„Wollen Vereine nicht gängeln“

Interview mit Stefan Reuß, dem neu gewählten Präsidenten des Hessischen Fußball-Verbandes

Harmonischer Übergang: Der neue HFV-Präsident Stefan Reuß (links) überreicht seinem Vorgänger Rolf Hocke die Ernennungsurkunde zum Ehrenpräsidenten. Foto: Menkel

Grünberg. Der Vertrauensbeweis für Stefan Reuß war überwältigend. Als er beim Verbandstag des Hessischen Fußball-Verbandes als Nachfolger von Rolf Hocke (Wabern) zur Wahl stand, verweigerte ihm keiner der 328 Delegierten die Gefolgschaft. Mit dem 45-jährigen Landrat des Werra-Meißner-Kreises steht somit abermals ein Nordhesse an der HFV-Spitze. Wir sprachen mit Stefan Reuß.

Herr Reuß, nach Ansicht Ihres Vorgängers Rolf Hocke verfolgt jeder Präsident eine andere Zielsetzung. Verraten Sie uns Ihre?

Stefan Reuß: Wir werden den Verband im sportlichen Bereich weiterentwickeln und den gesellschaftlichen Herausforderungen gerecht werden müssen.

Wie genau sieht dies im Einzelnen aus?

Reuß: Wir müssen zum Beispiel schauen, wie der Spielbetrieb in den Ligen verläuft. Es wird immer schwieriger, ein einheitliches, von oben nach unten durchdekliniertes Spielsystem zu erhalten. Daher müssen wir unsere Reform, mit der die Bezirke aufgelöst wurden, weiterführen und einige Entscheidungsbefugnisse an die Kreise geben.

Und die gesellschaftlichen Herausforderungen?

Reuß: Da steht das Thema Integration im Mittelpunkt, wobei ich uns gut aufgestellt sehe. Auch bei den neuen Medien wollen wir uns weiterentwickeln, um Abläufe zu vereinfachen. Drittens müssen wir uns fragen, wie wir Aktive nach Ende der Laufbahn stärker an die Vereine binden. Breiten- und Freizeitsport spielen eine wichtige Rolle. Da sind uns zum Beispiel die Turner weit voraus.

Immer wieder werden aus den Vereinen Vorwürfe laut, der Verband sei zu bürokratisch und formalistisch. Wie gehen Sie damit um?

Reuß: Der Fußball insgesamt ist zu stark reglementiert. Aber die Regeln entstehen aus dem guten Ansatz, aufgetretene Fälle zu lösen. Die dann gefundenen Klauseln können aber nicht in jedem Fall Bestand haben.

Für viel Unmut sorgt das Thema Punktabzüge.

Reuß: Wir wollen die Vereine bestimmt nicht gängeln. Aber wir brauchen Solidarität. Wenn ein Verein nicht genügend Schiedsrichter stellt, partizipiert er von denen, die es tun. Trotzdem müssen wir neue Antworten finden, ohne dass es immer um Geldstrafen geht.

Stimmt die Gewichtung zwischen Profi- und Amateurbereich?

Reuß: Der Verband behandelt die Amateure nicht anders als die Profis. Aber wir müssen deutlich machen, dass der Profibereich besondere Verantwortung trägt. Er sorgt sehr stark dafür, dass der Amateurfußball überhaupt in heutiger Form so gespielt werden kann.

Können Sie diesen Punkt näher ausführen?

Reuß: Die Profiklubs leisten enorme Abgaben. Hätten wir mit Darmstadt 98 oder Eintracht Frankfurt einen Bundesligisten verloren, müsste der Haushalt deutlich verändert werden. Und dennoch ist auch klar, dass die Profispieler von morgen in aller Regel aus Amateurvereinen kommen.

Sie gehören zahlreichen Vereinen und Verbänden an, unter anderem als Mann den ,Herzdamen Witzenhausen‘. Was hat es damit auf sich?

Reuß: (lacht) Es geht um 70 Frauen, die sich der Aufgabe verschrieben haben, Kleinigkeiten in der Stadt und deren äußerem Erscheinungsbild mit viel ehrenamtlichem Einsatz zu verändern und zu verbessern. Ich bin dort Ehrenmitglied und förderndes Mitglied.

Letzte Frage: Wer wird Fußball-Europameister?

Reuß: Ich glaube, wenn auch nach dem etwas schwächeren Spiel gegen Polen etwas verhaltener, dass der amtierende Weltmeister auch den kontinentalen Titel gewinnt. Mein Geheimtipp war Irland.

Zur Person: Stefan Reuss (45), geboren in Kassel, wuchs im Hessisch Lichtenauer Stadtteil Velmeden auf. 2006 wurde er zum Landrat des Werra-Meißner-Kreises gewählt und 2012 im Amt bestätigt. Er lebt mit seiner Ehefrau und zwei Kindern in Witzenhausen. Bis 1988 spielte er Fußball für die SG Meißner und war danach 19 Jahre lang als Schiedsrichter tätig. Seit 2000 gehört Reuß dem Vorstand des Hessischen Fußball-Verbandes an und fungierte dort seit 2008 als Vizepräsident für Wirtschaft und Finanzen.

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