Punktabzüge sorgen für Unmut

Ärger um Schiedsrichter-Soll im Fußball: Das kritisieren Vereine aus der Region

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Bitte weiterpfeifen: Schiedsrichter wie Jan Lübberstedt (links), der hier das Spiel der Baunataler (von links) Nico Möller, Daniel Borgardt und Malte Grashoff leitet, sind für Vereine immer schwieriger zu bekommen. Foto:

Der drohende Punktabzug des KSV Hessen in der Fußball-Hessenliga hat das Schiedsrichter-Soll wieder in den Fokus gerückt. Wir haben uns nach Meinungen zum Thema bei anderen Vereinen umgehört.

Es ist für viele Fußball-Vereine ein leidiges Thema: das Schiedsrichter-Pflichtsoll. Wer nicht genügend Unparteiische – errechnet anhand der gemeldeten Mannschaften – stellt, der wird mit Geldbußen und Punktabzügen bestraft. In der vergangenen Saison waren in Nordhessen 90 Vereine betroffen, 124 Punkte (je fehlendem Unparteiischen einer) wurden abgezogen. Wir haben mit Vereinsvertretern aus der Region über das Thema gesprochen.

TSV Rothwesten

Der TSV Rothwesten stellte in den vergangenen Jahren genügend Schiedsrichter, wurde also nicht bestraft. Dennoch ärgert Günter Nedwig, Vorstandsmitglied des Gruppenligisten, die Regelung des Hessischen Fußball-Verbandes. „Die Strafen infolge des Schiedsrichter-Solls greifen in den Spielbetrieb ein. Das ist nicht der richtige Weg“, sagt er. Die Vereine seien bemüht, neue Unparteiische zu finden. Aber häufig fehle das Interesse bei möglichen Kandidaten. „Ich kann doch nicht durch das Dorf laufen und die Leute mit dem Lasso einfangen“, sagt Nedwig. Es sei auch die Aufgabe des Verbandes, das Interesse für das Amt als Schiedsrichter zu wecken – „meinetwegen mit finanziellen Anreizen“, sagt er.

Zudem sei die Spielordnung veraltet und es gebe zahlreiche Strafen wie Punktabzüge. „Schafft ein Verein die Vorgaben nicht, kommt gleich die Strafkeule“, so Nedwig. Aber das sei der falsche Ansatz. „Es müsste eher ein System der Belohnung als der Bestrafung geben. Warum werden Vereine, die das Soll erfüllen oder mehr Schiedsrichter haben, nicht belohnt?“ Immerhin habe der Verband das Strafmaß der Punktabzüge im Vergleich zu früher schon zurückgeschraubt.

Ein weiteres Problem sei das Wechselrecht bei den Unparteiischen. Wenn ein Verein sie ausgebildet hat, dürfen sie nach einem Jahr wechseln, ohne das der Klub entschädigt wird.

VfL Kassel

Jeweils zwei Punkte wurden dem Gruppenliga-Aufsteiger VfL Kassel in den beiden vergangenen Spielzeiten abgezogen – obendrauf kam die Geldstrafe. „Im Grunde hat der Verband recht, wenn man kein Druckmittel hat, reagieren die Vereine nicht“, sagt der VfL-Vorsitzende Peter Döhne. „Allerdings muss über die Punktabzüge diskutiert werden, besonders wenn sie Einfluss auf Auf- oder Abstieg haben.“

Es sei immer schwieriger, Personen zu finden, die sich zu Schiedsrichtern ausbilden lassen. „Das ist dasselbe Problem wie beim Ehrenamt“, sagt Döhne. Unparteiische von anderen Klubs abzuwerben, käme für den VfL nicht infrage und wäre aufgrund des Handgeldes mit hohen Kosten verbunden. Den Verband sieht er nicht in der Pflicht. „Ich wüsste nicht, wie er uns unterstützen könnte.“

FC Körle

Auch der FC Körle musste zuletzt Punktabzüge hinnehmen. Trotz aller Schwierigkeiten hat es der Verein geschafft, in dieser Saison genug Unparteiische zu stellen. Aber der Vorsitzende Thomas Brendel steht bereits vor dem nächsten Problem. Der FCK meldete nun ein zusätzliches Senioren-Team, jetzt muss zur kommenden Saison schon wieder ein Schiedsrichter her, der weitere Kosten verursacht. „Es ist skandalös, dass wir einen neuen Unparteiischen besorgen müssen, wenn wir Leuten das Fußballspielen ermöglichen wollen“, sagt Brendel. Es sei schwierig, Schiedsrichter zu finden. „Das ist nicht verwunderlich. Den meisten macht es keinen Spaß. Die Schiris werden auf den Plätzen häufig wie Dreck behandelt.“

Die Doppelbestrafung – Geld und Punktabzüge – sieht er kritisch. „Die Geldbußen tun gerade den kleinen Vereinen weh. Sie kämpfen häufig sowieso schon um ihre Existenz.“

VfR Volkmarsen

Der VfR Volkmarsen hat im Spielbetrieb zwei Herren-Teams, eine Frauenmannschaft und einige Jugendteams. Daher muss der Verein vier Schiedsrichter stellen. In der vergangenen Saison wurde dem Gruppenligisten ein Punkt abgezogen. Jetzt erfüllt er das Soll, weil er zwei junge Unparteiische ausgebildet hat. „Aber das System ist überholt, es muss ein neues her“, sagt der VfR-Vorsitzende Jürgen Salokat. „Ein Verein wird für jede Tätigkeit, jede Mannschaft, die er mehr im Seniorenbereich meldet, damit bestraft, dass er mehr Schiedsrichter stellen muss.“

Er findet es nicht richtig, dass das Soll an der Anzahl der Schiris festgemacht wird, dies solle viel mehr an deren Einsätzen geschehen. „Wir haben zwei Leute, die jeweils mehr als 100 Spiele in einem Jahr pfeifen. Die zählen genau so viel, wie einer, der 17 Einsätze hat.“ Und seine Meinung zu den Punktabzügen? „Das ist sportlich eine schlechte Lösung. Was kann unsere erste Mannschaft dafür, wenn der Verein das Schiedsrichter-Soll nicht erfüllt?“

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Vereine sind in der Pflicht

Das Schiedsrichter-Pflichtsoll des Hessischen-Fußball-Verbandes soll dem Mangel an Unparteiischen entgegenwirken. Der Kasseler Kreisschiedsrichterobmann Darko Pfeiffer nimmt bei dieser Thematik die Vereine in die Pflicht.

In dieser Saison gibt es 135 aktive Unparteiische im Kreis Kassel. Es werden mehr Schiedsrichter benötigt, aber es gibt nur wenige neue. Zur Prüfung im vergangenen Januar meldeten sich 21 Kandidaten an, zehn aus dem Kreis Kassel, elf aus der Region bis Hersfeld. Allerdings fielen acht Teilnehmer aus dem Kreis Kassel durch. „Die Vereine machen sich das zu einfach. Ich sage immer wieder, ihr müsst gucken, wen ihr zum Lehrgang schickt. Wenn wir jedes Jahr 20, 30 neue Schiedsrichter bekämen, hätten wir überhaupt kein Problem“, sagt Pfeiffer. Aber die gibt es eben nicht.

Wie kann man das Problem lösen? Pfeiffer: „Vereine müssen sich mehr um die Schiedsrichter kümmern. Der Fokus liegt oft auf der ersten Mannschaft, aber die Schiedsrichter laufen nebenbei mit. Wenn die Klubs sich besser kümmern würden, dann würden mehr dabei bleiben.“ Damit spricht er die fehlende Kontinuität an. „Die, die wir ausbilden, hören viel zu früh wieder auf: Von 25 Schiedsrichtern, die vor zehn Jahren angefangen haben, sind heute noch zwei dabei.“ Gründe dafür seien aber auch die steigende Anzahl von Beleidigungen und die größer werdende Brutalität auf den Plätzen.

Aber gibt es für Vereine, die wie der KSV Hessen jetzt zu wenige Schiedsrichter haben, eine Möglichkeit, einen Punktabzug in der laufenden Saison noch zu verhindern? „Meines Wissens nach nicht.“ Denn die Satzung hat eine klare Vorgabe. Bis zum 30. Juni 2018 müssen die Klubs ihre Schiedsrichter melden. Die Möglichkeit, nachträglich das Schiedsrichter-Soll aufzufüllen, sieht die Satzung nicht vor. Daher kann es für Vereine nur darum gehen, Punktabzüge für die Saison 2019/2020 zu verhindern.

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