Karl-Otto Lambrecht pfeift seit 50 Jahren Handballspiele / Verständnis für die Spieler zeichnet ihn aus

„Nicht gleich wilden Mann markieren“

Immer noch an der Pfeife: Karl-Otto Lambrecht, vom HSC Landwehrhagen. Foto: privat

Landwehrhagen. Regeltests hat Karl-Otto Lambrecht schon unzählige geschrieben. Gelbe, Rote, blaue Karten, Stürmerfoul und Schrittfehler – das alles ist beim Handball sehr wichtig. Doch nicht zuletzt sein Bauchgefühl hat den Schiedsrichter aus Landwehrhagen durch die Jahrzehnte getragen. Ansonsten sind 50 Jahre an der Pfeife wohl auch kaum durchzustehen.

Neue Schiedsrichter zu finden, ist nicht nur im Handball schwer. Viele Anfänger lassen sich zunächst überreden, um dann nach einer Saison die Pfeife für immer in die Ecke zu werfen. Da ist es gut für den Sport, dass sich die Ansetzer in den Handballkreisen auf ihre Routiniers verlassen können. Noch heute, mit 71 Jahren, ist Lambrecht bis zur Bezirksliga A und bei der Jugend im Einsatz. „Es macht mir einfach Spaß und man bleibt bei der Sache jung“, meint der Rentner, der um einige Jahre jünger erscheint.

Dass er überhaupt beim Handball landete - und damit beim HSC Landwehrhagen - anstatt wie die meisten Jungen im Ort bei den Fußballern des TSV, lag an seinem Stiefvater. Der hatte sich – wie andere auch – nach dem Krieg im Unfrieden vom TSV getrennt und sich 1949 an der Gründung des Handball Sportclubs (HSC) beteiligt. Im Verein seines Stiefvaters fing der 16-jährige Karl-Otto Lambrecht gleich im Männerteam an, das noch in Niedersachsen gemeldet war und teilweise bis an den Harzrand fahren musste.

Fünf Jahre später begann seine Laufbahn als Unparteiischer. Und davon, dass er dann fünf Jahrzehnte lang Handballspiele leiten würde, konnte der ehemalige Werkzeugmacher im Mai 1967 nicht ausgehen.

Beginn mit 21 Jahren

Damals hatte er auf den Waldauer Wiesen beim seinerzeit noch üblichen Großfeld-Handball seinen ersten Einsatz, für den der 21-Jährige - unter anderem vom langjährigen Kasseler Kreisvorsitzenden Helmut Bannenberg - sein erstes Lob einheimste.

Lambrecht blieb dabei, pfiff Spiele und besuchte alle zwei Wochen die Schiedsrichtertreffen in einer Gaststätte am Kasseler Entenanger. Auch das spätere Bundesligagespann Meuler/Lienhop gehörte zeitweise dazu. „Das war immer eine schöne Gemeinschaft“, erinnert er sich. Heute wären solch häufige Treffen wohl schwer möglich, zumal auch die Frauen mitspielen müssten. Seine eigene Frau jedenfalls habe immer Verständnis gezeigt.

Seine verbindliche Art half Lambrecht oft, auf dem Handballfeld erhitzte Gemüter wieder zu beruhigen. Nur einmal sei ihm das nicht gelungen: „Das war bei einem Frauenspiel zwischen dem KSV Hessen und WVC Kassel. Da war mein Trikot schon nach kurzer Zeit völlig durchgeschwitzt.“ Beide Teams hatten sich zu einer außergewöhnlich rauen Spielweise entschlossen. „Wenn ich da stur nach Regelheft gepfiffen hätte“, wäre das Spiel schnell vorbei gewesen“, so Lambrecht.

Unauffällig bleiben

Auch bei Jugendspielen müssen sich Schiedsrichter so einiges anhören. „Das ist im Laufe der Jahre schlimmer geworden. Zuschauer sind manchmal kaum noch zu bändigen. Deshalb kann man schon Verständnis dafür haben, wenn ganz junge Schiedsrichter den Krempel wieder hinwerfen“, meint der Landwehrhäger, der sich dafür ausspricht, Anfänger zu Beginn ihrer Laufbahn fünf-, sechsmal zu begleiten. Und was rät Lambrecht seinen jungen Kollegen nach einem halben Jahrhundert an der Pfeife? „Man sollte sich selbst nicht so wichtig nehmen und bei Beschwerden der Spieler nicht gleich den wilden Mann markieren. Am besten sollte man den Schiedsrichter auf dem Feld kaum bemerken – dann war es ein gutes Spiel für den Unparteiischen“, ist sich Karl-Otto Lambrecht sicher.

Von Manuel Brandenstein

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