Schach

Großmeister Dennis Wagner: „Der Trend geht immer mehr zum E-Sport“

Schach am Computer - Online statt Auge in Auge: Auch dank Internetturnieren boomt Schach in der Coronakrise.  
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Online statt Auge in Auge: Auch dank Internetturnieren boomt Schach in der Coronakrise. (Archivfoto)

Ja, es gibt sie tatsächlich: eine Sportart, die von der Coronakrise profitiert. Denn während die meisten Sportfachverbände über den Lockout klagen und sich über Mitgliederschwund sorgen, erlebt das Königliche Spiel derzeit einen Boom.

Kassel - Auch weil Schach seit der Entwicklung der ersten Computer zunehmend digitaler gespielt wird und online jetzt von einer Turnierserie des charismatischen und innovativen Weltmeisters Magnus Carlsen aus Norwegen, spannenden Angeboten der Plattform Twitch sowie von Popularität der gefeierten TV-Serie „The Queen’s Gambit“ (Das Damengambit) bei Netflix profitiert.

Die sieben Folgen wurden weltweit bereits von mehr als 62 Millionen Sehern verfolgt. Sie fußen auf einem 1983 veröffentlichten Roman von Walter Tevis, der nun in Bestseller-Listen steht die Geschichte von Waisenkind Beth Harmon erzählt, das in den 1960er-Jahren als Frau die männerdominierte Schachwelt eroberte. Prompt verdoppelten sich die Suchanfragen für „Schach“ auf Google, wie der Sportinformationsdienst berichtete. Die weltweit größte Online-Plattform chess.com meldet steigenden Zuspruch mit 46 Millionen registrierten Mitgliedern und pro Tag mehr als 7,5 Millionen Partien.

Spielt lieber am Brett: Dennis Wagner.

Der Trend gehe gerade jetzt immer mehr zum E-Sport, auch das Turniergeschehen verlagere sich zunehmend ins Netz, sagt Dennis Wagner. Der Großmeister aus dem nordhessischen Söhrewald-Wellerode, unter den Top 15 der deutschen Rangliste und Mitglied des B-Kaders, hat Ende Februar zum letzten Mal am Brett gespielt. „Seither gab es nur Online-Turniere, die allerdings waren stark besetzt und für alle Leistungsklassen“, berichtet er. Selbst die Schach-Olympiade in Moskau, ein Höhepunkt für die Szene, wurde online ausgetragen.

Ein Trend allerdings, der nicht nur Zuversicht auslöst. „Einerseits könnten das Onlineschach und die Präsenz auf Streaming-Plattformen ein riesiges Reservoir an neuen Schachspielern ansprechen“, sagte Ullrich Krause, Präsident des Deutschen Schach-Bundes dem SID. „Andererseits ist es schade, dass Schach von Angesicht zu Angesicht derzeit nicht im gleichen Ausmaß stattfinden kann.“

Das beklagt auch Dennis Wagner – obwohl er seit jeher viel am PC trainiert, sieht er sich am Brett stärker. „Denn das Onlinespiel gibt dir ein komplett anderes Gefühl. Das psychologische Moment fällt weg, die Bedenkzeit ist meist kürzer, die Qualität leidet. Und es gibt immer mal kuriose Geschichten, wenn ein PC abstürzt“, so der Nordhesse.

Und noch ein anderer Faktor wiegt schwer: Während die Topspieler bei Carlsens Champions Chess Tour in zehn Online-Events um insgesamt 1,5 Millionen Dollar Preisgeld spielen, zu sehen im TV-Abosender Eurosport II, plagen viele andere Spieler finanzielle Sorgen. „Zum Glück bin ich kein Profi und werde von meiner Familie unterstützt“, sagt Student Wagner, der normalerweise in der Bundesliga für Hockenheim, in Frankreich für Nizza und in Österreich für Jenbach spielt. „Aber auch mir fallen Einnahmen weg, weil derzeit alle nationalen Ligen auf Eis liegen.“

Das wirkt sich aus bis in die kleinsten Vereine, wo Hygienekonzepte helfen, die wöchentlichen Spielabende am Leben zu erhalten. Da wurde der Abstand zwischen den Akteuren vergrößert, indem jeder Spieler allein auf einem Brett gespielt hat und dort neben seinen Figuren auch den jeweiligen Zug des Gegners vollführt hat.

„Wir haben einfach mal gefragt: Was unterscheidet Online-Schach von unserem Präsenzabend? Die Antwort war: Pizza und die flotten Sprüche“, berichtete Jörg Berkes vom Schachklub Langen der Offenbach-Post. „Also tauschen wir uns jetzt online im Videochat aus und zwei Helfer bringen jedem, der mitmacht, eine Pizza vorbei.“ Das Angebot werde gut aufgenommen, es gab annähernd so viele Teilnehmer wie an den Präsenzabenden, so der Südhesse.

Im Norden indes erwartet Dennis Wagner eine Fortsetzung des Trends zum E-Sport auch nach der Coronapandemie. „Das ist keine temporäre Erscheinung. Das große Medienecho jetzt und die steigende Popularität sind starke Signale“, sagt der Welleröder.  (Gerald Schaumburg)

Zur Person

Dennis Wagner (23) aus Söhrewald-Wellerode vom Kasseler Schachklub will bis April 2021 in Heidelberg sein Studium mit der Masterarbeit über Molekulare Biophysik abschließen, im Softwarebereich arbeiten und weiterhin nicht als Schachprofi leben.

Seine höchste Elozahl 2595 erreichte der ledige Großmeister (seit 2015) im Januar 2020, aktuell steht er mit 2581 auf Rang 309 weltweit, 218 kontinental und 15 national bei den Aktiven. Die Coronakrise mit dem Wegfall vieler Turniere hat seinen Aufwärtstrend im Frühsommer gestoppt, „ich war auf gutem Weg zu 2600 Punkten“, sagt er.

Mit der Nationalmannschaft spielte der EM-Teilnehmer von 2015 im August zuletzt bei der Schach-Olympiade virtuell in Moskau. Die entscheidende „wilde Partie“ im Viertelfinale gegen Ungarn verlor er 0,2 Sekunden vor Schluss, „weil ich mit der PC-Maus hängen geblieben bin“.

Am Protest von zwölf Kollegen gegen den Bundestrainer im Herbst, der im Rauswurf von Dorian Rogozenco gipfelte, beteiligte sich Wagner nicht. „Zum einen habe ich ein gutes Verhältnis zu ihm, zum anderen bin ich kein Freund davon, persönliche Dinge in der Öffentlichkeit auszutragen“, sagt Wagner. (sam)

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