Vor Ort bei den Deutschen Meisterschaft

Beachhandball in Waldau: Pirouetten und Party im Sand

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Schwungvoll: Sascha Kossian (links, vom Team Strand Pauli) fliegt heran, doch Felix Wacker von den Al Sandys kommt zum Wurf.

Kassel. Eigentlich fehlt nur das Meer. Sand, Zelte, heiße Temperaturen, Sonne satt, dazu Partymusik: Es ist Strandgefühl pur - und das mitten in Kassel. Zu sehen aber sind auch jede Menge sportliche Höchstleistungen.

400.000 Beachhandballer gibt’s in Deutschland - und die jeweils zehn besten Teams der Frauen und Männer ermitteln an diesem Wochenende die Deutschen Meister in Waldau.

Es scheint, als seien Sprungfedern im Sand versteckt. Hoch schraubt sich Felix Wacker von den Al Sandys in die Luft, dreht sich einmal um die eigene Achse. Eine Pirouette, fast so elegant wie ein Eiskunstläufer. Sascha Kossian von Strand Pauli 08 hechtet heran wie Boris Becker zu seinen besten Zeiten in Wimbledon. Doch er kommt zu spät. Im Fallen kommt Wacker zum Wurf - und trifft. Würde in der Halle gespielt, Kossian wäre seinen Gegenspieler wohl viel härter angegangen. Ganz anders ist das im Sand. „Beim Beachhandball geht’s um Schnelligkeit, um Tempo, weniger um Körperkontakt. Nicht jeder Hallenhandballer ist deshalb auch ein guter Beachhandballer“, erklärt Kai Bierbaum.

Bundestrainer im Einsatz

Der 41-Jährige, eigentlich Bundestrainer der Männer, hat gerade Pause und beobachtet die Konkurrenz. Er betreut die Sand Devils aus seiner Heimatstadt Minden. Die Spieler ruhen sich ebenfalls aus - im Schatten. „Das spart Kräfte“, erklärt er. Doch längst nicht alle der 200 Akteure halten sich daran. Viele liegen knapp bekleidet in der Sonne, andere stoßen mit Bier an. Leistungssportgedanke trifft Partykultur - auch das ist Beachhandball. „Ich bin keine Spaßbremse. Früher habe ich mir auch mal ein kühles Getränk gegönnt. Aber als ich Nationalspieler geworden bin, habe ich damit aufgehört“, erklärt Bierbaum, für den trotz des Spaßes der Erfolgsgedanke im Vordergrund steht.

Um neun Uhr morgens hat die Meisterschaft begonnen. Auf zwei Plätzen spielen die BonnBos gegen die Beach Queens, die Kuties gegen die Sandmöpse, die 12 Monkeys gegen die Beachbanausen, die Nordlichter gegen das Dreckige Dutzend. Mal klangvoll, mal kurios: Das ist die Devise bei den Team-Namen. „Die Idee ist wohl beim Cocktailtrinken geboren worden“, erklärt Lizzie Sumpere von den Caipiranhas aus Erlangen und grinst. Sie trägt das von den Machern gern gesehene Outfit: eine knappe kurze Hose, ein enges Shirt. „Die Outfits der Beachvolleyballerinnen stehen für die Frauen Pate“, sagt Bierbaum. „Bei den Männern gilt: Nackter Oberkörper ist verboten.“

Sumpere erkundigt sich bei Organisator Mathias Jünemann nach den Ergebnissen. Der Leiter der Handball-Abteilung des Tuspo Waldau ist der Mann für alle Fälle. Mal gibt er Ergebnisse in den Computer ein. Mal organisiert er neue Getränke, denn angesichts der Hitze ist der Wasserbedarf in die Höhe geschnellt. Mal hilft er beim Improvisieren. Ein Verkaufsstand für Kuchen soll aufgebaut werden, doch es fehlen Stangen. „Die habe ich wohl zu Hause vergessen“, gesteht er.

Lob von der EHF 

Für die Veranstalter gibt’s viel Lob, auch von der Europäischen Handball-Union (EHF). „Ein gelungenes Turnier. Wir sind froh, dass Deutschland wieder zurück ist im Beachhandball“, sagt der Italiener Marco Trespili, bei der EHF zuständig für Beachhandball.

Am Ende jubeln zwei Teams aus Minden: Bei den Frauen siegt das Team Strandgeflüster, bei den Männern die Sand Devils, die zum fünften Mal Champions werden. Und am Ende gönnt sich auch Bierbaum ein Bierchen. Als Meistertrainer ist das schließlich erlaubt.

Die Beachhandballer blicken auf das Jahr 2024: Dann soll ihre Sportart olympisch werden. Sieben Jahre vorher, also 2017, wird das Internationale Olympische Komitee die Entscheidung treffen. Bei den Olympischen Jugend-Spielen 2018 in Buenos Aires steht erstmals nur Beachhandball, aber kein Handball in der Halle mehr auf dem Programm. Bei den World Games 2013 (Olympische Spiele der nicht-olympischen Sportarten) verfolgten 21 000 Zuschauer die Beachhandball-Spiele.

2006 hatte der Deutsche Handball-Bund Beachhandball zum Breitensport herabgestuft. 2014 wurde der Neustart beschlossen: Es gibt wieder Nationalteams, die Förderung soll 2016 von 40.000 auf 60.000 Euro erhöht werden.

Der Anschluss an die internationale Spitze muss aber erst wieder hergestellt werden: „Die Top-Nationen sind Ungarn, Kroatien, Spanien. Stellen sie die Bundesliga, spielt Deutschland in der 3. Liga“, sagt Bundestrainer Kai Bierbaum.

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