Rein in die Schnitzelgrube

Einmal Skispringen: Sportredakteurin wagt den Selbstversuch

Bereit zum Absprung: Doch bevor es so weit ist stehen Trockenübungen auf dem Rollbrett an, danach geht’s rauf auf den Balken – und dann in der Abfahrtshocke die Keramikspur hinunter (Foto) und hinein in die Schnitzelgrube. Foto: Spohr

Willingen. Wie trainieren eigentlich Skispringer, bevor sie irgendwann im Weltcup von einer großen Schanze runterspringen dürfen? HNA-Sportredakteurin Friederike Göbel hat das getestet.

„Hier werden Skispringer gemacht“, begrüßt mich Jörg Pietschmann, Skisprungtrainer des SC Willingen, im Haus des Gastes in Schwalefeld. Dort wird ein altes Schwimmbad genutzt, um die ersten Schritte als Springer zu absolvieren. Das steht heute auch mir bevor. Denn: Ich wage den Selbstversuch.

Das alte Becken in der Halle ist zum Glück randvoll mit Schaumstoff-Schnitzeln gefüllt – eine weiche Landung ist garantiert. Die kleine Holzschanze und die Anlaufspur vor dem Becken sind Marke Eigenbau, gebastelt von einem Willinger Schreiner. Kaufen kann man so etwas nicht.

Bevor es los geht, nimmt mir Pietschmann jegliche Illusionen. Ob es auch möglich ist, als Laie von der Mühlenkopfschanze zu springen will ich wissen. „Um Gottes Willen“, kontert der Coach. „Dort können nur Profis springen, alles andere ist lebensmüde.“ Dann vielleicht am Orenberg in Willingen, da wo die Kinder auf kleineren Schanzen trainieren? „Machbar ist das schon“, klingt Pietschmann optimistischer, um gleich anzufügen: „Man braucht aber ein paar Jahre dafür.“

Schließlich erreiche man selbst dort eine Anlaufgeschwindigkeit von 50 km/h. Zum Vergleich: Auf der Mühlenkopfschanze kommen die weltbesten Springer auf 90. Klingt schnell, ist es laut Jörg Pietschmann aber gar nicht. „Auf Alpinski sind ja viele schneller unterwegs.“

Bevor es richtig los geht, stehen Trockenübungen auf einem Rollbrett an – erst mit Turnschuhen, dann geht’s in die Sprungstiefel. Bequem sind die nicht gerade. „Fürs Gehen sind die auch nicht gemacht“, sagt der Coach, der vor 17 Jahren auch Stephan Leyhe in der Schwalefelder Schnitzelgrube an das Skispringen herangeführt hat. Heute springt der 23-Jährige im Weltcup.

Weiche Landung: Gar nicht so einfach, wieder aus der Grube hinaus zu krabbeln.

Dafür dürfte es bei mir nicht mehr reichen. „In die Hocke, Knie auseinander, Arme nach hinten strecken und Blick nach vorn“ – diese Anweisungen bekomme ich immer wieder. Langsam schiebt mich Pietschmann auf dem Rollbrett in Richtung Becken, dann folgt der Absprung und die Landung in der Grube. Und gleich lerne ich Grundsätzliches. „Dass man nach vorne springen muss, ist ein Trugschluss. Man springt in die Höhe, der Oberkörper zeigt nur nach vorne“, erklärt der Trainer.

Nach einige Versuchen auf dem Rollbrett wird es dann ernst: Es geht hinauf auf den kleinen Sprungturm, der Bakken ist knapp zwei Meter über dem Boden. Letzte Anweisungen gibt’s vom Coach: „Am Balken festhalten, in die Hocke, dann einfach los lassen.“ Gesagt, getan. Schon gleite ich die weiße Keramikspur hinunter, zwei Sekunden später hopse ich in die Schnitzelgrube – mein erster Sprung.

Es war gar nicht so schlimm, im Gegenteil: Spaß hat’s gemacht. „Der Anfang ist gemacht“, sagt Jörg Pietschmann und lobt: „Gar nicht so dumm angestellt. Im Sommer führen wir das mal auf einer richtigen Schanze fort.“ Also doch noch der Orenberg? So ganz überzeugt bin ich davon noch nicht.

Von Friederike Göbel

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