Gespräch mit Sportpsychologe Gernot Emberger über Wege aus der Erfolglosigkeit

„Gutes Miteinander motiviert“

Betreut Profisportler: Gernot Emberger. Foto: Mahr

Altkreis Münden. Eine solch desaströse Lage wie derzeit hat es bei den heimischen Handballteams noch nie gegeben. Mit Ausnahme der Dransfelder Frauen belegen alle Mannschaften, die auf Landesebene antreten, die letzten Tabellenplätze und zwar mit null punkten. Auch die Escheröder Frauen (Bezirksoberliga-Aufsteiger) schließen sich dieser Misserfolgsserie an (siehe Tabellenauszüge). Wir haben mit dem Kölner Sportpsychologen Gernot Emberger gesprochen, wie man mit einer solchen Situation umgehen sollte.

Herr Emberger, Was ist in langen Phasen der Erfolglosigkeit für Sportler am wichtigsten? Gernot Emberger: Das Wichtigste ist, sich nicht etwa auf die anbahnende Katastrophe zu konzentrieren, sondern sich auf seine Stärken zu besinnen.

Das dürfte unseren Mannschaften derzeit ziemlich schwer gelingen. Emberger: Die Trainer sind hier auch als Psychologen gefragt. Sie müssen die Stärken ihrer Sportler betonen und regelrecht herausarbeiten. Das setzt natürlich voraus, dass irgendetwas da ist, was gut läuft oder früher besser lief. Wenn ein Trainer selbst meint, dass seine Mannschaft nichts drauf hat, wird es relativ schwierig.

Welche Rolle können Trainerwechsel spielen? Emberger: Die Grundaussage vieler Untersuchungen ist, dass Trainerwechsel in solch verfahrenen Situationen kaum etwas bringen. Meistens poppt die Leistung nur kurzfristig etwas hoch, ehe sie wieder auf den alten Stand fällt. Es gibt aber doch auch Gegenbeispiele... Emberger: Das stimmt. Aktuell scheint sich beispielsweise der Trainerwechsel bei Borussia Mönchengladbach als nachhaltig herauszustellen. Profisportler vereint der gemeinsame Wille, den maximalen Erfolg zu erreichen. In Gladbach scheint André Schubert den Nerv der Mannschaft getroffen zu haben. Und die Spieler hatten aus der vergangenen Saison ja die Gewissheit, dass sie es viel besser können.

Viele Amateure motiviert eher der Umstand, dass man sich in der Mannschaft wohlfühlt. Hier treibt ein gutes Miteinander sehr stark an. Wenn Trainer es schaffen, das soziale Gefüge innerhalb des Teams aufzuwerten und mehr Spaß zu vermitteln, können sie mit ihren Spielern auch wieder erfolgreich werden. Macht es für einen Trainer während einer Niederlagenserie Sinn, die Schwächen der Spieler anzusprechen, um sie abzustellen? Emberger: In einer solchen Krisensituation sind die Leute von ihrem Selbstwert her schon ganz unten. Deshalb muss ein Trainer jedem Einzelnen in erster Linie seine Stärken vor Augen führen. Es macht aber Sinn, sich gleichzeitig sehr realistisch zu betrachten. Wird es jetzt für unsere Mannschaften mit jeder weiteren Niederlage nur noch schlimmer? Emberger: Wenn sich die Mannschaften primär auf die missliche Lage konzentrieren, dann bestimmt. Deutlich cleverer wäre es, sich unabhängig von der Bedeutung der Situation auf die Bereiche zu fokussieren, die man selbst beeinflussen kann. In der Praxis heißt dies für den Trainer: den Fokus auf produktive Trainingsinhalte und ebenso stabile wie nachhaltige Absprachen legen; für die Spieler: sich ganz auf den unmittelbaren Spielzug, den aktuellen Pass oder Torwurf zu konzentrieren. Diesen Fokus trotz Druck aufrecht erhalten zu können ist letztendlich das, was sich hinter dem Begriff mentale Stärke verbirgt – die Basis, um sich selbst aus einer Krise befreien zu können.

Von Manuel Brandenstein

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