Deutscher gewinnt Wilhelmshöhe Open 

Gerch jubelt: Das beste Tennis meiner Karriere

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Der Gewinner der 22. Auflage: der Berliner Lucas Gerch. 

Kassel. Zum ersten Mal seit drei Jahren kommt der Sieger der Wilhelmshöhe Open wieder aus Deutschland. Der an Position sieben gesetzte Berliner Lucas Gerch setzte sich bei der 22. Auflage des Kasseler Weltranglisten-Tennisturniers im Endspiel mit 6:7 (3:7), 6:3, 6:4 gegen den Franzosen Jules Okala durch. 2016 hatte sich Tennisprofi Yannick Hanfmann in der Fuldastadt behauptet.

1000 Zuschauer sorgten auf der Anlage des gastgebenden KTC Bad Wilhelmshöhe an der Burgfeldstraße für eine beeindruckende Kulisse. Schon am Samstag hatte sich abgezeichnet, was am Finaltag dann Gewissheit war: Turnierdirektor Eberhard Engelmann und KTC-Chef Michael Eisfeld vermeldeten einen Zuschauerrekord. 4500 Menschen sahen sich seit dem vergangenen Montag die Spiele am Bergpark Wilhelmshöhe an. Wir blicken auf dieser Seite auf die Finals und ziehen auch mit den Verantwortlichen Bilanz.

Der Einzelwettbewerb

Den letzten Schrei des Nachmittages stieß Lucas Gerch aus. Kurz nach 15.30 Uhr, nach fast zweieinhalbstündiger Spielzeit, brüllte der Berliner auf dem Center Court seine ganze Freude über den 6:7, 6:3, 6:4-Finalsieg gegen Jules Okala aus Frankreich heraus.

„Es war eine Traumwoche für mich. Ich habe das beste Tennis in meiner Karriere gespielt“, sagte der 24-jährige Gerch und rang hörbar um Fassung. Umgerechnet rund 3240 Euro strich der 1,89-m-Schlaks für diesen Triumph bei diesem Turnier der neu geschaffenen ITF-World-Tour ein. Zudem erhält er zunächst fünf ATP-Weltranglistenpunkte. Zum 5. August werden Gerch dann 20 Zähler gut geschrieben, nachdem der Weltverband ITF die Regelung zur Punktvergabe inzwischen modifiziert hat.

„Es war ein anspruchsvolles Match“, befand der Sieger. Zu Beginn hatte er sich durchaus schwergetan. Die Angriffe seines Gegenübers waren druckvoller. Vor allem die beidhändig geschlagene Rückhand zeichnete Okala aus – so entschied er etliche Grundlinienduelle für sich. Gelungene Aktionen quittierte der 22-Jährige, der frisurentechnisch Fußball-Profis wie Neymar in nichts nachsteht, nicht selten mit einem lang anhaltenden Schrei.

Doch schon im ersten Durchgang war erkennbar, dass mit dem Berliner noch zu rechnen sein würde. Er kämpfte sich im wahrsten Sinne des Wortes ins Spiel, brachte viele schwierige Bälle zurück ins gegnerische Feld. Nur die Krönung fehlte: Im Tiebreak unterlag Gerch seinem Kontrahenten 3:7.

Dennoch war die Nummer 474 der Weltrangliste nun auf Betriebstemperatur. Er erarbeitete sich im zweiten Abschnitt eine schnelle 3:0-Führung. Zwar hielt Okala mit zunehmender Dauer immer mehr dagegen, das entschlossene Vorgehen verhalf aber Gerch zum Satzausgleich. Dabei hatte er beim entscheidenden Punkt etwas Glück – der Filzball wurde durch eine Netzberührung für den Franzosen unerreichbar.

Satz drei ging recht ausgeglichen los. Okala führte 2:1. Dann gewann Gerch drei Spiele in Folge. Vielleicht der wichtigste Punkt: Mit einem herrlichen Passierschlag erkämpfte sich der Berliner, der bereits zum dritten Mal bei den Wilhelmshöhe Open startete, das 4:2 – die Vorentscheidung. „Lucas hat ein Riesen-Turnier gespielt, und heute war er richtig gut“, lobte Okala seinen Widersacher bei der anschließenden Siegerehrung.

Nach den Eindrücken vom Samstag war mit einem klaren Erfolg des farbigen Franzosen gerechnet worden. Denn Okala kanzelte in der Vorschlussrunde seinen an Position eins gesetzten Landsmann Sadio Doumbia mit einem 6:2, 6:1 ab. Doumbia leistete allerdings auch weniger Gegenwehr als gedacht.

Im zweiten Halbfinale stoppte Gerch den Siegeszug von Louis Weßels. Der Bielefelder, der am Freitag noch in einem Marathonmatch Ausnahmetalent Chun-Hsin Tseng ausgeschaltet hatte, war arg angeschlagen. Zu den Fuß- und Achillessehnenproblemen waren noch schmerzende Oberschenkel hinzugekommen.

„Ich war stehend k.o.“, erklärte Weßels, der damit den zweiten Turniersieg in Folge verpasste. Zuvor hatte er in Marburg triumphiert. Nun musste er sich dem späteren Wilhelmshöhe-Open-Gewinner Lucas Gerch geschlagen geben.  

Die Ergebnisse, Halbfinale: Gerch (Berlin) - Weßels (Bielefeld) 7:5, 6.4, Doumbia (Frankreich) - Okala (Halbfinale) 2:6, 1:6. Finale: Gerch - Okala 6:7 (3:7),  6:3, 6:4.

Der Doppelwettbewerb

Sandio Doumbia und Fabien Reboul dachten gar nicht daran, sich geschlagen zu geben und wehrten sieben Matchbälle ab. Als aber James Frawley und Mats Rosenkranz zum achten Mal ganz nahe am Triumph waren, missglückte Rebould ein Schlag mit der Vorhand. So kam es zum 7:5, 7:6 (12:10)-Sieg des australisch-deutschen Duos über das französische Doppel. Das Finale bei den Wilhelmshöhe Open war geprägt von der großen Aufschlagkunst aller vier Protagonisten. Der beste Akteur in der Abteilung Service aber war Mats Rosenkranz. Die Aufschläge des 20-Jährigen aus Essen kamen so hart und platziert, dass sie entweder als Asse in die Statistik eingingen oder Frawley die Gelegenheit brachten, die Returns der Franzosen mühelos zu verwandeln. Die Kraft, die Rosenkranz so gern in seine Schläge legt, wurde auch dadurch deutlich, dass etliche Bälle noch in der Nähe des Wilhelmshöher Schwimmbads gesucht werden müssen. Sie waren hoch über den Begrenzungszaun geflogen, nachdem sie der Linkshänder mit voller Wucht ins gegnerische Feld geschmettert hatte. Und weil die Aufschläge von Sadio Doumbia einen Tick schwächer waren, als die der anderen drei Spieler, war der 27-Jährige der einzige Akteur, der sein Service zweimal abgeben musste. Auch das war ein Grund dafür, dass die Waage leicht zu Gunsten des Australiers und des Esseners auspendelte. Das Finale aber war so hochklassig, dass sich eigentlich beide Doppel den Sieg verdient hatten. So sahen es auch die Spieler, die zudem das Gespür für ein perfektes Timing hatten. Nach dem Matchball blieb noch Zeit für eine kurze Siegerehrung, bei der Mats Rosenkranz das französische Doppel und das Wilhelmshöher Organisationskomitee lobte. Dann setzte der Gewitterregen ein.

Die Bilanz

„Wir sind mit der Qualität der Spiele sehr zufrieden“, erklärte Eberhard Engelmann, der Turnierdirektor der Wilhelmshöhe Open. Tatsächlich waren viele Begegnungen beim Kasseler Tennis-Traditionsturnier am Bergpark Wilhelmshöhe wesentlich besser, als es vielleicht die Weltranglistenplatzierungen der Teilnehmer im Vorfeld vermuten ließen. Das enorme Zuschauerinteresse war auch auf das hohe Niveau der Spiele zurückzuführen. KTC- Schatzmeister Wolfgang Schäfer registrierte 40 Prozent mehr verkaufte Karten als im Vorjahr. Kurzzeitig getrübt wurde die gute Stimmung, als Eberhard Engelmann drei Zuschauern Platzverbot erteilen musste. Die Besucher standen im Verdacht, an Wettbetrügereien beteiligt zu sein.

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