September 1965: Irina und Tamara Press begeistern beim Frauen-Finale des Leichtathletik-Europacups

Als in Kassel zwei Weltrekorde in zehn Minuten geholt wurden

Europacup-Finale der Frauen am 19. September 1965 im Auestadion: Die 80 m Hürden mit (v. li.) Annamaria Kovacs (verdeckt), Irina Press (Sowjetunion), Danuta Sobieska (Polen), Inge Schell (Deutschland), Gundula Diel (Ostdeutschland) und Lia Hinten (Niederlande). Fotos: HNA-Regiowiki

Kassel. Am 18. und 19. Juni findet im Kasseler Auestadion die Deutsche Leichtathletik-Meisterschaft statt. Nach 2011 zum zweiten Mal. Aber das Auestadion war schon früher Ort von großen Sportfesten, Titelkämpfen oder Meisterschaften.

Höhepunkt früherer Leichtathletik-Veranstaltungen im Kasseler Auestadion war das erste Europacup-Finale der Frauen am 19. September 1965. Schon zehn Minuten nach dem Beginn hatte es zwei Weltrekorde gegeben, und die 20 000 Zuschauer waren begeistert. Irina Press aus der damaligen Sowjetunion stellte den Hürdenrekord über 80 Meter mit 10,4 Sekunden ein. Ihre Schwester Tamara verbesserte ihre eigene Höchstleistung im Kugelstoßen auf 18,59 Meter.

Freude bei Irina und Tamara Press über ihre Weltrekorde im Kasseler Auestadion.

Beide legten damit den Grundstein für den Triumph der UdSSR mit 56 Punkten vor dem Team aus Ost-Deutschland (so wurde die DDR damals genannt) mit 42 Zählern, Polen (38), der Bundesrepublik (37), Ungarn (32) und den Niederlanden (26).

Über das Geschlecht der beiden Press-Schwestern wurde in dieser Zeit viel spekuliert. Waren sie Männer? Oder Herma-phroditen? Oder gedopt? Nachdem 1966 (bis 2000) international Geschlechtsüberprüfungen Pflicht wurden, traten beide im Sport nicht mehr auf.

Für das bundesdeutsche Team in Kassel waren Erika Pollmann (100 m), Ingrid Becker (200 m), Christine Linz (400 m), Antje Gleichfeld (800 m), Inge Schell (80 m Hürden), Helga Hoffmann (Weitsprung), Ilia Hans (Hoch), Gertrud Schäfer (Kugel), Kriemhild Limberg (Diskus) und Anneliese Gerhards (Speer) im Einsatz. Die 4x100-m-Staffel war mit Gerlinde Beyrischen, Hannelore Trabert-Swienty, Inge Schell und Erika Pollmann gelaufen.

Vor der abschließenden Sprintstaffel war der Kampf um Platz zwei noch völlig offen. Doch dann vollzog sich, nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal in der Geschichte wichtiger Staffelrennen deutscher Mannschaften das Trauerspiel: Erst verursachte Gerlinde Beyrischen einen Fehlstart und war beim zweiten Versuch verständlicherweise vorsichtiger. Dann lief Hannelore Trabert-Swienty zu früh los und musste abstoppen. Inge Schell ließ sich von ihr fast überlaufen und stürzte bei der Übergabe an Erika Pollmann. So blieb nur Rang sechs.

Hannelore Suppes hervorragender 800-m-Sieg in der Welt-Bestzeit von 2:04,3 Minuten sollte der einzige Erfolg einer (Ost-)Deutschen bei diesem Europacup bleiben. Die Russinnen waren mit sechs ersten Plätzen nicht zu schlagen, Polens Sprinterinnen feierten drei Siege, Ungarn gewann durch die Diskuswerferin Jolanda Kleiber.

Der Kasseler Sportführer Dr. Max Danz, damals Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, hatte den Europacup im Auestadion eröffnet. Dabei war auch der damalige Präsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes Adrian Paulen (Niederlande).

Paulen hatte sein Domizil im Parkhotel Hessenland aufgeschlagen und zuvor Max Danz nach dem Weg gefragt. „Bei der Einfahrt nach Kassel aus Richtung Warburg immer den Straßenbahnschienen nach, immer geradeaus“, soll die Antwort gewesen sein. Und so wunderten sich damals Passanten in der Fußgängerzone der Kasseler Innenstadt über einen Pkw mit niederländischem Kennzeichen. Mit Hilfe der Polizei ist Paulen aber heil wieder aus der Innenstadt herausgekommen und hat das „Hessenland“ auch gefunden.

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