Interview über Perspektiven beim Marathon

Marathon-Trainer Aufenanger und Dörre-Heinig: „Die drei Besten reisen nach Tokio“

Totale aus der Vogelperspektive: Das Läuferfeld des Hamburger Marathons 2019 kurz nach dem Start.
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So wird es wohl dieses Jahr nicht sein: Das Läuferfeld des Hamburger Marathons 2019 kurz nach dem Start. Eventuell gibt es in Hamburg im April eine Qualifikationsmöglichkeit für die deutschen Spitzenläufer.

Welche deutschen Marathon-Asse fahren mit zu den Olympischen Spielen nach Tokio? Denn es gibt mehr als nur drei Kandidaten für die drei freien Plätze. Auch zu den Chancen von Melat Kejeta und Laura Hottenrott, den beiden Kasseler Anwärterinnen, äußert sich die Bundestrainerin Katrin Dörre-Heinig im ausführlichen Interview.

Katrin Dörre-Heinig kennt den Marathon seit Jahrzehnten. Mit ihrer Bestzeit von 2:24:35 Stunden war sie in den 80er- und 90er-Jahren bei internationalen Top-Läufen siegreich. Inzwischen ist sie als Bundestrainerin für die deutschen Männer und Frauen verantwortlich.

Wir erreichten die gebürtige Leipzigerin in Andalusien und sprachen mit ihr über die nationale Entwicklung im Marathonlauf und die nordhessischen Perspektiven.

Sie waren selbst als Marathonläuferin bei Olympischen Spielen. Jetzt werden Sie als Bundestrainerin mit drei Läufern und drei Läuferinnen nach Tokio reisen. Wie fühlt sich die andere Rolle an?

Als Läuferin war es einfacher. Man hatte nicht so viel Verantwortung. Wenn man gut vorbereitet war, konnte man den Wettkampf genießen. Heute stehe ich an der Seite und habe keinen Einfluss mehr, außer der Möglichkeit, die Läufer und Läuferinnen anzufeuern.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung bei den Marathonläuferinnen?

Insgesamt positiv. Wir haben eine Breite an Läuferinnen, die hoffnungsvoll stimmt. Ganz vorn steht dabei aktuell Melat Kejeta, die aus meiner Sicht in der Lage ist, den Deutschen Rekord von Irina Mikitenko zu brechen. Dazu kommen die Läuferinnen, die zwischen 2:26 und 2:29 Stunden laufen. Dazu zähle ich die Schöneborn-Zwillinge, meine Tochter Katharina und Anja Scherl.

Aus nordhessischer Sicht ist der olympische Marathon wegen Melat Kejeta und Laura Hottenrott besonders interessant, oder?

Ich glaube, dass Laura die Norm von 2:29:30 Stunden laufen kann. Bei der Halbmarathon-WM im Oktober hat sie bewiesen, dass sie große Fortschritte gemacht hat. Zudem war sie lange verletzungsbedingt beeinträchtigt, was jetzt hinter ihr liegt.

Kejeta hat eine Marathon-Bestzeit von 2:23:57 Stunden aus dem Jahr 2019. Seit Oktober 2020 ist sie zudem Vize-Weltmeisterin im Halbmarathon. Welche Perspektive hat sie?

Wenn Melat gesund bleibt, kann sie unter 2:20 Stunden laufen. Ihre 65er-Zeit im Halbmarathon war eine Leistungsexplosion.

Bereits im Dezember ist Kejeta nach Informationen ihres Vereins nach Iten in Kenia aufgebrochen. Haben Sie Kontakt zu ihr?

Ja. Vor einigen Tagen haben wir telefoniert, sonst halten wir Kontakt über Whatsapp. Sie ist weiterhin in Kenia und bereitet sich auf die Spiele vor. Ich gehe davon aus, dass sie dort kenianische Trainingspartner hat. Sie spricht nicht darüber. Im Februar will sie direkt in die Vereinigten Arabischen Emirate fliegen, um dort an einem Elite-Halbmarathon teilzunehmen.

In DLV-Kreisen hat sie offensichtlich mitgeteilt, dass Winfried Aufenanger vom Laufteam Kassel gar nicht ihr Trainer sei. Einige Male fiel auch der Name des Kenianers Patrick Sang. Wissen Sie mehr?

Die Zusammenarbeit mit Patrick Sang ist wohl nicht mehr aktuell. Mein Ansprechpartner in Deutschland ist Winfried Aufenanger, aber auf ihr Training hat er keinen Einfluss. Wer in Kenia aktuell ihr Trainer ist, weiß ich nicht.

Planen Sie ein Trainingslager mit den deutschen Top-Läuferinnen?

Das habe ich eigentlich vor, aber wegen der aktuellen Lage gibt es keine Planungssicherheit. Daher müssen die Läufer im Moment ihre Vorbereitung selbst so gut es geht bestreiten. Ich selbst bin mit meiner Tochter in Andalusien. Wir sind völlig isoliert, können aber alle Sportanlagen nutzen. Ein Rückflug ist noch nicht gebucht.

Wenn es noch ein DLV-Trainingslager gibt, würden Sie dann auf Kejetas Teilnahme bestehen?

Es wäre schön, wenn wir gemeinsam in ein Trainingslager nach St. Moritz oder Kenia reisen könnten. Vor Ort würde ich ihr die Steuerung des Trainings überlassen, weil sie auf entsprechende Trainingspartner angewiesen ist. Das gilt auch für den deutschen Rekordhalter Amanal Petros und die Männer.

Sie können aber nur drei Läuferinnen mit nach Tokio nehmen. Wird es im Frühjahr einen Qualifikationswettbewerb geben?

Wir orientieren uns an den Zeiten von 2019 und 2020, aber es muss einen aktuellen Leistungsnachweis geben. Dafür gibt es im Moment in Deutschland zwei Möglichkeiten: der 21. März in Dresden und am 11. April in Hamburg.

Deborah Schöneborn steht auf Platz zwei hinter Kejeta. Auf Platz drei liegt Ihre Tochter Katharina Steinruck. Dazu kommen Fabienne Amrhein und Laura Hottenrott. Wird das eine schwierige Entscheidung?

Nein. Es geht ausschließlich nach den Zeiten. Die drei Besten reisen nach Tokio.

Könnte also spannend werden. Welchen Tipp können den Athleten mit auf den Weg geben?

Sie müssen gesund bleiben. In ihrer Vorbereitung sind sie inzwischen sehr selbstständig. Sie können allerdings jederzeit mit meiner Unterstützung bei trainingsmethodischen Fragen rechnen. Die Schöneborns sind beispielsweise in Portugal, um der Kälte zu entgehen. Die meisten der Männer wie Richard Ringer und Philipp Pflieger wollen oder sind in Kenia. Gerade weil es im Moment kaum Läufe gibt, müssen alle konzentriert weitertrainieren.

Ex-Marathon-Bundestrainer Winfried Aufenanger über ...

... Kejetas Aufenthaltsort: Seit Mitte Dezember ist Melat Kejeta im kenianischen Iten. Die Stadt in 2400 Metern Höhe ist seit Jahrzehnten ein Top-Trainingsziel. Hier bereiten sich Goldmedaillengewinner auf Weltmeisterschaften und Olympische Spiele vor.

... das Höhentraining: Es steigert die Leistungsfähigkeit besonders effektiv. Der Körper produziert mehr rote Blutkörperchen und transportiert den benötigten Sauerstoff schneller in die Muskulatur. Vor ihrem WM-Lauf in Polen trainierte Kejeta in St. Moritz in der Schweiz. Unser Kasseler Sponsor Lars Bergmann, Geschäftsführer von Immomation AG, ist überzeugt, dass ein weiteres Höhentraining die beste Vorbereitung für Wettkämpfe bietet.

... seine eigene Arbeit: Als ehemaliger Marathon-Bundestrainer begleite ich Kejetas Training im Hochland Kenias intensiv mit regelmäßigen Kontakten. Wie für viele Läufer ist es auch für Kejeta von Bedeutung, die richtigen Partner zu finden, mit denen sie gemeinsam trainieren kann. Gleich zu Anfang des Aufenthalts im Dezember hatte sie sich einer Läufergruppe aus Deutschland anschließen können. Sie ist jedoch inzwischen nicht mehr vor Ort. Aktuell nutzt Kejeta ihre Kontakte, um neue Trainingspartner zu finden.

... Kejetas Weg zu Olympia: Die Gelegenheiten, sich bei einem Rennen zu messen, sind wegen der Pandemie sehr rar geworden. Als Motivation beim Training in Kenia hat Melat das nächste Ziel daher fest im Blick: Das Halbmarathon in den Vereinigten Arabischen Emiraten in Ras Al Khaimah am 19. Februar 2021 als nächsten Schritt zu den Olympischen Spielen. Ob das bisher regelmäßig hochkarätig besetzte Teilnehmerfeld des Halbmarathons auch in diesem Jahr wie geplant an den Start gehen kann, ist jedoch noch offen.

(Von Martin Scholz)

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