Marathonläufer Ralf Salzmann über die EM 1986 in Stuttgart

Ralf Salzmann beim Marathon-Duell mit Herbert Steffny

Herbert Steffny (links) und der Kasseler Ralf Salzmann freuen sich über den dritten und vierten Platz bei der EM Stuttgart am 30. August 1986.
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Herbert Steffny (links) und der Kasseler Ralf Salzmann freuen sich über den dritten und vierten Platz bei der EM Stuttgart am 30. August 1986.

In unserer Serie „Mein Moment“ blicken Sportler aus der Region auf das Ereignis, das für sie unvergessen ist. Ralf Salzmann, fünffacher Deutscher Marathon-Meister, erinnert sich an die EM 1986 in Stuttgart.

Nein, Fotos hat er auf die Schnelle keine gefunden. Und eigentlich braucht er sie auch nicht. Ralf Salzmann hat diesen 30. August 1986 auch ohne Erinnerungsstücke noch immer vor Augen. Die Leichtathletik-EM in Stuttgart war für den damals 31-jährigen Marathonläufer der wichtigste Moment seiner Karriere. Mit uns erinnert sich der heute 66-Jährige an einen Lauf, der der Königsdisziplin der Langstreckler in Deutschland einen ungeheuren Schub verpasste.

Der Weg nach Stuttgart

Der war für Ralf Salzmann nicht ganz gerade. Beim Turnen, Fußball und beim Rudern hat er sich in Kassel ausprobiert. „Weil wir im Winter nicht rudern konnten, bin ich eben gelaufen“, erinnert sich Salzmann an seine Teenagerzeit. Zwar habe er damals bereits gemerkt, dass ihm das Laufen leicht fällt, aber erst einmal kam die Ausbildung bei der Polizeit – und fast schon das Ende der sportlichen Karriere: „Ich wurde nach Frankfurt versetzt, und zwischen dem 18. und 22. Lebensjahr habe ich mit dem Sport aufgehört“, erinnert sich Salzmann, der damit begann, sich mehr auf Discos und Kneipen zu konzentrieren.

„1977 saß ich auf der Friedrich-Ebert-Straße in einer Kneipe – geraucht habe ich da auch noch – als mich Winfried Aufenanger ansprach und fragte, ob ich es nicht doch noch mal mit dem Laufen probieren wolle. Die Begegnung mit dem späteren Marathon-Bundestrainer war für Salzmann eine Initialzündung. Er stellte sein Leben um, trainierte so wie es der Schichtdienst bei der Polizei zuließ, und die Ergebnisse ließen aufhorchen. „Der Marathon war mir eigentlich viel zu lang“, sagt der Polizei-Oberkommissar im Ruhestand, der heute höchstens noch fünf Kilometer im Kasseler Tannenwäldchen läuft, aber von 1980 bis 1984 bei fünf Deutschen Marathon-Meisterschaften hintereinander den Titel geholt hat. Bereits damals sammelte Salzmann internationale Erfahrung: „Bei Heim-Wettkämpfen wächst man allerdings am ehesten über sich hinaus. Deshalb ist eine Europameisterschaft im eigenen Land etwas ganz Besonderes. Da wollte ich natürlich allen zeigen, was ich drauf habe“, sagt Salzmann heute im Rückblick.

Auf Stuttgarts Straßen

Anders als bei den Olympischen Spielen in Los Angeles, wo der Asphalt 1984 wegen der Hitze flirrte, war der 30. August 1986 ein bedeckter Tag. „10 Grad waren für mich früher optimal, aber immerhin schien die Sonne nicht, als unser 28 Teilnehmer großes Feld das Stuttgarter Neckarstadion verließ“, erinnert sich Salzmann.

„Der Brite Steve Jones galt damals als Hasardeur und setzte sich früh ab. Weil er mit dieser Taktik schon einige Marathons gewonnen hatte, folgte ihm erstmal keiner. Stattdessen etablierte sich eine Verfolgergruppe, in der unter anderem Herbert Steffny und ich liefen“, sagt Salzmann.

Jones hatte nach der Hälfte der Strecke eine Minute Vorsprung, konnte aber das Tempo nicht halten. Die Verfolger kamen näher, und ab Kilometer 30 sahen die Italiener Gelindo Bordin und Orlando Pizzolato ihre Chance. Sie zogen davon, und auch Salzmann und Steffny ließen Jones hinter sich – immer auf Tuchfühlung mit dem italienischen Duo und begleitet von den Anfeuerungsrufen von Familienmitgliedern, Kollegen und Freunden.

Auf dem Weg ins Ziel

„Ich war bestens vorbereitet, aber Herbert Steffny eben auch“, sagt Salzmann im Rückblick. Steffny, der heute im Südschwarzwald lebt, war ein Jahr zuvor in Frankfurt erstmals Deutscher Marathon-Meister geworden und hatte Salzmanns Siegesserie unterbrochen.

„Natürlich war Herbert mein Konkurrent, aber wir starteten eben auch gemeinsam für Deutschland“, sagt Salzmann heute. Eine große deutsche Öffentlichkeit sah das nicht nur auf Stuttgarts Straßen, bei der Live-Übertragung, sondern noch am selben Abend im „Aktuellen Sportstudio“, wo die beiden eingeladen waren.

„Zwar hat mir Herbert mit zehn Sekunden Vorsprung die Bronzemedaille weggeschnappt. Aber wir sind einen großen Teil der Strecke Kopf an Kopf gelaufen und haben uns belauert.“

Am Ende gab es durch Gelindo Bordin, der vor Orlando Pizzolato ins Ziel kam, einen italienischen Doppelsieg, aber niemals zuvor waren deutsche Marathonläufer bei einem internationalen Wettkampf so weit vorn wie 1986. Ralf Salzmanns wichtigster Marathon-Moment endete in Stuttgart nach 2:11:41 Stunden und dem vierten Platz ohne Medaille, aber dennoch: „Alle Menschen standen auf, als Herbert und ich ins Stadion kamen. Das werde ich nie vergessen.“ (Martin Scholz)

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