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Skisportlerin Paula Brenzel über die Paralympics in Peking

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Von: Kristina Marth

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Paula Brenzel auf dem „Roten Sofa“ im Foyer der Hersfelder Zeitung.
Nach ihrer Rückkehr aus Peking hat Paula Brenzel der HZ-Redaktion einen Besuch abgestattet und nahm für ein Foto auf dem „Roten Sofa“ Platz. © Kristina Marth

Als Guide der sehbehinderten Skirennläuferin Noemi Ristau hat die 22-jährige Paula Brenzel aus Schenklengsfeld kürzlich an den Paralympics in Peking teilgenommen. Keine 48 Stunden nach ihrer Rückkehr hat sie uns ein Interview gegeben.

Paula, Sie sind am späten Montagabend aus Peking zurückgekommen. Sind Sie schon wieder richtig in der Heimat angekommen?

Nein, noch nicht wirklich. Ich fühle mich noch etwas kränklich, weil ich die letzten beiden Tage eine Erkältung mit Fieber bekommen hatte. Der Rückflug war tatsächlich der Horror. Er dauerte statt neun Stunden über zwölf, weil wir nicht über Russland fliegen konnten. Und auch der Jetlag hat diesmal ziemlich gekickt.

Von Peking zurück ins beschauliche Schenklengsfeld. Größer könnte der Kontrast kaum sein...

Naja, wir waren ja zwei Busstunden von Peking entfernt irgendwo im Nirgendwo. Das war früher ein Naturschutzgebiet. Ich bin eher froh, dass ich hier zu Hause jetzt wieder in der Zivilisation bin.

Wie haben Sie die Gegebenheiten vor Ort wahrgenommen? Wie frei ist man als Sportler in diesen Zeiten, in der alle Beteiligten in der sogenannten „Bubble“ leben?

Es war schon krass. Wir haben ja keine anderen Menschen als die der anderen Teilnehmer-Nationen gesehen. Und eben die Chinesen, die komplett mit Schutzanzügen, Masken und Gesichtsschildern verhüllt waren. Du darfst keinen Kontakt zu anderen Menschen außerhalb der imaginären Blase haben. Hätte man das Gelände verlassen, hätte man in das Quarantäne Hotel gemusst. Das ist durchaus vorgekommen. Die Chinesen sind da rigoros.

Klingt jetzt nicht gerade nach olympischem Flair...

Das ist richtig. Ich war zur Eröffnungsfeier einmal in Peking – das war"s. Da habe ich mir gedacht: Wow, hier leben ja richtige Menschen, es fahren Autos und so weiter.

Vor Beginn der Paralympics wurde der schreckliche Krieg in der Ukraine zum großen Thema. Russische und weißrussische Sportler durften kurzfristig nicht teilnehmen. Inwiefern war all dies ein Thema?

Wir haben es vor Ort mitbekommen, aber ich habe versucht, das so gut es geht auszublenden. Es ist furchtbar, aber ich durfte mir davon keine Energie rauben lassen. Man kennt viele Sportler persönlich und muss dann schon schlucken, wenn man weiß, dass sie sich wie alle anderen vier Jahre den Arsch aufgerissen haben und dann nicht teilnehmen dürfen.

In Kurzform: Wie lautet Ihr Fazit der Paralympics?

Ich bin schon ein bisschen enttäuscht, dass wir keine Medaille geholt haben. Aber es wäre für uns auch ein kleines Wunder gewesen, denn Noemi war im vergangenen Jahr zweimal schwer verletzt, sodass wir riesigen Trainingsrückstand hatten und erst Mitte Dezember ins Renntraining einsteigen konnten. Dazu kamen der Stress mit dem langen Hinflug, die Umstellung auf fremde Pisten, viele Eindrücke drumherum. Das hat dafür gesorgt, dass sich Noemi am Ski nicht so wohlgefühlt hat. Weil sie sich einige Wochen zuvor noch einmal das Knie verdreht hatte, war sie wirklich am Limit. Unter diesen Voraussetzungen ist ein fünfter Platz im Super G schon bombastisch. Die Konkurrenz hat sich auch enorm verbessert in den letzten zwei Jahren. Ich weiß, dass Noemi es deutlich besser kann. Aber es ist okay. Wir sind jedenfalls stolz, dass wir dabei waren.

Wie und wann geht es sportlich gesehen weiter? Setzen Sie Ihre gemeinsame Karriere mit Noemi Ristau fort?

Die Saison ist jetzt erst einmal beendet und wir müssen unsere Eindrücke verarbeiten. Wir haben noch gar keine Entscheidung getroffen. Noemi muss jetzt erst mal ihr Knie operieren lassen. Dann folgt die Reha und dann werden wir gucken, wie es weitergeht. Noemi muss ja auch erst einmal für sich entscheiden, ob sie weitermachen will. Grundsätzlich hat sie aber kein Karriereende geplant.

Wie und wann ist Ihre Verbindung eigentlich zustande gekommen?

Noemi hatte sich 2018 von ihrem Guide getrennt und eine Rundmail an den Hessischen Skiverband geschrieben, in dem meine Eltern ja sehr aktiv sind. Darüber sind wir auf sie aufmerksam geworden. Ich habe sie kontaktiert, dann haben wir uns mal in Marburg getroffen und es passte persönlich gleich ganz gut. Im Herbst 2018 waren wir dann das erste Mal mit der Para-Nationalmannschaft auf der Piste. Das hat von Anfang an gut geklappt und Spaß gemacht. Noemi hat dann gesagt: „Hey, wenn du Bock hast, wirst du meine feste Guidin sein.“ Und dann habe ich mir das überlegt und irgendwann zugesagt.

Wie erleben Sie als Guide eine gemeinsame Abfahrt auf der Piste? Worauf müssen Sie besonders achten?

Eigentlich auf alles. Ich muss Noemi – so gut es geht – beschreiben, wo sie langfahren muss, wie sie lang fahren muss, ob es steiler oder flacher wird, ob Sonne oder Schatten ist, wie die Beschaffenheit der Piste ist. All das baue ich in meine Kommandos ein und drehe mich eigentlich bei jedem zweiten Schwung nach ihr um und schaue, ob der Abstand passt. Mein eigenes Skifahren muss komplett automatisiert sein.

Sie sind sozusagen die Augen von Noemi Ristau. Was können Sie im Umkehrschluss von Ihrer sehbehinderten Partnerin lernen?

Ich bewundere sie dafür, was sie alles hinbekommt, obwohl sie nur zwei Prozent Sehkraft hat. Sie inspiriert und motiviert mich.

Paula, Sie sind 22 Jahre alt, studieren Sportmanagement, haben an den Paralympics teilgenommen. Welche Ziele verfolgen Sie persönlich in Zukunft?

Etwas Spezielles habe ich noch nicht im Blick. Im Herbst werde ich nach München ziehen und von dort meine Bachelorarbeit schreiben. Vielleicht kommt dann noch der Master, oder aber ich fange an zu arbeiten. In München bin ich auch nah an den Bergen, sodass ich vielleicht beruflich etwas mit Wintersport machen kann. Ich denke, mir stehen alle Türen offen.

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