Goldene Sportplakette für Frauen des Kasseler Sports

Helga Engelke und Ilse Kühn: Die Vereine sind ihr Leben

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Zwei starke Frauen und der Stadtkämmerer: Christian Geselle überreichte die Goldene Sportplakette an Helga Engelke (links) und Ilse Kühn.

Kassel. 97 Menschen nur sind es, die seit 1953 die Goldene Sportplakette der Stadt Kassel erhalten haben. Nun wurden zwei Frauen damit geehrt, die auf vielfältige Weise außergewöhnlich sind.

In ihrer Persönlichkeit, in ihrem Schaffen, als Vorbilder, als Frauen, die für ihren Sport und ihre Vereine stehen. Seit Jahren, nein seit Jahrzehnten. Und: Helga Engelke und Ilse Kühn sind Institutionen, die auch etwas zu sagen haben:

über ihre Anfänge ...

Helga Engelke: In den Siebzigerjahren waren überall Männer am Ruder und Frauen nur schmückendes Beiwerk - ungeeignet für den Vorstand, aber gut genug zum Arbeiten. Ich habe begonnen mit der Betteltour, um bei Sponsoren Preise für die Teilnehmer am Orchideenball zu organisieren. Heini Weber hatte einen Fernseher spendiert, das war ein Knüller. Und ich habe hartnäckig durchgesetzt, dass den dann nicht das Siegerpaar erhielt, sondern die Letzten, die sonst mit Blumen und Pralinen abgespeist wurden.

Ilse Kühn: Für mich war der Einstieg eher unspektakulär. Die Trainerin der Frauenmannschaft hatte hingeworfen - und meinte, ich müsse in die Bresche springen. Und schon war ich drin im Verein. Stück für Stück kamen Kontakte und immer mehr Verantwortung hinzu - Finanzen, Spielpläne. Auch der Basketball war eine Männerdomäne. Aber ich habe nie kämpfen müssen um Akzeptanz.

über Kampf um Respekt ... 

Engelke:  Anerkennung und Akzeptanz mussten sich Frauen härter erarbeiten. Im Rot-Weiss-Klub, im TC 31, überall. Uta Sippel und ich, wir waren bei den Tänzern damals Eisbrecher. Bezeichnenderweise hat Usch Rudolph, die Ehefrau unseres damaligen Vorsitzenden, mir den Weg in den Vorstand geebnet. 1982 habe ich die Seniorennachmittage begründet, war intensiv beteiligt an den Nordhessischen Tanztagen. Das hat Eindruck gemacht.

Kühn:  Bei uns stand fast immer der Sport im Vordergrund, nie die Person. Das größte Problem sind seit jeher die Finanzen. Als Randsportart, noch dazu in einem Flächenbezirk - weit entfernt von den einst amerikanisch geprägten Hochburgen um Gießen und Frankfurt - mit weiten Reisen, müssen wir um jeden Euro, um jeden Unterstützer hart kämpfen. Frauen wie Männer.

über Vereinsarbeit ... 

Kühn: Basketball ist mein Leben, der Verein wie eine Familie. Ich kenne eigentlich jeden in unserer Abteilung, weil ich mich auch um Hallen, Trainer und Mitglieder kümmere. Wir haben 21 Mannschaften, allein acht bei den Männern, und ich versuche, alle Teams möglichst oft auch spielen zu sehen. Derzeit arbeiten wir mit vielen jungen Leuten daran, eine neue Struktur zu entwickeln mit einer hauptamtlichen Geschäftsführung. Das ist ganz wichtig.

Engelke:  Früher war Klubleben anders, nämlich ein Miteinander, ein Füreinanderdasein, ein Zusammenleben und -erleben für alle Generationen, jung und alt. Leider verändert sich das sehr zum Individualismus und es wird immer schwerer, die alten Werte hochzuhalten, die Leute für das Wir zu motivieren. Denn: Ohne Vereinsleben sind die Menschen ärmer, da fehlt etwas wunderbares.

über Anerkennung ... 

Kühn:  Eine Aufmunterung und Anerkennung bekomme ich fast täglich, wenn ich in der Halle bin. Wir haben es geschafft, ein wunderbares Klima im Verein zu schaffen. Dazu gehört ein „schön, dass Du da bist“ genauso wie nette Worte zum Beispiel bei Studenten zum Abschied, wenn sie uns mit Wehmut verlassen. 2015 ehrte mich die Kasseler Bank als Alltagsheldin - das war großartig.

Engelke: Wer Verantwortung übernimmt, der muss sein eigener Motivator sein. Bei uns im Vorstand läuft es gut, den größten Zuspruch bekomme ich von den Breitensportlern und „meinen“ Senioren - wir haben sie noch, dieselben Werte.

über Motivation ... 

Engelke:  Ich will auch mit 76 nicht nur auf dem Sofa sitzen und in den Fernseher starren. Kontakt und Umgang mit Menschen tun gut, beleben, bremsen das Einrosten. Sich zu engagieren tut gut - für Herz und Kreislauf, für Körper und Geist.

Kühn: Im Sport bleibt man lebendig, hat Freude, Freunde und ein ausgefülltes Leben. Ich bin gern mit jungen Leuten zusammen, im Beruf und in der Freizeit. Und seit meine Tochter Marion auch so aktiv ist, ziehen wir uns gegenseitig mit. Das ist eine große Freude.

Die Personen

Helga Engelke (76) 

Privat:  Die einstige Mitinhaberin eines Ingenieurbüros ist seit 15 Jahren verwitwet, hat eine Tochter und drei Enkel. Ihren Ehemann Deiter lernte die „Kasseler Schlacke“ in der Tanzschule kennen - bei Klaviermusik.

Sport: Begann mit 35 (bis 1988) bei den Senioren mit Ehemann Dieter den Standardturniertanz, eroberte auch Hessentitel.

Verein: Seit 50 Jahren im Rot-Weiss-Klub Kassel, der derzeit 320 Mitglieder hat nach mehr als 600 früher. Seit den Siebzigerjahren in der Vorstandsriege, seit 2004 Vorsitzende des Klubs, der zwei eigene Sportstätten betreibt (TZ Auepark und in der Salztorstraße).

Außerdem: 2003 bis 2008 im Kreisvorstand der Freien Wähler; viele Jahre im Seniorenbeirat der Stadt Kassel, seit 2016 als Vorsitzende. Zudem Bundesvorsitzende der kommunalen Seniorenbeiräte.

Ilse Kühn (74) 

Privat:  Aufgewachsen in Augsburg, kam die spätere Studiendirektorin (Chemie, Biologie) des Goethe-Gymnasiums und Referendarausbilderin 1970 nach Nordhessen. Ihr Ehemann war vom Bundesgrenzschutz versetzt worden. 51 Jahre sind sie verheiratet, haben zwei Töchter, einen Sohn und fünf Enkel und leben in Ihringshausen.

Sport: Als Kind war Turnen angesagt, in der Schulzeit dann weckten US-Soldaten die Begeisterung für Basketball. Kühn spielt noch heute Bezirksliga, ist die älteste Aktive Deutschlands. Deutsche Seniorenmeisterin Ü 48 mit Leverkusen und DM-Starterin mit ACT (Ü 50).

Verein: Seit 1970 ist die ACT ihr Verein. Kühn leitet die Mixedgruppe, freut sich über stetig steigende Mitgliederzahlen (jetzt 374).

Außerdem: Kühn springt im Notfall als Trainerin ein, ist seit 2007 Bezirksvorsitzende und Spielleiterin von vier Klassen.

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