Interview mit Michaela Mendra und Carolin Feichtinger

Kasseler Turnerinnen steigen in die 3. Bundesliga auf: „Da ist etwas Historisches passiert“

+
Freude pur: Die Turnerinnen der TG Kassel mit (hinten, von links) Rica Leinwather, Leonie Kurz, Lara-Nele Angelstein, Laurana Schachtschneider, Laura Köhler, Mimi Eiser, Tabea Preuß, Julia Kremer und die Trainerinnen (vorn) Michaela Mendra und Maren Lieblein be jubeln den Aufstieg in die 3. Bundesliga.

Kassel – Großer Jubel bei der TG Kassel: Dank eines zweiten Platzes am letzten Wettkampftag und der souveränen Meisterschaft in der Regionalliga Nord sind die Turnerinnen des heimischen Leistungszentrums in die 3. Bundesliga aufgestiegen. Über den Erfolg sprachen wir mit Cheftrainerin Michaela Mendra und Carolin Feichtinger, der Leiterin des Leistungszentrums.

Glückwunsch zum Aufstieg! Schön gefeiert?

Michaela Mendra: Meine Stimme ist immer noch angeschlagen. Also ja, wir haben gebührend gefeiert. Wobei der erste Jubel unmittelbar nach dem Wettkampf in Koblenz eher verhalten ausfiel. In der Vorwoche hatten wir die Tageswertung gewonnen, da war die Freude gefühlt größer. Aber im Bus auf der Rückfahrt ging die Post ab.

Carolin Feichtinger: Die Mädchen waren angespannter. Haben mehr Druck gespürt. Auf einmal war da etwas sehr Großes zum Greifen nah.

Wie lässt sich dieser Aufstieg einordnen?

Feichtinger: Bei mir war es sehr emotional. Es sind sogar Tränen geflossen. Ich habe immer davon geträumt, ein Team in Nordhessen zu haben, das Bundesliga turnt. Zuletzt gab es hier in den Neunzigerjahren eine Männer-Mannschaft von Auedamm, die in der 2. Liga antrat. Aber das Team bestand zum großen Teil aus zugekauften Athleten. Unsere Riege besteht nur aus heimischen. Da ist schon etwas Historisches passiert.

Mendra: Selbst in der Regionalliga kommt es vor, dass sich Vereine kurzfristig mit Profi-Turnerinnen aus Russland verstärken.

Hatten Sie nicht nötig?

Mendra: Bei uns hat nur zweimal Lara Angelstein ausgeholfen. Sie lebt in Leipzig und ist kein Profi. Uns geht es in dem gesamten Projekt Leistungszentrum nicht zuletzt um Nachhaltigkeit. Wir sind wie eine Familie und wollen nicht einfach so Athletinnen austauschen.

Ist dieses Familiäre das Geheimnis des Erfolgs?

Mendra: Absolut. Der Teamgeist trägt die Mannschaft. Die Mädels trainieren 20 Stunden pro Woche zusammen. Sie kennen die Macken der anderen, die Gewohnheiten, die Vorlieben. In der Vorsaison hatten vier der Mädels bereits für andere Vereine Bundesliga geturnt, waren also für die TG Kassel in der Regionalliga nicht startberechtigt. Für unser Ziel mussten sie vorerst auf Bundesliga verzichten und haben sich für unser Team entschieden. Das finde ich toll und sagt alles über den Zusammenhalt aus.

Feichtinger: Ich finde es klasse, wie die Besseren, zum Beispiel Laurana Schachtschneider und Tabea Preuß, die anderen aufbauen.

Und wie viel Herzblut steckt in diesem Erfolg?

Feichtinger: Wie gesagt, die Mädchen haben sich und uns einen Traum erfüllt. Der Aufstieg gibt jüngeren Athleten sicherlich Motivation. 2015 habe ich die Leitung des Zentrums übernommen, damals waren gerade mal acht Mädchen dabei, heute haben wir 40 Talente. Sechs Trainer sind inzwischen an Bord. Und ich musste viele Klinken putzen, um Geld zu generieren.

Über wie viel Geld reden wir hier?

Mendra: Wenn wir den üppigen Katalog erfüllen, erhalten wir vom Hessischen Turnverband 20 000 Euro zur Förderung unseres Zentrums.

Feichtinger: Von heimischen Firmen wie K + S, VW, Holz Jordan oder auch der Fieseler-Stiftung bekommen wir noch mal die gleiche Summe. Für die Bundesliga-Saison werden wir das Budget vermutlich um 5000 Euro aufstocken müssen. Ich hoffe, dass der attraktivere Begriff Bundesliga zieht und mehr Sponsoren einsteigen.

Ist die 3. Bundesliga nur ein Etappenziel?

Feichtinger: Eigentlich war der Aufstieg jetzt noch gar nicht geplant. Aber ja, es soll noch höher gehen. In den nächsten fünf bis sechs Jahren.

Mendra: Wenn es nach mir geht, darf das schon früher passieren.

Hat die Mannschaft das Potenzial dazu?

Mendra: Wenn alle fit sind, müssen wir niemanden von außen hinzuholen. Laurana Schachtschneider hat in der Einzelwertung der Regionalliga-Saison den dritten Platz belegt, Leonie Kurz wurde Sechste – da steckt unglaublich viel Potenzial drin.

Feichtinger: Außerdem rücken Talente nach. In der Altersklasse 9 haben wir richtig starke Turnerinnen, zum Beispiel die Zwillinge Eva und Jana Ruppert. Allerdings dürfen die Mädchen erst ab der AK 12 bei den Frauen starten.

Was muss passieren, damit das Leistungsturnen in Nordhessen weiter vorangetrieben wird?

Feichtinger: Kurzum – der Sensenstein ist zu klein. Wir sind dankbar, dass wir in Hallen in Wellerode und Baunatal ausweichen können. Das macht die Sache aber nicht gerade weniger aufwendig.

Mendra: Wir lieben den Sensenstein. Aber im Vergleich mit Top-Zentren wie in Chemnitz und Stuttgart ist unsere Infrastruktur nicht gerade bundesliga-tauglich. Es fehlen Geräte und vor allem Platz.

Kehrt denn jetzt erst mal Ruhe ein?

Feichtinger: Nicht wirklich. Demnächst stehen Deutsche Meisterschaften auf dem Programm.

Mendra: Wir werden Pläne schmieden, Ziele setzen – und die dann nach und nach abarbeiten. Das bringt Spaß. Die Mädels sind motiviert und nicht zu bremsen. Eine richtige Pause gibt es nicht. Selbst über Weihnachten ruht der Trainingsbetrieb nur eine Woche.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.