Vor Ort beim Derby in der Tischtennis-Oberliga zwischen dem SC Niestetal und Eintracht Baunatal

Von der Nachtschicht in die Halle

Von der Nachtschicht beinahe direkt in die Halle: Die Niestetalerin Vanessa Rölke schlief nur eine Stunde und brauchte erst mal jede Menge Kaffee, um das Derby gegen Eintracht Baunatal zu bestreiten. Fotos:  Schachtschneider

Niestetal. Die in weiß gehaltenen Stirnseiten der Turnhalle in Sandershausen lassen den Spielort noch ein bisschen größer erscheinen. Trotzdem ist es eng. Wenige Klappstühle sind aufgebaut, ansonsten bieten Holzbänke Platz für die etwa 50 Zuschauer, die sich heute das Derby in der Tischtennis-Oberliga zwischen Tabellenführer Niestetal und Eintracht Baunatal anschauen wollen. Und eines vorweg: ein dreieinhalbstündiges Duell mit einem 7:7 am Ende hatten nur die wenigsten erwartet.

Um 11 Uhr geht es los. Die beiden Tischtennisplatten mit dem nötigen Platz drumherum füllen die Grundschulturnhalle fast komplett aus. Für Vanessa Rölke wirkt das Licht noch ein bisschen greller, als für alle anderen. Sie kommt gerade aus der zwölfstündigen Nachtschicht im ambulanten Pflegedienst. „Ich habe nur eine Stunde geschlafen, und die Augen fühlen sich echt trocken an. Der Kaffee ist heute mein bester Freund“, sagt die Niestetalerin. 2:3 im Doppel, zweimal 0:3 im Einzel – „meine Reaktionsschnelligkeit ist sonst besser“, sagt Vanessa Rölke, deren großer Auftritt noch kommen soll.

Die Niestetalerinnen sind die Favoriten, aber zur Halbzeit steht es 5:2 und kurz darauf 6:2 für Baunatal. Unglaublich. Vorhersehbar ist nichts. Das elfjährige Talent Sophia Klee liegt mit 0:2 in Sätzen gegen die 61-jährige Abwehrspezialistin Gabriele Neumann hinten. Vater Jürgen Klee, der beim parallel laufenden Spiel zählt, rauft sich immer wieder die Haare, leidet mit. „Mensch Sophia, komm’, das packst du noch“, ruft er zu ihr rüber. Sie packt es nicht mehr und kann ihre Tränen kaum verbergen. Die Nummer eins der Baunatalerinnen, Sarah-Carina Grede, geht hin und tröstet ihre Kontrahentin, die sie aus der Hessenauswahl kennt. Ein tolles Bild eines verrückten Derbys.

Souverän, fast abgezockt

Die Eintracht wirkt souverän, fast abgezockt. Grede gewinnt ihre ersten beiden Einzel, Ekaterina Moor verliert nur gegen Niestetals Anna-Lena Scherb 2:3 und triumphiert dann zweimal 3:0. Der Sieg ist zum Greifen nah, doch der Schein trügt. Niestetal dreht auf, gewinnt fünf Einzel in Folge. Sophia Klee kann wieder lachen. Ein 3:1 gegen Julia Ruhnau und ein knappes 3:2 im Duell der Youngster gegen Sarah-Carina Grede – auch Vater Jürgen ist stolz.

Um 14.20 Uhr läuft das letzte noch ausstehende Spiel. Vanessa Rölke gegen Gabriele Neumann. Die Niestetalerin verliert den ersten Satz 8:11 und liegt im zweiten 5:9 zurück. Wenn sie ihre Partie verliert, gewinnt Baunatal das Derby. Doch Rölke kämpft sich zurück. Gewinnt 11:9 im zweiten und 11:7 im dritten Satz. Dann gibt Neumann auf.

„Sie hat gesehen, dass es nicht mehr reichen würde. Und wir hatten ja schon kurz vor halb drei“, sagt Eintracht-Abteilungsleiter Norbert Buntenbruch, dessen Team in einer Stunde das dritte Spiel des Wochenendes gegen Richtsberg bestreitet. Auch Vanessa Rölke hat es eilig. „Ich muss ins Bett. Meine nächste Nachtschicht beginnt um 18 Uhr“, sagt sie und verlässt die Turnhalle in Sandershausen.

Von Torsten Kohlhaase

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.