Mit Jörg Bergner wurde ein gebürtiger Sachse in Oberkaufungen auch dank des Fußballs heimisch

Vor 50 Jahren im Boot geflüchtet

„Sie drückt mich immer runter“: Jörg Bergner fühlt sich von Gattin Lieselotte nur scheinbar bedrängt. Dem Fußball hat er viel zu verdanken. Foto: Schachtschneider

Kaufungen. Wenn Jörg Bergner und Ehefrau Lieselotte heute alte Freunde und Weggefährten empfangen, geschieht dies aus gutem Grund. Daher könnte es sein, dass die Königsallee genannte Kellerbar im eigenen Haus in Kaufungen aus allen Nähten platzt.

Denn die Bergners rechnen nicht nur mit den Eingeladenen, sondern auch einer Menge derer, die sich berufen fühlen. Schließlich jährt sich heute zum 50. Mal der Tag, an dem Jörg Bergner aus der damaligen DDR flüchtete.

Durch eine Cousine landete Bergner kurz darauf in Niederkaufungen und wurde zwei Jahre später in Oberkaufungen heimisch. Wozu in großem Maß der Fußball beitrug. Schon im Geburtsort Ottendorf in Sachsen hatte er gekickt und schloss sich nun dem TSV Oberkaufungen an.

Sofort loslegen durfte er nicht. „Ich wurde tatsächlich mit einer einjährigen Sperre belegt“, erinnert er sich an die unschöne Seite des Wechsels. Doch dann trug Bergner lange das Kaufunger Trikot. Zunächst in der ersten Mannschaft, danach bis zum 52. Lebensjahr bei den Altherren. Zudem engagierte er sich im Jugendbereich und trainierte unter anderem eine hochklassig spielende Kaufunger Juniorenelf. Dieser gehörte Sohn Mario an, der spätere Oberliga-Torjäger des KSV Baunatal.

„Ich war nie in der Partei oder der FDJ, und auch meine Eltern wollten schon früh in den Westen. Aber dann kam die Mauer dazwischen“, blickt der 71-Jährige weit zurück und erinnert sich an einen wesentlichen Anstoß zur Flucht: „Als Soldat auf Weihnachtsbesuch fragte mich mein Vater, was ich noch hier, in der DDR, wolle.“ Allmählich war sein Unmut mit den Verhältnissen groß genug, und so machte er rüber. Von Ostberlin nach Westberlin, im Boot über die Havel. Wobei er und ein Kamerad den Dritten an Bord, einen Parteigenossen, zwingen mussten. Letzterer kehrte unverzüglich in den Osten zurück. „Die Grenzer von dort haben Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, uns aber nichts mehr anhaben können“, hat Bergner das Geschehen noch klar vor Augen.

Die Flucht hat er nie bereut. Dass er allerdings seinen Vater nicht mehr sehen konnte, schmerzt heute noch. In die alte Heimat durfte er erst nach der Wende. „Wir sind 1992 mit den Altherren hingefahren. Mit dem Rad. Zwei Tage haben wir gebraucht.“ Auch dies wertet Bergner als Beweis der großen Kameradschaft im Verein, die ihn stets trug und ihm damals das Ankommen erleichterte. Und die bis heute weiterlebt: „Wir treffen uns jeden Donnerstag zum Stammtisch.“

Kein Wunder daher, dass das Ende der heutigen Feier offen ist. Zu Reden gibt’s genug, und, so Jörg Bergner, „von uns haben schon viele das Heimgehen vergessen“.

Wem er 1974 im WM-Spiel zwischen der BRD und der DDR die Daumen drückte? „Na uns natürlich“, antwortet Bergner wie aus der Pistole geschossen. Gemeint ist die BRD.

Von Wolfgang Bauscher

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