„Anreiz und Absicherung nicht optimal“

Sportwissenschaftler  Hottenrott fordert Reform für Leistungsförderung

Nah dran am Sportler: Prof. Dr. Kuno Hottenrott hier beim Laktattest mit KSV-Fußballer Sebastian Schmeer. Archivfoto: Schachtschneider/nh

Kassel. Die Leichtathletik-WM beginnt am Samstag. Wenige Tage nachdem Bundesinnenminister Lothar de Maiziere mehr Medaillen deutscher Athleten bei Großereignissen eingefordert hat.

Die Sportwissenschaftler Prof. Dr. Kuno Hottenrott aus Kassel und Prof. Dr. Klaus-Michael Braumann (Hamburg) haben sich mit der aktuellen Situation auseinandergesetzt. Ihr Artikel wurde veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Sportwissenschaft“, nachdem der Deutsche Olympische Sportbund eine Veröffentlichung im Zentralorgan „Leistungssport“ verweigert hatte. Wir sprachen mit Kuno Hottenrott über Probleme und mögliche neue Wege in der Leistungssportförderung.

Wird der Leistungssport zu sehr an Medaillen gemessen? 

Hottenrott: Natürlich ist die Medaille ein klares Messinstrument für erfolgreich absolvierte Wettkämpfe. Der Weg dorthin ist in Deutschland allerdings nicht optimal. Wir kritisieren die geringe Bezahlung und Weiterqualifizierung von Trainern, dass die Anreize für Trainer und Athleten zu gering sind, dass Fördermaßnahmen für Spitzensportler unzureichend sind und sich zu wenig am Bedarf der Athleten orientieren. Die Forderung nach mehr Medaillen darf nicht dazu führen, dass deutsche Verbände Normen fixieren, die oft härter sind als von internationalen Verbänden gefordert und ein Deutscher Meister wie Florian Orth trotz Iaaf-Norm zu Hause bleiben muss.

Was wäre besser zu machen? 

Hottenrott: Oft wird an längst überholten Trainings- und Wettkampfkonzepten fest gehalten. Es vergehen oft viele Jahre, bis neue Forschungsergebnisse in die Trainings- und Wettkampfpraxis umgesetzt werden, so dass ein Informationsvorsprung gegenüber der Konkurrenz kaum noch genutzt wird. Ferner müssten die vom Bundesministerium des Innern bereit gestellten Mittel von 150 Mio. Euro besser verteilt werden. Nur zwei Prozent werden derzeit für die universitäre Sportforschung verwendet. Das ist eindeutig zu wenig.

Athleten, die erst mit 30 Topergebnisse erzielen, können durchs Raster fallen. Ist der zuständige Apparat zu behäbig? 

Hottenrott: Der deutsche Spitzensport ist zu zentralistisch ausgerichtet, starre Normen und Richtlinien werden vorgegeben, die von der Kaderzugehörigkeit bis in eine verbindliche Rahmentrainingsplanung hineinreichen. Quereinsteiger und Athleten in Sportarten mit spätem Höchstleistungsalter fallen tatsächlich durch die streng altersabhängige Kadernorm. Es darf daher in Deutschland nicht nur ein zentrales Institut wie das IAT (Institut für angewandte Trainingswissenschaft) in Leipzig geben, sondern die Stützpunkte und die universitären Einrichtungen müssen stärker eingebunden werden.

Wie wollen Sie das verbessern? 

Hottenrott: Aus Gesprächen mit Athleten wird immer wieder deutlich, dass eine Absicherung nach der Sportkarriere fehlt, Studium und Sport nur schwer vereinbar sind. Ein erster Schritt ist es jetzt, in großer Breite die Topathleten zu ihrer Situation systematisch zu befragen, statt Änderungen im Sportsystem allein von oben herab organisieren zu wollen.

In anderen Ländern gibt es Anreizsysteme wie eine lebenslange Rente nach einer olympischen Goldmedaille. Macht so etwas Sinn? 

Hottenrott: Unter den großen Sportnationen gibt es kaum ein Land, das Medaillengewinnern bei den Olympischen Spielen so wenig bietet wie Deutschland. Auch Anreizsysteme für Kadertrainer sind kaum gegeben. Heute werden erfolglose und erfolgreiche Trainer eines Verbandes gleichermaßen entlohnt. Für engagierte Trainer sollten zusätzliche Anreize geschaffen werden. Kaderathleten werden in Deutschland optimal gefördert und sind abgesichert, wenn sie zur Bundeswehr, zur Polizei oder zum Zoll gehen. Eine freie Studiums- und Berufswahl ist somit ohne Benachteiligung nicht gegeben. Studienstipendien wie in den USA wären eine sinnvolle Maßnahme zur Leistungssportförderung.

Die beteiligten Institutionen und Verbände aber erscheinen wenig reformwillig, oder? 

Hottenrott: DOSB, Olympia-Stützpunkte, Wissenschaft und die Ministerien müssten gemeinsam Grundlagen für eine offene Diskussion schaffen. Der deutsche Spitzensport muss bereit sein, neue Wege zu gehen, um spätestens 2024 bei Olympia wieder erfolgreicher zu sein. Im Frühjahr wollen wir einen Experten-Workshop einberufen - dann sehen wir weiter.

Prof. Dr. Kuno Hottenrott (56), verheiratet, zwei Kinder, lebt in Kassel und lehrt an der Martin-Luther-Universität Halle (Saale). Er ist Leiter des Arbeitsbereichs Trainingswissenschaft und Sportmedizin sowie Direktor des Instituts für Leistungsdiagnostik und Gesundheitsförderung (ILUG). Hottenrott ist seit 2013 Präsident der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) und hat eine Marathonbestzeit von 2:36 h.

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