Meister nach Zwangspause

Fußball-Trainer Horst Schmidt erinnert sich an einen besonderen Erfolg 

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Aufsteiger in die Landesliga 1986: der TSV Jahn Calden mit (hinten von links) Abteilungsleiter Manfred Dürrbaum, Trainer Horst Schmidt, Günter Mendel, Peter Hoffmann, Hans-Dieter Falten, Rüdiger Kühneweg, Werner Krone, Betreuer Manfred Christmann und Horst Thöne, (knieend von links) Uwe Fröhlich, Wolfgang Lindemann, Jens Butterweck, Ortwin Falten, Ralf Butterweck, Uwe Mackewitz, (liegend von links) Detlef Klein und Wolfgang Berndt. 

Der in dieser Region sehr bekannte Fußball-Trainer  Horst Schmidt erinnert sich an einen besonderen Erfolg. 

Als die Corona-Pandemie den Sport Mitte März lahmlegte, kam wohl älteren Fußballern die Saison 1985/86 in den Sinn. Mir ging es auf jeden Fall so. Zur Erinnerung: Am 26. April 1986 explodierte im ukrainischen Tschernobyl in einem Atomkraftwerk ein Reaktor. Zunächst schien es keinen Einfluss auf den heimischen Sport zu nehmen. Aber es kam dann ganz anders: Ab 5. Mai waren alle sportlichen Aktivitäten auf Rasenplätzen untersagt.

Horst SchmidtFrüherer Fußball-Trainer

Ich erinnere mich besonders gut an diese Saison vor 34 Jahren, denn als Trainer des TSV Jahn Calden war meine Mannschaft auf einem guten Weg zur Meisterschaft in der Bezirksliga (Gruppe 2). Die Politik war sich zunächst nicht sicher, welche Auswirkungen der Vorfall in Tschernobyl auf Deutschland hat. Irgendwann wurde aber klar, dass wir von der Atom-Wolke dennoch betroffen sein könnten. Neun Tage nach der Explosion wurden alle Sportplätze gesperrt, der Spielbetrieb im Freien ausgesetzt. Für Fußballer war es zunächst vergleichbar mit der heutigen Situation. Soll die Saison fortgesetzt werden? Soll sie abgebrochen werden? Wenn ja, wie wird sie gewertet? Es gab viele Diskussionen, die Situation war undurchsichtig.

Da die Rasenplätze gesperrt waren, hielten sich meine Spieler mit Läufen auf Asphalt für den Tag X fit, wenn es weitergehen sollte. Anders als heute gab es damals natürlich keine Kontaktsperre und so liefen sie in der Gruppe. Das Mannschaftsgefühl blieb bestehen.

Der Tag X kam schneller als gedacht. Denn eines ist klar: Die Zwangspause dauerte dann doch bei Weitem nicht solange wie die aktuelle. Bereits am 14. Mai 1986 war sie zu Ende. Allerdings wurde den Vereinen erst einen Tag vor dem Neustart der Saison mitgeteilt, dass es weitergeht. Es gab keine Auflagen, keine Vorgaben zum Wiedereinstieg – wie es heute bei der Corona-Pandemie nötig ist. Ein vernünftiges Mannschaftstraining war vor der ersten Partie dennoch nicht möglich. Dazu kam die Information zu kurzfristig.

Und so hatte meine Mannschaft große Schwierigkeiten, wieder in Tritt zu kommen. Beim Neustart stand ausgerechnet das Spitzenspiel gegen den ärgsten Verfolger Ihringshausen an. Wir wurden regelrecht vorgeführt – und verloren völlig verdient 0:3. Als Tabellenführer hatten wir das Punktepolster fast verspielt – und standen zwei Spieltage vor Saisonende nur noch einen Zähler vor Ihringshausen, zwei vor Fürstenhagen und drei vor Weidenhausen.

Aber die Spieler behielten die Nerven. Das letzte Heimspiel gewannen sie gegen Spangenberg 3:1 – während Ihringshausen und Weidenhausen Federn ließen. Bei zwei Punkten Vorsprung reichte am letzten Spieltag bei der TSG Wellerode ein Unentschieden zur Meisterschaft. Durch ein Doppelpack von Uwe Fröhlich gewannen wir 2:1. Nach Spielschluss war der Jubel groß. Der erste Aufstieg des TSV Jahn in die Landesliga wurde mit einem Umzug durchs Dorf und anschließender Feier im Gasthaus Müller bis in die frühen Morgenstunden kräftig gefeiert.

Als Zugabe gab es das Spiel um die Bezirksliga-Meisterschaft gegen den Titelträger der Gruppe 1 – KSV Baunatal II. Trotz einer 3:0-Führung verloren wir 3:4. Der dritte Aufsteiger in die Landesliga war übrigens der SC Willingen.

Mit dem Aufstieg und der Staffel-Meisterschaft sowie der Tschernobyl-Katastrophe war es eine denkbare Saison, die immer in Erinnerung bleiben wird.

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