Er will kämpfen wie Mike Tyson

Kasseler Nachwuchsboxer Farzad Bayat ist Hessenmeister im Weltergewicht

Boxer Farzad Bayat (19) vom BSV Kassel trainiert in der Auesporthalle. Seit seinem Sieg im Titelkampf Ende September darf er sich Nachwuchs-Hessenmeister im Weltergewicht nennen.
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Boxer Farzad Bayat (19) vom BSV Kassel trainiert in der Auesporthalle. Seit seinem Sieg im Titelkampf Ende September darf er sich Nachwuchs-Hessenmeister im Weltergewicht nennen.

Links, rechts, links – die Fäuste schwingen so schnell durch die Luft, dass das Auge ihnen kaum folgen kann. Nach der Schlagkombination nimmt Farzad Bayat die in den Boxhandschuhen steckenden Fäuste blitzschnell zur Deckung hoch vor sein Gesicht und duckt sich, als wolle er einem unsichtbaren Gegenangriff ausweichen. Der 19-jährige Kasseler trainiert gerade in den kühlen Katakomben der Auesporthalle, Trainingsstätte des Boxklubs BSV Kassel.

Kassel - Seit seinem Titelkampf Ende September in Marburg ist der aus Afghanistan stammende Bayat nun Nachwuchs-Hessenmeister im Weltergewicht – also die Gewichtsklasse bis 67 Kilogramm. „Mit dem Sieg im Titelkampf ist für mich ein Traum in Erfüllung gegangen“, sagt Bayat, dessen großes Idol der ehemalige US-Boxchampion Mike Tyson ist. Dessen Stil hat es ihm besonders angetan. Für seinen Traum hat er eine extreme Reise von vielen Monaten und vielen Ländern auf sich genommen.

„Farzad ist wirklich ein großes Talent“, sagt Chef-Trainer Reinhard Schmidt. Der 70-Jährige vom BSV hat in 38 Jahren als Coach schon einige Athleten zu Titeln geführt. „Die meisten Amateurboxer verlieren sich im Laufe der Jahre“, erklärt Schmidt. „Spätestens mit der ersten Beziehung steigen dann viele aus dem Ring und hängen die Boxhandschuhe an den Nagel.“ Schwer vorstellbar, dass Farzad Bayat es ihnen nachmacht – sein Fokus liegt ganz auf dem Boxsport. Jeden Tag trainiert er zwei bis drei Stunden. Dabei stehen täglich unterschiedliche Disziplinen auf dem Plan wie Joggen, Einheiten an Sandsack und Pratzen sowie Gewichtheben.

„Das Training ist hart, aber es gibt mir einen Fokus“, sagt der in Kabul geborene Bayat, der die Willy-Brandt-Schule besucht und nächstes Jahr seinen Hauptschulabschluss machen will. Das heißt, dass er nach sechs Stunden Unterricht und zusätzlicher Deutschnachhilfe in die Auesporthalle kommt und sich seiner Leidenschaft Boxen widmet.

Reinhard Schmidt

Bayat wohnt gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Faisal (18) und zehn weiteren Flüchtlingen aus Afghanistan und Somalia in einer Wohngruppe in Harleshausen. „Ich bin glücklich hier in Deutschland“, sagt der 19-Jährige. Der Weg dorthin war allerdings beschwerlich. Nach seiner Flucht 2018 aus Kabul, wo Bayats Eltern und vier seiner sieben Geschwister noch immer leben, gelangte er nach einer Odyssee nach Kassel. Iran, Türkei, Bulgarien, Serbien, Bosnien, Kroatien, Slowenien, Italien, Frankreich und schließlich Deutschland – zehn Länder in acht Monaten. „Wir waren nie sicher, ob wir bleiben konnten, wo wir gerade waren“, erklärt Bayat das ewig mitschwingende Gefühl der Ungewissheit während der Reise.

Nun hat er mit Kassel ein Zuhause gefunden, in dem er sich wohlfühlt. Eine seiner Schwestern wohnt wenige Kilometer entfernt, eine andere lebt in München. Trotzdem sind die Gedanken des Hessenmeisters oft bei der Familie in Kabul. „Ich telefoniere jeden Tag mit meinen Verwandten, habe Angst um sie, jetzt, wo die Taliban wieder an der Macht sind.“

Kraft und Hoffnung auf eine bessere Zukunft gibt Bayat der Glaube. Der praktizierende Muslim betet mehrmals täglich und geht jede Woche in die Moschee. „Ich will als Boxer immer besser werden – vielleicht eines Tages Profi und sogar Champion.“ Ein weiter Weg, wie Bayat weiß. „Erst werde ich einen Beruf erlernen.“ So suche er zunächst einen Ausbildungsplatz als Hydrauliker. (Raphael Digiacomo)

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