Lachen blieb im Halse stecken

HSC Landwehrhagen bestritt Handball-Punktspiel in Kasseler Gefängnis

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Spielten hinter hohen Mauern: Der HSC, hier außerhalb der Sporthalle mit seinen Trainern Andreas Abe (links) und Mario Groß (ganz rechts). 

Kassel. Im Warteraum des Wehlheider Gefängnisses hat sich ein beklemmendes Gefühl eingestellt. Gleich werden die Handballer des HSC Landwehrhagen zum ersten Mal hinter Gitter gehen.

Die 13 Spieler und ihre Trainer Andreas Abe und Mario Groß treten beim Gefangenensportverein 1974 Kassel an – und dessen Akteure sind anderthalb Stunden vor dem Anpfiff noch eingesperrt.

Am Wochenende gibt es für sie schon um viertel nach drei Abendbrot. Danach geht es bis Montagfrüh in die Zellen. Glücklich derjenige, der noch dieses Handballspiel am Samstagnachmittag austragen darf.

Am Standort Kassel sitzen unter anderem der sogenannte Kannibale von Rotenburg, Armin Meiwes und der Mörder eines Frankfurter Bankierssohns, Magnus Gäfgen, ein. Letzterer durfte mittlerweile seinen Namen ändern, um später bessere Chancen auf eine Resozialisierung zu besitzen.

Die Landwehrhäger versuchen, mit Scherzen die Unsicherheit zu überspielen. Doch allen ist anzumerken, dass ihr zweites Saisonspiel in der Bezirksliga C etwas Besonderes ist. Eine Woche zuvor hatten sich alle HSCer einer polizeilichen Prüfung unterziehen müssen. Sollte einer beispielsweise schon einmal ein Drogendelikt begangen haben, wäre die Partie für ihn ins Wasser gefallen. Beim HSC sind aber alle „sauber“ und so warten sie auf einen Justizbeamten, der sie zur Sporthalle bringen wird. Zuvor müssen noch alle Handys und Wertsachen abgegeben werden. Auch Jürgen Schachtschneider vom Handballbezirk hat den elektronischen Spielbericht im Warteraum auszufüllen, denn auch Internet ist im Gefängnis-Inneren untersagt.

Schauten sich das Spiel ebenfalls an: JVA-Mitarbeiter Stefan Werner (links) und Gefängnisleiter Kai-Uwe Meister.

Dann kommt JVA-Mitarbeiter Stefan Werner und schließt die erste von letztlich drei Stahltüren auf. Den Innenhof dahinter umgeben sechs Meter hohe Mauern, mit Rollen von Stacheldraht gesichert. Werner, der auch Vorsitzender des GSV 74 ist, erzählt, wie wichtig der Sport für die Gefangenen sei. „Viele haben vorher nie erfahren, wie es ist, in einem Team positiv zusammenzuarbeiten.“ Fast 500 Plätze hat die JVA, die mitten in einer begehrten Kasseler Wohngegend liegt. Ab kommendem Jahr soll die Anlage für 100 Millionen Euro saniert werden. Die Sporthalle hat das allerdings nicht nötig. Sie ist in bestem Zustand.

Auf einer Hälfte des Spielfeldes machen sich die Gastgeber warm. GSV-Kapitän Gregor sitzt seit fast zwei Jahren ein; raus kommt der 26-Jährige voraussichtlich Mitte Januar 2019. Wegen Diebstahls sei er eingesperrt worden. „Es ist kein einfaches Leben, hier man braucht gute Nerven“, meint er. „So ein Handballspiel ist für uns enorm wichtig, um sich vor dem Einschluss mal richtig auszupowern.“

Auswärtsspiele dürfen sie seit rund 20 Jahren nicht mehr bestreiten. Gefängnis-Chef Jörg-Uwe Meister erklärt: „Wir sind eine Anstalt der höchsten Sicherheitsstufe. Lockerungen, die es früher mal gab, sind bei uns nicht mehr möglich.“ Auch Meister will sich das Spiel ansehen. Gegen den HSC ist auch ein Spieler dabei, der eine lebenslange Freiheitsstrafe verbüßt, die in Deutschland mindestens 15 Jahre beträgt und immer im Zusammenhang mit Tötungsdelikten steht. „Wir versuchen nicht nur diesen Insassen neue Reaktionsmuster aufzuzeigen, die verhindern können, dass sie nach ihrer Freilassung in ähnlich gefährliche Situationen geraten. Der Sport kann hier zusätzliche Dienste leisten“, so Jörg-Uwe Meister weiter.

Die Handballer vom GSV verhalten sich gegen den HSC fair und freundlich, obwohl sie das Spiel sehr deutlich mit 19:35 verlieren. Am Ende wird sogar gescherzt. „Macht keine bösen Sachen, sonst sehen wir uns hier wieder“, ruft einer der Häftlinge – und den Landwehrhägern bleibt das Lachen im Halse stecken.

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