Handball: Schiedsrichterzahl sinkt, weil Druck steigt - Probleme auch mit Eltern

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Sie haben’s schwer: Schiedsrichter klagen über Trainer, Betreuer und Eltern, die sich danebenbenehmen.

Sprendlingen/Kassel. Zwei eklatante Probleme trüben die Zufriedenheit im Hessischen Handball-Verband: Immer häufiger werden die Sportgerichte angerufen, weil es vermehrt Übergriffe von Offiziellen gibt und vor allem von Eltern auf Schiedsrichter.

Im Hessischen Handball-Verband hat Kontinuität Tradition. Und auch in Sprendlingen beim Verbandstag wurde nun die Führungsriege um Präsident Gunter Eckart aus Brombachtal von den 66 Delegierten in ihren Funktionen bestätigt. Neu ist Tobias Weyrauch aus Lich als Vizepräsident Spieltechnik. Auffällig: Einmal mehr ist Nordhessen nicht in den leitenden Positionen vertreten.

Zwei eklatante Probleme aber trüben die leidliche Zufriedenheit - und sie sind eng miteinander verknüpft: Immer häufiger werden die Sportgerichte angerufen, weil es vermehrt Übergriffe von Offiziellen gibt und vor allem von Eltern auf Schiedsrichter. Was auch zur Folge hat, dass die Zahl der Spielleiter immer weiter sinkt, diesmal um weitere zehn Prozent in den letzten drei Jahren.

Was ist los in den hessischen Sporthallen? 

Immer häufiger werden Schiedsrichter nicht nur angepöbelt, sondern auch beleidigt und sogar körperlich bedroht. Von Trainern, Betreuern und immer mehr auch von Eltern, die ihre Kinder benachteiligt sehen. Spiele werden unterbrochen, ja sogar abgebrochen; Schiedsrichter geben ihr Ehrenamt auf.

Wie bewertet die HHV-Führung das Geschehen? 

Josef Semmelroth aus Linden, Vizepräsident Recht, äußert sich betrübt darüber, „dass Respekt und Verständnis immer mehr schwinden, dass Fairness, Sportsgeist und sogar menschliche Würde zunehmend auf der Strecke bleiben“. Niemand dürfe sich wundern, „wenn nicht nur Jungschiedsrichter, sondern auch gestandene und erfahrene Spielleiter das Handtuch werfen, wenn inzwischen nicht nur Trainer und Betreuer, sondern vor allem auch Eltern ihre Vorbildfunktion verlieren“. Semmelroth beklagt zunehmende Aggressivität auf den Rängen, „von wo der Druck aufs Spielfeld getragen wird, weil sich Eltern danebenbenehmen und über ihre Kinder auch das verwirklicht sehen wollen, was sie selbst vielleicht nicht erreicht haben“. Er weiß: „Die Dunkelziffer bei solch miesem Verhalten ist hoch, da ist vieles leider Alltag geworden. Bei den Verbandsgerichten auf Bezirks- oder Landesebene kommen nur die Exzesse an.“

Was tut der Verband gegen dieses Problem? 

„Wir sind in unseren Möglichkeiten limitiert“, weiß Semmelroth. „Aber wir wollen wieder mehr Toleranz reinbringen - unabhängig von Nationalität, Hautfarbe und Alter.“ Mit Unterstützung des HHV sollen die Klubs auf Trainer und Betreuer einwirken, mit Eltern reden. Denn: „Das Ergebnis eines Spiels steht gerade beim Nachwuchs nicht über allem. Der Sport soll Spaß machen, wir müssen die Kinder wieder spielen lassen“, fordert der Vizepräsident.

Wie kann wer bestraft werden? 

Bei Pöbeleien und Beleidigungen durch Zuschauer bleibt einem Schiedsrichter nur das Zivilrecht, die Sportjustiz ist da außen vor. Es sei denn, der Sünder hat eine offizielle Funktion in Verein oder Verband. Für die körperliche Unversehrtheit der Schiedsrichter ist der gastgebende Verein verantwortlich, und er wird bei Verstößen meist auch mit Geldbußen bis hin zu Punktabzügen bestraft.

„Bin weinend nach Hause gekommen“

Erschütternde Erlebnisse eines Jungschiedsrichters, der Schutz erhält in der Anonymität 

„Ich verstehe jeden Jungschiedsrichter, der wieder aufhört mit dem Pfeifen.“ Sagt ein junger Mensch, der seit einigen Jahren in Nordhessen Handball spielt und auch Spiele leitet. Dass er bzw. sie, Anfang 20, anonym bleiben will, um nicht selbst Gesprächsthema zu werden und eventuellen Anfeindungen beim nächsten Einsatz aus dem Weg zu gehen, ist allein schon bezeichnend für die Situation und darf Anlass zum Grübeln sein. Aussagen eines Interviews:

„Wer mit 16, 17 anfängt, der hat’s ganz schwer nach den ersten fünf Spielen mit einem Betreuer. Jede Unsicherheit wird radikal ausgenutzt, man wird massiv eingeschüchtert. In erster Linie von Trainern und Betreuern, die Einfluss nehmen wollen, jede Entscheidung vorsagen, rufen ,siehst du das denn nicht?‘ oder gar mit Einspruch gegen die Spielwertung drohen. So etwas verunsichert einen Jugendlichen doch total.“

„Bei D- und C-Jugendspielen habe ich häufig völlig übermotivierte Eltern erlebt. Andere Kollegen sind sogar körperlich bedroht worden, ich zum Glück nicht. Es blieb bei Pöbeleien und Beleidigungen.“

„Ich bin früher teilweise weinend von einem Spiel nach Hause gekommen, weil ich alles sehr persönlich genommen habe. Meine Familie hat mich dann wieder aufgebaut. Erst in letzter Zeit bin ich immer mal glücklich nach einer Partie. Es gibt ja manchmal auch ein positives Feedback oder konstruktive Kritik. Als Schiri bist du schon zufrieden, wenn alle ruhig bleiben und nix gesagt wird. Ganz skurril wird es, wenn die Obermährer nach dem Spiel sagen ,ich hab’s ja nicht so gemeint‘.“

„Ich würde es wieder machen, auch damit der Verein kein Problem mit dem Erfüllen des Schiedsrichtersolls bekommt. Als Schiri bin ich selbstbewusster geworden und trete souveräner auf. Irgendwann war dann ein Punkt erreicht, wo mir egal war, was da so von außen auf mich eingeprasselt ist. Seither ist es leichter, auch weil ich reifer geworden bin, mit Druck besser umgehen kann.“

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