EM-Teilnehmer aus Liebenau

„Ohne Socken auf die Bahn“: Bastian Mrochen aus Liebenau ist bei der U20-EM in Talinn dabei

Auf dem Foto ist ein Junge zu sehen, der ein rotes Trikot trägt. Er hat rote Haare und läuft.
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Immer vorne weg: Bastian Mrochen, hier bei den deutschen Hallen-Leichtathletik-Meisterschaften 2020, vertritt Deutschland bei der U20-EM in Talinn.

Bastian Mrochen aus Liebenau nimmt an der U20-Europameisterschaft teil. Der 19 Jahre alte Leichtathlet freut sich sehr auf diese Herausforderung.

Liebenau – Bastian Mrochen aus Liebenau wird bei der U20-Europameisterschaft (15. bis 18. Juli) in Talinn (Estland) über 5000 Meter an den Start gehen. HNA-Redakteur Michael Rieß sprach mit dem 19-Jährigen über seinen Weg in die Leichtathletik, sein Studium in den USA und seine Ziele bei der EM.

Herr Mrochen, wann gehts nach Estland?
Am Dienstag ist der Flug, am Freitag mein Wettkampf.
Was ist Ihr Ziel beim 5000-Meter-Lauf?
Ich habe mehrere Ziele: Mein großes Saisonziel, die Teilnahme an einem internationalen Wettbewerb, habe ich schon erreicht. Ganz toll wäre es, wenn ich bei der EM die Qualifikation für die WM schaffen würde.
Welche Normen sind zu erfüllen?
Man muss unter die ersten Acht kommen – und das in einer Zeit unter 14:10 Minuten.
Von 14:10 ist ihre persönliche Bestzeit weit entfernt.
Die liegt bei 14:19. Wenn es ein schnelles Rennen wird in Talinn, dann ist noch eine Leistungssteigerung drin.
Ihre Leistung ist in diesem Jahr förmlich explodiert. Sie gingen vor einem Jahr zum Studium in die USA. Hängt das zusammen?
Auf jeden Fall. Die Bedingungen sind hier optimal. Und es wird teilweise auch anders, teils auch härter trainiert.
Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Also das Härteste war eine Abwandlung des sogenannten Michigan-Hangouts. Da läuft man 1600 Meter so schnell, wie man kann, dann 1600 Meter etwas lockerer. Es folgen 1200 Meter am Limit und dann 1200 Meter etwas lockerer. Solche Intervalle mit verschiedenen Längen wiederholen sich. Am Ende hatte ich gut elf Kilometer auf diese Weise zurückgelegt. Das steckte mir zwei Tage in den Knochen.
Also zwei Tage Trainingspause.
Nein, nein. Dauerläufe waren auch für den nächsten Tag angesetzt. Aber auch, wenn ich nach dem Lauf kaputt war, diese eine Trainingseinheit hat mir unwahrscheinlich viel gebracht.
Inwiefern?
Dass es die Ausdauer fördert und die sportliche Leistung steigert, liegt auf der Hand. Aber auch psychisch bringt es einen voran. Man sieht und erfährt, was man zu leisten im Stande ist.
Mit der Psyche kennen Sie sich ja aus. Sie studieren Psychologie in den USA. Wie kamen Sie auf die Universität in North-Carolina und was wollen Sie nach dem Studium machen?
Es ist richtig. Ich wollte an eine Uni in den Staaten. Voraussetzung war, dass es ein Stipendium gab und dass sie gute Möglichkeiten für Läufer bietet. Es gibt Vermittlungsforen, in denen man Kontakte knüpfen kann. So bin ich auf die Uni aufmerksam geworden. Als Berufsziel kann ich mir Sportpsychologie oder auch die Werbebranche vorstellen. Wie lange ich in den Staaten bleibe, entscheide ich immer Jahr für Jahr. Es ist denkbar, dass ich nach dem Bachelor nach Deutschland wechsle.
In der Nähe von Liebenau wohnt Ihre Freundin. Ist die Trennung nicht hart?
Ja, ist es. Das Gute ist, dass es soziale Medien gibt. Wir unterhalten uns viel über Facetime. Meine Mannschaftskollegen hier lästern schon immer. Wenn wir zu einem Wettkampf fahren, nutze ich jeden Stopp, um einen Hotspot zu finden, damit ich mit ihr sprechen kann. Aber anders kann eine Fernbeziehung nicht Bestand haben.
Wird Sie Ihre Freundin nach Talinn begleiten?
Das steht noch nicht fest. Es hängt auch davon ab, ob es bezahlbare Flüge und Unterkunft gibt.
Seit wann wissen Sie, dass sie an der EM teilnehmen?
Es gab zwei Qualifikationskriterien. Das erste, eine Zeit von unter 14:27, habe ich bei einem Lauf im April erfüllt. Das zweite war dann ein Platz unter den Ersten bei einem Qualifikationsrennen. Das schaffte ich vor knapp zwei Wochen. Da wusste ich, dass ich wahrscheinlich dabei bin. Endgültig gewusst habe ich es dann, als ich Anfang der Woche meinen Namen auf der Teilnehmerliste sah.
Ihre Reaktion darauf?
Auch wenn man weiß, dass man es geschafft hat, wenn es aber dann offiziell ist, fällt einem ein großer Stein vom Herzen.
Wie kamen Sie eigentlich zur Leichtathletik?
Alle Kinder laufen natürlich, aber keines macht eigentlich Rundenläufe gerne. Das war bei mir nicht anders. In der Grundschule habe ich aber schon gemerkt, dass ich über längere Strecken ganz gut bin. Ab zehn habe ich dann sporadisch trainiert. Aber nicht so richtig ernst. Als ich 13 war, wurde ich von meinem Verein, der LG Reinhardswald, kurzerhand für hessische Meisterschaften angemeldet. Da dachte ich: Jetzt musst du dich anstrengen. Seitdem trainiere ich richtig.
Welchen Platz belegten Sie?
Ich wurde Dritter. Das war ein Erfolg, der dann natürlich auch anspornt.
Der LGR haben Sie viel zu verdanken.
Ja. Vor allem den Sponsoren, die es nicht nur mir ermöglichten, sondern allen anderen Jugendlichen auch, an Wettkämpfen teilzunehmen. Gerade bei nationalen Wettkämpfen sind ja oft weite Strecken zurückzulegen. Ohne den Förderverein der LGR würde das nicht gehen. Und natürlich sind die Eltern wichtig, die einen stets unterstützen.
Und jetzt vertreten Sie Deutschland bei einer Europameisterschaft.
Ja und ich freue mich darauf.
Gibt es bestimmte Vorschriften für Mitglieder des Nationalteams?
Ja, eine strenge Kleiderordnung. Wegen des einheitlichen Erscheinungsbildes müssen bei den offiziellen Terminen alle das gleich tragen. Aber darauf ist ja auch jeder Sportler stolz.
Es würde auch nicht schön aussehen, wenn bei einem offiziellen Mannschaftsbild jeder eine andere Sockenfarbe hätte.
Keine Sorge, die vergesse ich nicht. Aber auf die Bahn will ich wie immer ohne Socken gehen. (Michael Rieß)

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