Eine Bilanz

Rolf Hocke scheidet nach 19 Jahren als Präsident des Hessischen Fußball-Verbandes aus

Der scheidende Präsident und sein designierter Nachfolger: Rolf Hocke (rechts) und Stefan Reuß. Archivfoto:  Fischer/nh

Kassel. 19 Jahre lang war er der Präsident und sechs Jahre Vizepräsident des Hessischen Fußball-Verbandes - heute wird Rolf Hocke am Rande des Verbandstages in Grünberg festlich verabschiedet.

Morgen dann soll Stefan Reuß, der Landrat des Werra-Meißner-Kreises, zu Hockes Nachfolger gewählt werden. Hocke selbst wird wohl Ehrenpräsident. Er blickt auf die vielen Jahre als Funktionär zurück.

DER ABSCHIED

„Ich habe immer gesagt, dass ich nicht wie andere aus meinem Amt gejagt werden will, sondern den Zeitpunkt des Aufhörens selbst bestimmen möchte. Der ist jetzt gekommen, nachdem mein ursprünglicher Plan, für eine halbe Amtszeit zu kandidieren, nicht realisierbar war. Ich gehe aber weder mit einem lachenden noch mit einem weinenden Auge. Es ist der natürliche Lauf der Dinge, und ich bekomme das, was ich immer wollte: Ich werde in Ehren verabschiedet und kann es jetzt ruhiger angehen lassen. Ich kann jetzt auch mal sagen: Ich bleibe zu Hause.“

DIE SCHÖNSTE ZEIT

„Das war sicher die Zeit, als ich das regionale Organisationskomitee in Frankfurt für die Weltmeisterschaft 2006 und die Frauen-Weltmeisterschaft 2011 geleitet habe. Vor allem rund um die WM 2006 hatte ich auf diese Weise oft mit Franz Beckenbauer zu tun und habe auch sonst interessante Menschen getroffen. Das war sehr spannend. Insgesamt hat mir die Zeit viel gegeben: Als Delegationsleiter der U 20 und später der U 21 hatte ich unvergessliche Erlebnisse in Palästina, in Israel und auf den Färöern. Wer kommt da schon hin? Ich habe so die halbe Welt gesehen.“

DIE TOP-BEGEGNUNG

„Das darf ich gar nicht laut sagen, aber eine meiner interessantesten Begegnungen hatte ich mit Sepp Blatter. Als ich für den WM-Standort Frankfurt tätig war, sollte ich ihn mal vom Flughafen abholen. Ich habe also einen Blumenstrauß für seine damalige Lebensgefährtin gekauft, bin zum Flughafen gefahren und wartete auf ihn. Als wir uns schließlich trafen, sagte er: ,Hallo Herr Hocke, das ist aber schön, dass Sie mich abholen.‘ Dabei haben wir uns nie zuvor gesehen. Die Geschichte zeigt, dass er nie etwas dem Zufall überlassen hat.“

DER WM-SKANDAL

„Als ich zum ersten Mal gehört habe, dass es Ungereimtheiten gegeben haben soll, habe ich es einfach nicht für möglich gehalten: Vor allem für Horst R. Schmidt, den früheren Schatzmeister, hätte ich meine Hand ins Feuer gelegt. Das ist der Bürokrat schlechthin gewesen, ein Ehrenmann. Im Nachhinein muss ich sagen: Der größte Fehler war, nicht von Anfang an gesagt zu haben, was Sache ist und dass diese ominösen 6,7 Millionen Euro einfach gezahlt werden mussten, um die WM zu bekommen. Das hätte jeder verstanden, weil die WM einfach ein tolles Ereignis war, das Deutschland viel Anerkennung eingebracht hat, und 170 Millionen Euro an Einnahmen zurückgeflossen sind. So aber war das Krisenmanagement einfach miserabel. Es gipfelte in der unsäglichen Pressekonferenz zu diesem Thema.“

DIE FUSSBALL-ZUKUNFT

„Wir müssen aufpassen, dass der Profifußball den Amateurfußball nicht vereinnahmt. Die Tendenz ist da. Auf der einen Seite fließen Milliarden an Fernsehgeld für die Profiklubs, auf der anderen Seite kämpfen Amateurvereine um ihre Existenz. Da müssen wir gegensteuern, und wir müssen uns immer vergewissern, woher die Profis kommen: in der Regel aus den Amateurvereinen. Ich halte es deshalb für bedenklich, zum Beispiel Profivereine erst später in den DFB-Pokal einsteigen zu lassen. Darüber hinaus müssen wir den Amateuren helfen, indem wir sie entlasten, was das Schiedsrichter-Soll angeht und die strengen Regeln in Sachen Unterbau bei Hessenligisten bis Gruppenligisten. Zudem müssen wir das Ehrenamt stärken. Eine große Kampagne mit dem Masterplan ist bereits gestartet.“

DIE ZUKUNFT

„Ich werde nicht in Depressionen verfallen, zumal ich dem Sport verbunden bleibe. Ich bin weiterhin Vizepräsident des Landessportbundes, und sollte ich Ehrenpräsident beim Hessischen Fußballverband werden, habe ich weiterhin Sitz und Stimme im Präsidium. Ich werde so auch in Zukunft zu Fußballspielen fahren. Dafür wird meine Frau Renate schon sorgen. Die ist nämlich auch große Fußball-Anhängerin, seit sie mit ihrem Vater früher immer zu Schalke 04 und dem KSV Hessen Kassel gegangen ist. Sie hat mich ebenso wie meine Tochter Johanna immer unterstützt. Dafür bin ich sehr dankbar.“

Zur Person

Rolf Hocke (74) stammt aus Zennern und lebt in Wabern im Schwalm-Eder-Kreis. Er war Torwart beim Tuspo Wabern und von 1967 bis ’70 beim Regionalligisten KSV Hessen Kassel. Er war Leiter der Arbeitsagentur Fritzlar, Präsident des Süddeutschen Fußball-Verbandes und Vizepräsident des DFB. Seit 1988 ist Hocke Vizepräsident des Landessportbundes und seit 1997 erster Mann des Hessischen Fußball-Verbandes. Er ist verheiratet und hat eine Tochter.

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