Schöne Spiele

Ein Wunder leider ohne jedes Happy End für Göttingen 05

+
So lautete die Überschrift am 10. Juni 2001 in der HNA-Sonntagszeit: Das Foto zeigt die Freude der 05-Spieler nach dem 3:0 durch Tobias Dietrich.

Keine Spiele – nirgendwo. Was kann da schöner sein, als zurückzublicken? Auf schöne Spiele im Fußball, aber auch im Handball, Eishockey oder Basketball. Unsere Autoren werden das in den kommenden Wochen weiter tun, einige auch in persönlichen Erinnerungen.

Göttingen – Völlig frustriert traten mein Kollege Helmut Anschütz und ich die weite Rückfahrt am Samstag, den 2. Juni 2001, von der Ostseeküste an. Gerade hatte Göttingen 05 das Aufstiegsspiel zur Fußball-Regionalliga Nord gegen Holstein Kiel mit 0:2 verloren.

„Das wird im Rückspiel nichts, dafür waren die Störche viel zu dominant“, war unsere einhellige Meinung. Da taten uns dann schon noch die insgesamt 730 Kilometer und knapp acht Stunden für Hin- und Rückfahrt weh ganz nach dem Motto: „Außer Spesen nichts gewesen.! Wir titelten für die HNA: „Zu wenig Biss, zu viel Angst! Jetzt wird es schwer für 05.“

Als wir dann noch erfuhren, dass am nächsten Tag der Verein Insolvenz beantragt hatte, erreichte die Frustration ihren Höhepunkt, zumal damit auch nicht gewährleistet war, ob es überhaupt zu einem Rückspiel kommen konnte. Es kam, jedoch gingen die Schwarz-Gelben mit der schweren Hypothek dieses deprimierenden 0:2 in diese Partie im Jahnstadion am Samstag, dem 10. Juni 2001.

Knapp 7000 Zuschauer hatten gleichwohl die Hoffnung, dass ihre 05er das 0:2 noch drehen könnten. Ihre Hoffnung wurde nicht enttäuscht. Doch erst einmal spielte Schiedsrichter Soltow Schicksal, als er in der 40. Minute ein einwandfreies Tor der drückend überlegenen Göttinger durch Dion Popov, dessen Schuss noch der Kieler Zbigniew Ilski ins eigene Tor abfälschte, wegen angeblicher Abseitsstellung Popovs nicht anerkannte, obwohl Kiels Karsten Fukas noch einen Meter dichter am eigenen Tor stand. Das brachte 05-Trainer Frank Eulberg zu Recht auf die Palme, wie ein Rumpelstilzchen hüpfte er wutschnaubend am Spielfeldrand herum.

In der zweiten Halbzeit dann wurde ein Spieler zum Fußballgott aus dem Eichsfeld geboren. Der überragende Kapitän Tobias Dietrich war es, der mit dem Pausenpfiff per abgefälschtem Freistoß die längst fällige 1:0-Führung erzielte. Mit einem Tor des Monats erhöhte der Bulgare Popov nur drei Minuten nach Wiederanpfiff, als er seinen Gegenspieler Kopuk mit einem Lupfer narrte und das Leder volley mit Vollspann in die Kieler Maschen hämmerte. Und in der 64. Minute setzte sich Dietrich endgültig die Krone auf, als er den Ball aus 18 Metern unten links zum alles entscheidenden 3:0 versenkte.

Das sonnenüberflutete Jahnstadion glich in diesem Moment einem Tollhaus, zumal niemand mit einer solchen Wende gerechnet hatte.

Göttingen 05, der Verein, der in den 50er Jahren in der obersten deutschen Spielklasse für Furore sorgte, hatte den Fans mit diesem Aufstieg vermeintlich wieder das Fußball-Gen eingepflanzt.

Das dicke Ende aber kam nur kurz danach. Die 05er erhielten aufgrund ihres Insolvenzantrages keine Lizenz für die damals dritthöchste Spielklasse. Alles Bemühen, mit Spenden den Aufstieg doch noch möglich zu machen, fruchteten nicht. Und im September 2003 wurde der 1. SC Göttingen 05 gänzlich aus dem Vereinsregister gestrichen. Eine Fußball-Legende war endgültig gestorben.  wg/gsd

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.