Anstrengend für Körper und Seele

Interview: Arzt über die Belastungen in den Pflegeberufen

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Pflegeberufe sind häufig auch körperlich sehr belastend. Hier kümmert sich Pflegefachkraft Inga Hollmann in Essen in einer Beatmungs-WG um einen pflegebedürftigen Bewohner.

Kassel. Sie arbeiten in Berufen, die körperlich und seelisch belastend sind: Menschen, die Andere pflegen. Mit dem Arzt Dr. Diedrich Rudolff haben wir über den Druck gesprochen, der auf Pflegekräften lastet.

Herr Rudolff, welchen Belastungen sind Menschen in Pflegeberufen ausgesetzt? 

Dr. Diedrich Rudolff: Es sind vor allem körperliche und seelische Belastungen, die da zusammenkommen und die gesundheitliche Situation der Pflegenden stark beeinträchtigen.

Beginnen wir bei den körperlichen Folgen. Was sind die häufigsten? 

Rudolff: Erkrankungen des Achsen-Skeletts. Damit ist in erster Linie die Wirbelsäule gemeint. Dann gibt es Erkrankungen im Schultergürtel und Beckenbereich wie Muskel- und Sehnenerkrankungen. Später können Arthrosen der Wirbelsäule, Hüften und Knie hinzukommen. Schließlich treten Bandscheibenvorfälle auf, die infolge von Fehlbelastungen entstehen können.

Wie entstehen diese Fehlbelastungen? 

Rudolff:  Zum einen durch häufig wiederholte falsche Bewegungen und einseitige Belastungen. Wenn zum Beispiel ein Pflegender einen Menschen im Bett bewegen muss, kann er das nur von der Seite aus tun und bewegt dabei auch noch eine relativ hohe Last. So wird über die Jahre der Bewegungsapparat stark in Mitleidenschaft gezogen. Dazu kommen psychische Belastungen, die sich auch auf den Bewegungsapparat auswirken. Stress führt zu verspannten Muskeln, vor allem im Schulter-Nackenbereich und im Bereich der Lendenwirbelsäule, was die Situation verschärft.

Welche Folgen haben die Belastungen im Arbeitsalltag? 

Rudolff:  Neben Schmerzen wird auch die Fehlbelastung schlimmer. Der Pflegende versucht Ausgleichsbewegungen durchzuführen oder bestimmte Haltungen zu vermeiden, was die Fehlbelastung verstärkt. Das führt zu Einschränkungen der Bewegung, einer verminderten Belastbarkeit, zu Frustration und letztlich zu einer Gemengelage, die sogar das Ausüben des Berufs einschränken kann. Wirbelsäulenerkrankungen werden von den Berufsgenossenschaften anerkannt. Daran sieht man, dass es eine Häufung dieser Probleme gibt. Mittlerweile müssen viele Pflegekräfte früher in Rente gehen.

Sind Menschen in Pflegeberufen besonders anfällig für Überlastungen? 

Rudolff:  Ja. Das kann man einfach so stehenlassen.

Zu den körperlichen Belastungen kommen psychische. Wie entstehen diese? 

Rudolff: Die Hauptbelastung ist der enorme Zeitdruck durch Unterbesetzung. Die Pflegenden haben das Gefühl, den Bedürfnissen der Patienten nicht mehr gerecht werden zu können. Dazu kommen die Arbeit im Schichtdienst und fehlende Regenerationszeiten. Das belastet nicht nur den Körper, sondern auch die Seele. Zudem werden Pflegende nach meiner Einschätzung unangemessen bezahlt.

Führen Überlastungen auch zu Burnout? 

Rudolff:  Ja, wobei ich lieber von Erschöpfungssyndrom spreche. Vielee Pflegenden sind ausgelaugt, leiden unter depressiven Stimmungen, Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit. Folge der permanenten Überforderung ist häufig auch Fehlernährung. Wenn ein Mensch gestresst ist, greift er häufiger zu Zucker, was zu Übergewicht führen kann. So entsteht ein Teufelskreis.

Gibt es Unterschiede in der Betroffenheit von Männern und Frauen? 

Rudolff:  Das ist schwer zu sagen, da weniger Männer in Pflegeberufen arbeiten. Was ich sagen kann: Männer sind seltener betroffen, weil sie muskulär kräftiger sind und seelischen Stress oft weniger an sich heranlassen als Frauen. Wir haben auch oft noch eine klassische Rollenverteilung in den Familien. Häufig haben Frauen die Doppelbelastung mit Pflegejob und Familie. Männer nehmen sich eher die Freiheit und gehen zum Sport, während Frauen zugunsten der Familie auf Sport verzichten, den sie eigentlich bräuchten, um im Beruf besser über die Runden zu kommen.

Wie kann Sport im Pflegeberuf helfen? 

Rudolff: Sport bietet einen Ausweg aus dem Teufelskreis. Weil durch eine Kräftigung der Muskulatur die Fehlbelastungen des Bewegungsapparates deutlich geringer werden. Wenn ich beispielsweise eine kräftigere Bauchmuskulatur habe, kann ich meine Lendenwirbelsäule besser abstützen. Wenn ich eine stärkere Muskulatur im oberen Rückenbereich habe, kann ich damit besser heben. Sport ist das beste und nebenwirkungsärmste Schmerzmittel, das ich kenne.

Hilft Sport auch gegen Stress? 

Rudolff:  Ja. Unser Stress-System hat sich einst entwickelt, um kurzfristigen Stressoren gewachsen zu sein. Heute erleben wir zwar Stress, bauen ihn aber kaum noch ab. Die Stresshormone stauen sich im Körper. Da bietet Sport eine effektive Möglichkeit, durch körperliche Aktivität das Stresslevel zu senken - so wie es von der Natur eigentlich vorgesehen ist.

So bewerben Sie sich:

Sie leisten Dienst an ihren Mitmenschen, sind da für andere, denen es nicht gut geht. Dabei geht es ihnen selbst oftmals auch nicht gut, weil ihre Arbeit belastend ist - körperlich wie seelisch: Menschen in Pflegeberufen. Auch ihnen kann Bewegung und Sport eine Hilfe sein. Grund genug für ein neues Projekt der HNA mit sechs Fitnessstudios. „Gutes für die, die Gutes tun“ lautet das Motto vom 29. Januar bis 31. März.

Mit ihm Boot als wesentliche Unterstützer sind sechs Fitnessstudios der Region, die sich in der Gemeinschaft „Nordhessen trainiert“ mit ihrer Botschafterin Marina Orth zusammengeschlossen haben: Balance und Injoy Lady in Kassel, Fitnesspark Bebra, Medifit Wolfhagen, Sportcenter No Limits in Homberg und Balance in Hann. Münden.

80 Plätze stehen zur Verfügung - je 20 in den beiden Kasseler Studios, je 10 in den anderen. Trainiert wird zweimal pro Woche über 60 Minuten. Bewerbungen von Menschen in Pflegeberufen können bis Montag, 22. Januar, 12 Uhr, bei der HNA-Sportredaktion eingereicht werden auf dem Postweg an HNA-Sportredaktion, Frankfurter Straße 168, 34121 Kassel und per E-Mail an sportredaktion@hna.de. Nennen Sie Name, Alter, Wohnort, Körpergröße, Telefonnummer und E-Mail-Adresse, Ihren Beruf und Arbeitgeber, ihr Wunschstudio und erklären Sie uns, warum Sie Lust haben auf die Aktion.

Am 24. Januar werden die Gewinner veröffentlicht.

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