Interview: Triathletin Kristina Biel startet am Sonntag erstmals bei einer Weltmeisterschaft

„Das ist eine einmalige Chance“

1,9 Kilometer Schwimmen stehen am Anfang auf dem Programm: Kristina Biel freut sich auf diese Disziplin. 2 Fotos: privat/nh, 1 zct

Kassel. Sie steht vor dem größten sportlichen Abenteuer ihrer Karriere: Kristina Biel vom WVC Kassel startet am Sonntag erstmals bei der Ironman-Weltmeisterschaft über die Mitteldistanz. Im Interview spricht die 29-Jährige über die Faszination Triathlon, die eher zufällige Qualifikation für die Titelkämpfe und Angstmomente.

Frau Biel, fünfeinhalb Stunden lang Höchstleistung bringen – warum tun Sie sich das an?

Biel: Das frage ich mich beim Rennen auch immer, gerade auch kurz vor dem Start. Aber ich liebe das Gefühl danach: Da ist man so stolz, dass man es geschafft hat. Mir macht auch das Training Spaß. Die langen Radtouren sind grandios. Ich habe zuletzt viel vor der Schule trainiert. Ich sitze um sechs Uhr auf dem Rad und wenn ich um neun Uhr zurückkomme, habe ich dieses wunderbare Gefühl, schon etwas geleistet zu haben, wenn die anderen aufstehen.

Das klingt nach einem sehr strukturieren Tagesplan.

Biel: Den muss man haben. Sonst bekommt man das alles nicht hin. Wir müssen ja drei Sportarten unterbringen. Pro Woche stehen 15 Stunden Training auf dem Programm. Auch dieses Durchdachte hat seinen Reiz. Meist komme ich gegen drei aus der Schule. Gehe mit dem Hund raus, mache einen Trainingsblock und abends dann die Schulvorbereitung.

War die WM-Teilnahme Ihr Saisonziel?

Biel: Die Qualifikation kam total überraschend. Beim entscheidenden Wettkampf bin ich Achte geworden. Dazu muss man wissen: In meiner Altersklasse W30 gibt’s nur zwei Qualifikationsplätze für die WM. Die ersten beiden sind eigentlich qualifiziert. Am Tag danach findet die Siegerehrung statt. Da werden die Top-Platzierten gefragt, ob sie zur WM wollen. Verzichtet jemand, rückt der nächste nach. Ich war Achte, dachte mir, das kommt eh nicht in Frage. Und dann wollten alle vor mir nicht – und plötzlich musste ich spontan entscheiden, will ich zur WM?

Und, wollten Sie?

Biel: Klar. Diese Chance habe ich nie wieder. Die WM ist in Österreich, quasi um die Ecke, noch dazu sind Schulferien. Ich habe zugesagt, musste gleich die Startgebühr bezahlen und war danach total aufgeregt.

Haben Sie ein bestimmtes Ziel ins Auge gefasst?

Biel: Ich mache Triathlon ja erst seit zwei Jahren. In meiner Altersklasse starten 130 Athletinnen. Ich träume nicht von Top-Platzierungen. Ich möchte gut durchkommen, meine Zeit toppen, versuche, den Halbmarathon unter zwei Stunden laufen und vielleicht nicht die Letzte unter den fünf Deutschen zu werden. Ein Platz im Mittelfeld wäre super.

Nehmen Sie uns mit in den Wettkampf. Zunächst steht Schwimmen auf dem Programm.

Biel: Da mache ich mir keinen Kopf. Ich werde etwa 30 Minuten brauchen. Beim Schwimmen kann man viel nachdenken, das ist nicht so belastend. Beim letzten Mal ist mir dreimal Wasser in die Brille gelaufen, das musste ich rausholen. Ich hoffe, dass der See klar ist und man seine Vorderleute gut erkennt. Denn ist das Wasser trübe, schwimmt man manchmal auf den Vordermann auf oder bekommt öfter mal einen Arm ab.

Dann kommt Radfahren.

Biel: Darauf freue ich mich. Ich kann mal nach links und rechts schauen. Ich muss aber taktieren, wie ich das mit der Verpflegung mache. Ich habe in Wasser aufgelöste Gels dabei. Es ist genau berechnet, wie viel Kohlenhydrate pro Stunde der Darm verwerten kann. Wenn ich drei Stunden Fahrrad fahre, sind das sieben bis acht Gel-Tüten. Wenn man zu viel trinkt, droht Durchfall.

Und dann geht’s ans Laufen.

Biel: Davor habe ich Angst. Bei meinem ersten Wettkampf über die Mitteldistanz ist es total schiefgegangen. 80 Prozent der Laufstrecke bin ich gegangen. Ich versuche jetzt, lockerer auf dem Rad unterwegs zu sein, um nicht ganz zu platt anzukommen. Und die ersten fünf Kilometer will ich ruhig angehen.

Kommt beim Laufen der Punkt, bei dem der Gedanke ans Aufhören auftaucht?

Biel: Den hatte ich beim letzten Mal nach zwei Kilometern.

Wie haben Sie sich da durchgebissen?

Biel: Mit dem Wissen, nach zwei Kilometern kommt wieder eine Verpflegungsstation, da trinke ich einen Becher Cola. Ich habe mich gedanklich von einem Punkt zum anderen gehangelt. Mich gefreut auf meine Schwester, die macht ein Foto. Dann auf andere Leute.

Ist der Aufwand für eine WM-Teilnahme größer als für ein normales Rennen?

Biel: Ja. Beim Triathlon ist das Problem: Ich muss alles selbst zahlen. Ein Ferienappartment für fünf Tage. Spritkosten. Die Startgebühren, die allein bei 300 Euro liegen. Und ich habe mir noch neue Kleidung gekauft. Mein Vereinsanzug ist ein Einteiler. Das ist ungünstig, wenn ich doch mal auf die Toilette muss. Also habe ich mich jetzt für Oberteil und Hose entschieden. Aber ich mache es ja gern und so eine WM-Chance kommt bestimmt nicht wieder.

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