Geplantes Verbot von Mikroplastik

Was passiert mit den Kunstrasenplätzen?

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Der Bau eines Kunstrasenplatzes: Der Rasen wird  später mit Sand und Kunststoffgranulat verfüllt. 

Kunstrasenplätzen? Diese Frage beschäftigt seit einigen Tagen viele Vorstandsmitglieder deutscher Amateurvereine.

Denn die aktuelle Diskussion über das von der Europäischen Union (EU) geplante (noch nicht beschlossene) Verbot von Mikroplastik sorgt für anhaltende Diskussionen – insbesondere bei Eintracht Northeim. Denn der am höchsten spielende Fußball-Klub Südniedersachsens ist der einzige Verein aus Northeim/Einbeck, der über einen Kunstrasenplatz verfügt.

Exakt formuliert verfügt Eintracht sogar über zwei Plätze: ein Großfeld und einen angrenzenden kleinen Platz. Tim Schwabe ist bei Eintracht als Vorsitzender auch der Experte für die Kunstrasenplätze. Denn als die Anlage 2015 gebaut und 2016 eingeweiht wurde, war Schwabe Projektleiter für dieses Bauvorhaben.

Die aktuelle Diskussion über Kunstrasenplätze kann Schwabe nicht nachvollziehen. „Das man das Mikroplastik reduzieren muss, ist verständlich und absolut nachvollziehbar. Was die Fußballvereine und wir als Eintracht damit zu tun haben sollen, erschließt sich mir nicht“, sagt Schwabe.

Denn als der Platz noch in der Planung war, habe man sich bei Eintracht für eine nachhaltige Variante entschieden. Statt einer Gummischicht als Dämmung wurde im Gustav-Wegner-Stadion recycelter Plastikabfall als Untergrund verwendet. „Da wird schon mal gar nichts ausgeschwemmt“, sagt der Northeimer Klubchef. Gummigranulat wird (wie fast überall) gemeinsam mit Sand als Füllmaterial verwendet, allerdings in sehr geringen Mengen, wie Schwabe betont. „Wir benutzen 10 bis 20 Kilogramm pro Jahr zum Nachfüllen. Ohne Granulat kann einen solchen Platz nicht betreiben. Bei uns wird aber auch kaum Granulat ausgetragen, fast alles verbleibt im Rasen.“

Sollte das Verbot 2022 kommen, dann müsste Eintracht die Plätze umrüsten. Jörn Lührs, Prokurist bei der Göttinger Sport und Freizeit GmbH (GoeSF), veranschlagt eine hohe sechsstellige Summe für eine solche Umrüstung. „Das könnten wir uns nicht leisten“, sagt Schwabe.

In der Planungsphase des Northeimer Kunstrasenplatzes habe man sich auch über die Alternative Kork Gedanken gemacht. Bei einer ungefähren 13-jährigen Nutzungsdauer habe man sich aber gegen dieses Füllmaterial, das zum verklumpen neigt, entschieden.

Der Allgemeine Hochschulsport der Universität Göttingen hatte sich 2016 bei der Planung und Bau des „Soccer-Zentrums“ anders entschieden. Auf den vier Kleinspielfeldern (zwei Open Air, zwei überdachte Plätze, alle mit Flutlicht ausgestattet) wird seit Ende 2016 gekickt. Als Belag für das 900 000 Euro teure Projekt wurde damals Kork gewählt. Das Naturprodukt ermögliche ein gelenkschonenderes Laufen, hieß es in der Begründung. Die Praxis zeigte, dass der Ball etwas langsamer rollt, als auf einem Platz mit Plastikgranulat.

Die GoeSF hat bereits auf die Plastikdebatte reagiert. Bislang wurde Granulat auf die sieben Spielfelder in Göttingen nachgefüllt. Jährlich 100 bis 200 Kilogramm Granulat – pro Platz. „Das haben wir vor zwei Monaten gestoppt. Die sportfunktionalen Gegebenheiten des Platzes werden dadurch nicht beeinträchtigt“, betont Lührs.

Die Plätze in Geismar, am Maschpark und in Grone wurden erste im Herbst 2018 eingeweiht. Dort wurden bereits Filter in die Regenwasserschächte verbaut. Diese Umbaumaßnahmen sollen verhindern, dass das Granulat in die Vorfluter gelangen kann. „Bei den im letzten Jahr gebauten Plätzen sind die Regenwasserschächte bereits so konzipiert, dass ein Eintrag von Granulat in die Vorfluter nahezu ausgeschlossen ist“, sagt GoeSF-Prokurist Lührs. Umbauten, die nun auch an den weiteren vier Plätzen vorgenommen werden sollen.

Und dann kursieren auch noch diverse Studien zu diesem Thema. Das Labor Lehmacher&Schneider stellt heraus, dass die Zahlen der EU nicht die verschiedenen Kunststoffrasensysteme berücksichtigen. Diese unterscheiden sich innerhalb Europas erheblich. Im europäischen Vergleich sind auf deutschen Plätzen deutlich kürzere Rasenfasern verbaut. Diese Tatsache bliebe unberücksichtigt. Die aktuell kursierenden Zahlen seien somit für Deutschland nicht relevant, heißt es abschließend.

Die EU will das Granulat ab 2022 verbieten. Der Deutsche Fußball-Bund fordert einen Bestandsschutz für bestehende Kunstrasenplätze, Innenminister Horst Seehofer spricht sich für eine Verschiebung der geplanten EU-Richtlinie um sechs Jahr bis 2028 aus.

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