Frühere Fußballer Kidane und Yemane gründen SV Eritrea Kassel 20

Gestatten, wir sind die Neuen

Die Eriträer Futzum Kidane (links) und Yonas Yemane, Mitgründer des SV Eritrea Kassel, vor der momentan geschlossenen Sportanlage Waldauer Wiesen.
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Die Eriträer Futzum Kidane (links) und Yonas Yemane, Mitgründer des SV Eritrea Kassel, vor der momentan geschlossenen Sportanlage Waldauer Wiesen.

„Das alles ist ein bisschen wie bei einem kleinen Kind. Es kann einen in den Wahnsinn treiben. Aber wenn es dann lacht, ist alles okay“, sagt Futzum Kidane. Was er damit ausdrücken will: Es war eine Menge Arbeit für ihn und sieben Mitstreiter, mit dem SV Eritrea Kassel 20 den jüngsten Kasseler Sportverein zu gründen.

Am 9. Dezember 2019 trafen sich die gebürtigen Eritreer zum ersten Gedankenaustausch. Nun sind sie am Ziel. Der Klub ist im Vereinsregister eingetragen, die bürokratischen Hürden sind genommen. In erster Linie geht es um Fußball. Verständlich, denn sowohl Kidane als auch Yonas Yemane, die Hauptantreiber, spielten früher in mehreren Vereinen der Region. „Aber wir wollen uns nicht auf Fußball beschränken, sondern nach und nach weitere Sparten aufbauen“, sagt Kidane. Und auch Nicht-Eritreer seien willkommen: „Es ist egal, woher sie kommen. Sport kennt keine Grenzen, und die Sprachbarrieren sind hierbei niedriger. Auch so funktioniert Integration“, erklärt Yemane.

Bis Saisonende dürfte der neue Klub als Freizeitmannschaft Spiele austragen. Ab der Saison 20/21 soll ein Team in der Kreisliga B an den Start gehen und vermutlich auf den Waldauer Wiesen auflaufen. Dass bis dahin genug Spieler an Bord sind, glauben die Verantwortlichen fest. „Es gibt genug Leute, die Interesse haben. Allein wenn man bedenkt, dass der FC Bosporus aus Platzmangel viele Eritreer wegschicken musste“, sagt Kidane. Weil der Fußball derzeit brachliegt, ist genügend Zeit zum weiteren Aufbau.

Was aber sind die Motive der Gründungsmitglieder, darunter der Vorsitzende Tzeggai Teclemariam? „Wir sind hierher gekommen, hatten Glück und haben ein gutes Leben. Außerdem wurden wir von Vereinen gut aufgenommen. Das wollen wir weitergeben“, sagt Kidane. Er empfinde neben Dankbarkeit auch eine Bringschuld.

Yemane sieht es so: „Es wäre schön, wenn viele der in jüngster Vergangenheit Geflüchteten einen ähnlichen Weg einschlagen könnten und weder auf dumme Gedanken kommen noch auf die schiefe Bahn geraten.“

Daher sehen es Geschäftsführer Kidane und Schriftführer Yemane auch als Aufgabe, Spielern beratend zur Seite zu stehen und privat zu unterstützen. Wie bei Behördengängen, dem Ausfüllen von Formularen und beim Dolmetschen. „Wir haben ja dasselbe erlebt, verstehen die Leute und können mit ihnen reden“, sagt Kidane.

Zunächst aber gilt es, den Verein auf solide Füße zu stellen. „Wir fangen bei null an. Wir haben noch keine eigenen Räume, keinen Ort, an dem wir uns treffen können. Das Büro ist bei mir in der Wohnung“, sagt Kidane und scherzt: „Es gibt auch keinen Raum für die Pokale.“ Jeder sei willkommen, der den SV Eritrea unterstützen wolle. Auch Sponsoren fehlen noch. „Wir spenden derzeit an uns selbst, um alles finanzieren zu können“, sagt Yemane.

Nach und nach tasten sie sich ins Neuland vor. Wenig Bedenken haben sie vor der sportlichen Herausforderung. „Das wird nicht leicht. Aber wir können ja aus der B-Klasse nicht absteigen und müssen nicht gewinnen. Da bleiben die Jungs sicher bei Laune“, sagt Kidane. Selbst mitspielen wollen sie nicht unbedingt. „Aber zur Not sind wir flexibel. Kicken können wir schon noch“, betont Yemane.

Bei aller Euphorie sind die Verantwortlichen auch auf eventuelle Rückschläge eingestellt. Doch die Zuversicht überwiegt. „Wir schaffen das“, sagt Yemane spontan. Und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, als ihm Geschichte und Bedeutung des Satzes plötzlich bewusst werden. (Wolfgang Bauscher)

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