Was war denn da los?

Ein besonderes Freundschaftsspiel: Baunataler Auswahl gegen U21-Nationalteam der Gehörlosen-Fußballer

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Ein faires Duell: Vor der Partie wechseln die Kapitäne Dylan Volkmann (links, U21-Nationalmannschaft) und Chris Michelmann (Baunataler Auswahl) unter den Augen von Schiedsrichter Darko Pfeiffer die Wimpel. 

Es kommt nicht häufig vor, dass eine Nationalmannschaft in Nordhessen spielt. Am Wochenende war das der Fall. Das deutsche U21-Team der Gehörlosen-Fußballer traf auf eine Baunataler Auswahl und gewann 4:1 (2:1). Eine besondere Partie, in der die Gastgeber auf dem Kunstrasenplatz am Baunataler Parkstadion in der zweiten Halbzeit mit Stöpseln in den Ohren spielten. Was war denn da los?

Das Freundschaftsspiel war ein Vorbote für die U21-Europameisterschaft im Gehörlosen-Fußball, die im Sommer im Parkstadion stattfindet (siehe Hintergrund). Um die Situation der U21-Kicker besser zu verstehen, spielten die Baunataler nach der Pause mit Ohrstöpseln. „Die waren nicht so, wie man sie von der Arbeit her kennt, sondern es war Wachs mit Watte umhüllt“, sagt Chris Michelmann, der Kapitän der Auswahl. „Es war dumpf und taub. Das war schon eine große Einschränkung.“ So waren für die Baunataler kurze taktische Absprachen, wie sonst während des Spiels üblich, nicht möglich. „Ich habe großen Respekt vor den Jungs, wie sie sich ohne Worte auf dem Platz verstehen. Sie haben ihre Handzeichen über Jahre hinweg perfektioniert“, sagt Michelmann über die U21-Spieler.

Aber wie kam die Idee mit den Ohrstöpseln zustande? „Den Einfall hatte die Stadt“, sagt Nils Umbach vom TSV Guntershausen, der für die Organisation der Auswahl zuständig war. „Wir haben das aber vorab mit dem Gegner abgesprochen. Sie sollten nicht denken, dass wir sie verhöhnen wollten. Sie haben es mit Humor genommen und fanden es gut.“

In der Auswahl standen jeweils mindestens zwei Spieler aus den sechs Baunataler Fußball-Vereinen und -Abteilungen. So bildete sich eine vom Spielniveau her bunt zusammengewürfelte Mannschaft: Vom B-Ligist Guntershausen über A-Ligist Anadoluspor, Kreisoberligist Tuspo Rengershausen sowie den Gruppenligisten TSV Hertingshausen und Eintracht Baunatal bis hin zum Hessenligisten KSV Baunatal. „Wir dachten vorher, wir bekommen eine Packung. Aber jeder Spieler hat sich voll reingehängt und wir haben gut mitgehalten“, sagt Umbach.

In der Partie über zweimal 30 Minuten führte das Nationalteam 2:0, ehe Hessenliga-Spieler Fatih Üstün vom KSV per Freistoß zum 1:2-Pausenstand verkürzte. In der zweiten Halbzeit traf das U21-Team noch zweimal zum 4:1-Endstand. „Das Ergebnis spiegelt nicht den Spielverlauf wider. Mit mehr als einer Trainingseinheit hätten wir das Spiel vielleicht sogar gewinnen können“, sagt Michelmann und fügt hinzu: „Aber das Ergebnis ist auch egal. Für jeden von uns war es ein tolles Erlebnis.“

Bleibt eine Frage: Wie kommuniziert der Schiedsrichter mit den Spielern – mit Zeichensprache? „Nein, es gibt keine besonderen Zeichen“, sagt Darko Pfeiffer, der die Partie leitete. „Es wird ganz normal gepfiffen. Die Spieler sind in verschiedenen Stufen gehörlos. Die meisten hören den Pfiff“, erklärt er. Aber der Unparteiische hat zusätzlich noch eine Fahne, damit auch die Spieler, die den Pfiff nicht hören können, merken, dass er die Partie unterbricht. „Alles verlief ohne Probleme“, sagt Pfeiffer.

Auch die Zuschauer lernten etwas dazu: Beim Gehörlosen-Fußball wird, anstatt zu klatschen, mit den Händen in Kopfhöhe gewedelt. Für die EM im Sommer sind sie nun auf jeden Fall gut vorbereitet.

Hintergrund

In Baunatal findet vom 28. Juli bis 8. August 2020 die U21-Europameisterschaft im Gehörlosen-Fußball statt. Zwölf Tage lang sind 300 junge Sportler aus Europa in Baunatal zu Gast. Für die EM haben sich neben Ausrichter Deutschland auch Belgien, England, Griechenland, die Niederlande, Polen, Russland, Schottland, Schweden, Spanien, Türkei und die Ukraine qualifiziert. Die zwölf Nationen spielen im Baunataler Parkstadion und auf den umliegenden Sportflächen den neuen Titelträger aus. Neben den sportlichen Erfolgen ist dabei auch die Inklusion ein wichtiges Thema. Botschafter für die EM ist Stefan Markolf. Als gehörloser Fußballer spielte der Nordhesse für den KSV Hessen Kassel sowie den KSV Baunatal und schaffte später sogar den Sprung in den Profi-Kader des FSV Mainz 05.

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