Sportgericht entschied über Türkgücü

Nach Spielabruch: Protokoll der Sitzung des Regionalsportgerichtes

Der Moment, als der Referee die Rote Karte zückte: Vier Türkgücü-Spieler bedrängen Schiedsrichter Tobias Lecke, der wegen der Tumulte die Partie kurz danach abbrach.

Kassel. Die Urteile sind gesprochen, der Abbruch der Partie SV Weidenhausen II gegen den SV Türkgücü ist verhandelt. Doch: Wie kommt es, dass eine Sitzung des Fußball-Regionalsportgerichts fast sieben Stunden dauert? Das Protokoll über einen denkwürdigen Abend.

Harald Kulle ahnte, was ihm und seinen Beisitzern bevorstand. „Ich rechne mit einer langen Sitzung, die bis null Uhr oder halb eins dauern kann“, sagte der Vorsitzende des Regionalsportgerichts, als er die Verhandlung zum Abbruch des Gruppenliga-Fußballspiels zwischen dem SV Weidenhausen II und dem SV Türkgücü Kassel eröffnete. Und es wurde eine lange Sitzung, aber sie endete sogar erst um 1.40 Uhr, knapp sieben Stunden nach ihrem Beginn.

Harald Kulle

19 Uhr: Harald Kulle begrüßt Zeugen, Angeklagte, Vereinsvertreter und die wenigen Zuschauer und erklärt den geplanten Ablauf. Pro Verein sind zwei offizielle Vertreter zugelassen. Maximal 22 Personen gilt es zu befragen. „Ich möchte aber nicht 22-mal das Gleiche hören. Falls jemand voraussichtlich schon Gesagtes zu berichten hat, möge er bitte verzichten“, sagt Kulle. Die Bitte sollte sich nicht erfüllen. Schließlich gewährt er den Betroffenen Akteneinsicht. Es ist ruhig im Saal des BC Sport und die Luft schon jetzt stickig, als diese konzentriert lesen.

19.35 Uhr: Mit der Vernehmung von Halil Karci, einem der angeklagten auf Türkgücü-Seite, beginnt die Beweisaufnahme. Immer wieder gibt es Zwischenrufe und kurze Debatten, häufig muss das Gericht für Ruhe sorgen. Was nicht immer gelingt, obwohl allen Beteiligten das Bemühen anzumerken ist, die angespannten Nerven im Zaum zu halten. Nach Karci vernimmt das Gericht weitere sechs Angeklagte von beiden Seiten.

22.34 Uhr: Harald Kulle verkündet eine fünfminütige Pause. Während der Verhandlung darf niemand den Raum verlassen. Infos könnten weitergegeben werden. Muss jemand zur Toilette, wird er von Kreispressewart Ömer Demirbay begleitet.

22.42 Uhr: Mit den Aussagen der Unparteiischen setzt das Gericht die Verhandlung fort. Während die Assistenten weitgehend souverän wirken, äußert sich Gespannleiter Tobias Lecke bisweilen widersprüchlich. Türkgücü wirft ihnen mehrmals vor, sich genau an die den Türken zur Last gelegten Vergehen zu erinnern, aber nicht an die dem SV Weidenhausen vorgeworfenen.

23.47 Uhr: Thomas Bebendorf (Weidenhausen) soll als letzter Zeuge aussagen. Nach inständiger Bitte der Klubs lässt der Vorsitzende mit Enver Gül von Türkgücü sowie Markus Neuenfeldt noch je eine weitere Stimme zu. Müdigkeitsbekunden im Saal sind selten.

0.39 Uhr: Der Sitzungsvorsitzende Harald Kulle klärt auf, welche Bestrafungen den Vereinen und den Angeklagten bei einem Schuldspruch drohen. Die Vorsitzenden Oktay Karakaya von Türkgücü und Sven Schäfer haben das letzte Wort und äußern sich versöhnlich.

1.04 Uhr: Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück. Alle anderen Anwesenden warten gespannt nebenan in der Vereinsgaststätte und diskutieren das Erlebte.

1.29 Uhr: Das Gericht hat sich beraten und bittet die Wartenden wieder in den Sitzungssaal, wo die Luft inzwischen noch viel dicker ist. Harald Kulle verliest sachlich routiniert und fast zu schnell für die müden Ohren der Zuhörer die Urteile und klärt über die Möglichkeit der Revision auf. Die Betroffenen zeigen keine sichtbare Regung.

1.40 Uhr: Die Sitzung und damit ein langer Abend endet. Zügig leert sich das Klubhaus des BC Sport.

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