme in Folge. Das Erreichen des Achtelfinals im vergangenen Jahr war sein bislang bestes Ergebnis. Im Interview erzählt „Gaga“, so Clemens’ Spitzname, warum es in diesem Jahr noch weiter gehen könnte. Er spricht über den Absturz von Max Hopp und Anfeindungen gegen ihn, die nach einer Niederlage gegen Fallon Sharrock – eine der wenigen Frauen im Darts-Zirkus – im Netz auftauchten.

Herr Clemens, Sie sind mittlerweile der beste deutsche Darts-Profi. War es auch Ihr bestes Jahr?

Puh, das ist schwer zu sagen. Es war sicherlich kein schlechtes Jahr. Ich war für alle Major-Turniere qualifiziert. Vom Spielerischen her war es vor allem in der Mitte des Jahres nicht ganz so gut. Aber es gibt so Phasen.

Das klingt schon sehr zurückhaltend. Sie gehen als gesetzter Spieler in dieses Turnier, halten regelmäßig mit den Besten der Szene mit. Das ist etwas, das man aus deutscher Sicht bislang nicht gewohnt war.

Klar, ich habe keine Angst, gegen irgendjemanden zu spielen. Auch wenn man natürlich immer Respekt hat – ob gegen die Nummer eins oder die Nummer 120. Ich sehe mich nie chancenlos. Ich bekomme immer meine Chancen. Ob ich die nutze, ist wieder etwas anderes.

Haben sie sich Ziele für die WM gesteckt?

Nein, gar nicht. Wichtig ist, dass ich in guter Form bin und gut spiele. Wenn das so ist, kommt es immer noch darauf an, wie der Gegner drauf ist. Da gibt es viele Sachen, die so ein Turnier beeinflussen können. Das Wichtigste ist, gut zu spielen. Das ist mein Ziel.

Die Dartselite ist, was die Qualität angeht, viel näher zusammengerückt, es gibt mehr Platz für Überraschungen. Richtig?

Ja, das sieht man auf jeden Fall. Die Dominanz, die Phil Taylor hatte und eine Zeit lang Michael van Gerwen – ich glaube nicht, dass das so schnell wiederkommt. Dafür gibt es einfach zu viele gute Spieler auf der Tour mittlerweile. Auch viele Junge, die nachkommen und fantastisch Darts spielen.

Woran liegt es, dass ein van Gerwen nicht mehr so dominant ist?

Er spielt immer noch gut. Oder sehr gut. Er verliert Partien, die man eigentlich gar nicht verlieren kann, weil er selbst über 100 im Average ist. Aber im entscheidenden Moment sind jetzt auch andere da, nutzen Chancen oder spielen ein High-Finish. Das zeigt, dass das Niveau deutlich zugenommen hat.

Das heißt: Er ist nicht schlechter, sondern andere sind besser geworden?

Das kann man durchaus so sagen. Ja.

Sie sind einer von vier deutschen Spielern bei der WM in diesem Jahr. Was können wir von den anderen drei erwarten?

Fabian Schmutzler ist sehr jung und das erste Mal dabei. Er soll einfach Spaß haben und es genießen. Für Florian Hempel ist es ebenfalls das erste Mal, und er trifft in der ersten Runde gleich auf Martin Schindler. Deutsches Duell also. Heißt auch: Für einen wird es schnell vorbei sein. Das sind beides super Spieler, die auf der Tour klasse Leitungen gebracht haben. Sie wären gegen keinen Gegner chancenlos gewesen. Von daher ist es schade, dass sie aufeinandertreffen.

Was sagen Sie zu einem Max Hopp, der jahrelang als größtes deutsches Talent galt und nun die WM verpasst hat, in einem tiefen Loch steckt?

Er muss jetzt gut trainieren und nächstes Jahr wieder angreifen. Er hat schon viel erreicht, es ist eine Phase, aus der er sich herausarbeiten muss.

Haben Sie einen Favoriten auf den Titel?

Da sind die üblichen Verdächtigen: Gerwyn Price, Peter Wright, van Gerwen. Die WM hat aber auch schon gezeigt, dass Leute aus der zweiten Reihe weit laufen können. Ein Dimitri Van den Bergh beispielsweise, ein José Oliviera de Sousa oder ein Jonny Clayton. Auch ein Ryan Searle hat gerade erst gezeigt, dass er weit kommen kann.

Und ein Gabriel Clemens?

(lacht) Ja, der kann auch weit kommen, wenn er gut spielt.

Ein anderes Thema noch – und dazu vorab: Was halten Sie von Frauen auf der Darts-Tour?

Frauen dürfen seit Jahren bei uns mitspielen, und das ist gut. Lisa Ashton hat schon viele gute Leute geschlagen, auch ich habe schon gegen sie verloren.

Gibt es Vorurteile?

Wie es ganz am Anfang war, weiß ich nicht. Aber jetzt gibt es das nicht mehr.

Als Sie gegen Fallon Sharrock verloren haben, äußerten Sie sich anschließend kritisch zu Hass-Kommentaren im Netz.

Es sind zum Glück nur ganz, ganz wenige. Grundsätzlich sind die meisten Nachrichten positiv. Aber es ist natürlich nichts Schönes, wenn man so etwas liest. Wenn man sich einen anonymen Namen im Netz zulegt und dann Menschen beschimpft oder beleidigt – da sehe ich ein großes Problem. Das ist allgemein leider immer mehr geworden.

Beschäftigt Sie so etwas lange?

Nein, gar nicht. Ich wollte das nur mal öffentlich zeigen, was da so los ist. Ich glaube, es ist einfach wichtig, dass man so etwas offenlegt. (Maximilian Bülau)

Zur Person

Gabriel Clemens (38) stammt aus Saarlouis und lebt in Saarwellingen (beides im Saarland). Darts-Profi ist er seit 2019, derzeit belegt er Platz 25 der Weltrangliste, ist damit der beste Deutsche. Clemens ist gelernter Schlosser. Sein Walk-on-Song ist Wonderwall von Oasis. Der Rechtshänder ist liiert und hat keine Kinder. Sein Spitzname lautet „The German Giant“ – kurz: „Gaga“.

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