Vor Ort: Wie es ist, wenn eine Sportveranstaltung schier ewig dauert – über Kult und Qualen

Letzter Ballwechsel um 4.57 Uhr

Für Stärkung ist gesorgt: Thomas Winzig (links) und Michael König beim Tischtennisturnier in der Schauenburghalle. Foto: Malmus

Schauenburg. Die Kulisse hat etwas von Zeltlager in der Halle: Auf der Tribüne liegen die geöffneten Sporttaschen, aus denen Schokoriegel, Butterdosen und Getränkeflaschen quillen. Fernab davon spielen jene, denen die Sporttaschen gehören, Tischtennis – an 19 Platten. Von oben sieht das aus wie ein großes Gewusel; das Ploppen der Bälle ergibt in der Summe ein kleines Konzert mit ganz vielen Tönen. Plopp-plopp-plopp-plopp.

Es ist jetzt kurz vor 22 Uhr in der Hoofer Schauenburghalle, das Tischtennisturnier des TTC Elgershausen für die unteren Klassen läuft, ist aber noch lange nicht zu Ende. Das Protokoll einer ewigen Nacht – verbunden mit der Frage: Wer spielt eigentlich bis 4.57 Uhr Tischtennis? 22 UHR

Michael König (27) und Thomas Winzig (38) vom TTC Elgershausen bilden eines der 29 teilnehmenden Zweierteams. Sie gehören zu den Favoriten in ihrer Klasse – und stehen schon im Viertelfinale. Sie haben sich gut vorbereitet: Bananen, Schokolade, Traubenzucker, drei Liter Tee und Schorle – all das zählt zu ihrem Proviant. Sie wissen: Wer sich während dieses Tischtennis-Marathons nicht richtig ernährt, hat kaum Chancen. „Ich habe ja jetzt schon leichte Krämpfe“, sagt König.

Während ihrer Pause sitzen sie im Vorraum und unterhalten sich mit Guido Oliv, dem Vereinsvorsitzenden, der heute überall ist, nur nicht an der Platte. Er weiß: „Ein bisschen Kult ist schon dabei.“ Er berichtet von den letzten Jahren, von Turnieren bis 5.21 Uhr – und davon, dass er heute gegen 0 Uhr verschwinden will.

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Die Viertelfinals stehen an. Es sind noch neun Platten besetzt. Das Ploppen der Bälle verliert in der Summe an Kraft. Plopp-plopp-plopp. Auf der Tribüne geht es zu wie nach einem Marathonlauf. Bananenschalen und leere Wasserflaschen liegen herum, die Gespräche drehen sich um Schmerz: „Bin stehend k.o“, sagt einer. „Ich komm kaum noch die Treppe rauf“, sagt ein anderer. Wenn Tischtennis zur Qual wird.

Guido Oliv ist immer noch da. Er glaubt: „Das Ganze ist eine mentale Sache. Um 3 Uhr spielt ja keiner mehr sein bestes Tischtennis.“ Michael König und Thomas Winzig haben es mit einem Hofgeismarer Duo zu tun. Das Duell zieht sich. Kurz nach eins verabschiedet sich Guido Oliv.

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Michael König und Thomas Winzig verlieren ihr hochklassiges Spiel. „Ich bin ein Stück weit erleichtert“, sagt Winzig. „Weil man ja schon ziemlich platt ist.“ König sagt: „Ich muss nachher ganz vorsichtig aus dem Auto aussteigen, damit der Fuß nicht verkrampft.“ Die Unruhe in der Halle ist einer sanften Kirchenatmosphäre gewichen. Nur an fünf Platten wird noch gespielt. Plopp-plopp. Auf der Tribüne ist jeder einzelne Laut der Sportler zu hören.

Nur: Wer ist jetzt noch dabei? Leute wie Konrad Schmidt. Er ist 66, spielt seit 55 Jahren Tischtennis. Er steht seelenruhig an der Platte, lässt die anderen so lange laufen, bis er 77 oder 88 oder 99 ist. So hat es den Anschein. Mit seinem Schwager gewinnt er seine Klasse. Es ist kurz nach drei. Schmidt erklärt sein Erfolgsgeheimnis: „Kein Bier. Das macht müde und faul.“ Er fährt gleich heim nach Wahnhausen, um 8 Uhr will er wieder aufstehen, am nächsten Tag steht das nächste Turnier an.

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Das Finale in der in dieser Nacht höchsten Klasse läuft. Die Tribüne – leer. Manchmal, wenn der Ball ruht, ist das Summen der Lampen in der Halle zu hören. Letzter Ballwechsel: um 4.57 Uhr. Die Sieger heißen André Wetterich und Dietmar Knittel. Knittel wird im Januar 60. Er sagt: „Mir tut nichts weh, aber ich bin unheimlich kaputt.“ In der Halle herrscht die Stille einer Nacht. Kein Plopp weit und breit. Fotos: Malmus/Hagemann

Von Florian Hagemann

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