In der Vereinigung getrennt

„Die kalten Ringe“ beleuchtet die gesamtdeutsche Olympia-Mannschaft 1964

Eine Filmrolle mit Geschichte: (von links) Thomas Grimm, Klaus Lehnertz, Manfred Matuschewski und René Wiese gingen in Göttingen auf eine Reise ins Jahr 1964.
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Eine Filmrolle mit Geschichte: (von links) Thomas Grimm, Klaus Lehnertz, Manfred Matuschewski und René Wiese gingen in Göttingen auf eine Reise ins Jahr 1964.

Es ist ein fast vergessenes Kapitel der deutschen Sportgeschichte: Bei den Olympischen Spielen 1964 in Tokio trat letztmals bis zur Wiedervereinigung ein gesamtdeutsches Team aus Sportlern der BRD und der DDR gemeinsam an.

Göttingen – 2021 findet Olympia zum zweiten Mal in der japanischen Metropole statt. Das nahmen die Historiker Thomas Grimm und René Wiese zum Anlass, die Vorgänge rund um das gemeinsame und doch getrennte Team erstmals umfassend in einem Film zu dokumentieren. Dabei half ihnen auch der Kasseler Klaus Lehnertz, 1964 Bronzemedaillengewinner im Stabhochsprung.

Der begeisterte Hobbyfilmer Lehnertz trug viel privates Archivmaterial in bewegten Bildern zum Film „Die kalten Ringe“ bei. Der Film, der am 19. Juli in der ARD zu sehen sein wird, wurde nun bei einer Vorführung im ASC-Clubhaus in Göttingen gezeigt. Lehnertz’ Aufnahmen machen dabei auch noch eine vom Kalten Krieg unabhängige Perspektive auf: die des Olympioniken in der damals wohl größten und modernsten Stadt der Welt.

Viele Anekdoten vom Sport im Kalten Krieg gaben die Gäste bei der Vorführung in Göttingen zum Besten. Neben den Produzenten Grimm und Wiese sowie Lehnertz war mit Manfred Matuschewski ein weiterer Teilnehmer von 1964 gekommen. Er gab einen Einblick in die Sicht der damaligen DDR-Sportler, denen der Kontakt zu westdeutschen Athleten offiziell untersagt war.

Klaus Lehnertz (rechts) beim Stabhochsprung-Wettbewerb in Tokio 1964.

Es sind vor allem diese Zeitzeugenberichte gepaart mit eindrucksvollen Archivbildern, die den Film „Die kalten Ringe“ ausmachen. Er schildert die Geschichte eines zweigeteilten Olympia-Teams, das auf Wunsch des IOC unter einer Flagge antreten musste. „Wir waren wohl eine gesamtdeutsche Mannschaft, wir waren aber eine getrennte Mannschaft. Genauso hätten das Polen sein können – oder was weiß ich.“ Dieses Zitat der mittlerweile verstorbenen Sprinterin Karin Balzer eröffnet den Film – und unterstreicht die damals vorherrschende Stimmung.

In einer vom Ost-West-Konflikt aufgeladenen Atmosphäre Anfang der 1960er Jahre (Mauerbau, Kuba-Krise) kämpften ost- und westdeutsche Athleten in internen Qualifikationen um die Olympia-Startplätze. Brisant: Der Verband mit den meisten Teilnehmern durfte auch den prestigeträchtigen Posten des Chef de Mission besetzen.

Weniger bei den Sportlern selbst, dafür umso mehr in den Medien wurde der Kalte Krieg während der Ausscheidungswettkämpfe in heißen Wortgefechten ausgetragen. Ein Beispiel zeigt das eindrucksvoll: Beim Vor-Quali-Spiel der Fußballer zwischen der DDR und der BRD-Amateurauswahl übernahm das ZDF im Hinspiel in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) den Kommentar des DDR-Fernsehens – und produzierte damit einen Skandal. Von ungefilterter SED-Propaganda ist in der westdeutschen Presselandschaft hernach zu lesen. Dabei kommentiert Florian Oertel so, wie man es sich heutzutage wünscht, nur benutzt er die Worte „Deutsche Demokratische Republik“ – ein Frevel aus westdeutscher Sicht, wo die DDR wahlweise als Mitteldeutschland oder Zone bezeichnet wird.

In diese Grundatmosphäre wird der Film „Die kalten Ringe“ eingebettet. Er schafft es, ein gelungenes Bild von „damals“ zu zeichnen: Er nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise in eine längst vergessene Zeit, in der der Kampf der Systeme die gesamte Gesellschaft durchdrang.

Der Film und das dazugehörige Buch „Die kalten Ringe“ sind bei der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) für 4,50 Euro erhältlich.

https://m.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/322511/die-kalten-ringe

https://m.bpb.de/mediathek/322655/die-kalten-ringe

Von Andreas Arens

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