Trainer ist ein Improvisationstalent

Neuanfang bei Germania Fritzlar ist eine Mission nach Luckys Geschmack

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Engagiert und ehrgeizig an der Seitenlinie: Fritzlars Trainer Lucky Cojocar, der mit seiner Mannschaft vor einem Neuaufbau steht. 

„Jetzt bin ich gefragt“, sagt Lazar Constantin Cojocar. Mit Vorfreude. Und Bestimmtheit, die erahnen lässt, dass er mit seiner neu zu formierenden Mannschaft einiges vor hat. Auch wenn beim Drittliga-Meister SV Germania Fritzlar ein personeller Neuaufbau ansteht, hält das seinen Chef-Übungsleiter nicht davon ab, in der kommenden Saison erneut „oben mitspielen“ zu wollen.

Selbst erzeugter Druck, der ihm als Ansporn dient. Denn der 50-Jährige liebt solche Herausforderungen. Hat sie gesucht und immer angenommen. Wird deshalb umworben. Im Oktober 2007 holte ihn (als Nachfolger von Peter David) Frauen-Bundesligist HSG Sulzbach/Leidersbach – mit der klaren Maßgabe, die Mannschaft im Oberhaus zu halten. Die Rettung gelang.

Die HSG Kleenheim sollte er mittelfristig in die 2. Liga führen – 2016 stieg er mit den Südhessinnen auf. Nach dem neunten Platz in der Saison 2016/2017 im Unterhaus zog die HSG ihre Mannschaft zurück. Trotzdem sagt der gebürtige Rumäne: „Das waren gute Jahre.“

Aufstieg mit der HSG Kleenheim

Richtig Schlechte hat er nicht gehabt. Eher ein enttäuschendes beim Zweitligisten Bensheim/Auerbach, wo aus dem angepeilten Aufstieg nichts wurde, die die HSG als Meister der Südgruppe 2010 in der Relegation verpasste. Oder schwierige nach seinem Trainerdebüt 2000 in Anspach. Dem damaligen Oberligisten war das Geld ausgegangen und ein großer Teil der Mannschaft plus Übungsleiter weggelaufen. Also sollte der bisherige Spielmacher ran – als Spielertrainer. „Ich sah die Chance für mich, nun selbst eine Mannschaft und seine Spieler zu formen“, begründete der damals 30-Jährige seine prompte Zusage.

Der, der bis dahin seine eigenen Förderer „immer sehr kritisch gesehen hatte“. Der, der mit seinen Teams als Spieler durch dick und dünn gegangen war, aber auch „ungemütlich“ werden konnte, wenn seine Nebenleute nicht mit dem gleichen Eifer zur Sache gingen wie er. Der, der schon als Jugendlicher bei seinem Heimatverein Sibiu Verantwortung auf dem Feld (u. a. als Kapitän) übernommen hatte.

Torschützenkönig in Rumänien

Der, der sich nach zweijähriger Lehrzeit bei Steaua Bukarest auf der Spielmacherposition durchsetzte und mit dem nationalen Aushängeschild, trainiert von Weltmeister Radu Voina, zwei Meisterschaften und einen Pokalsieg feierte. Der, der in der Saison 1996/97 dank seines gefürchteten Schlagwurfs zum Torschützenkönig von Rumäniens höchster Liga avancierte. Der, der schnell vom Projekt der SG Anspach („Die wollten unbedingt nach oben“) begeistert war und deshalb in den Hochtaunuskreis umsiedelte. Der, der die Südhessen 1998 prompt in die Oberliga führte.

Es folgten sechs Jahre „Basisarbeit“ bei der SG. Nicht nur als Spielertrainer der Herren, sondern auch als Übungseiter des Damen- und diverser Jugendteams. „Ich hab‘ im Verein fast alles trainiert“, sagt Lazar Constantin Cojocar. Und sich weiter gebildet: 2005 machte der Diplomsport-Lehrer seinen B-Schein, später (2010) die A-Lizenz gefolgt von Hospitationen bei Nicolaj Jakobssen (Rhein-Neckar Löwen), Kai Wandschneider (HSG Wetzlar) und Herbert Müller (Thüringer HC).

Teamgeist und klare Hierarchien

Seiner Handball-Philosophie ist er dabei stets treu geblieben. Klare Hierarchien, eine gesunde Konkurrenz in der Mannschaft und ein Teamgeist, der es möglich macht, „dass jeder für jeden da ist“ – so lautet sein Anforderungsprofil. Genau hat er bei seinem Amtsantritt im Januar 2018 beim SVG Fritzlar dank einer eingespielten Mannschaft mit einem über Jahre bewährten personellen Gerüst vorgefunden. Deshalb davon abgelassen an neuen Spielzügen zu arbeiten und stattdessen „die Mädchen noch mehr auf Handball fokussiert.“

Was sich in der abgelaufenen Saison bewähren sollte. Die habe durch das große Verletzungspech seine Schützlinge „physisch und psychisch“ ganz besonders gefordert. Denn: „Wir mussten uns selbst helfen.“ Das gelang. Dank Cojocars Improvisationstalents, dank einer überragenden Moral. Der Lohn: der Meistertitel und „reichlich Bonuspunkte, die das Team bei mir gesammelt hat.“ Der Verzicht auf den Aufstieg ist für den SVG-Coach nachvollziehbar: „Die 2. Liga wäre für uns ziemlich abenteuerlich geworden.“ Zumal das „Gerüst“ mit dem Rücktritt von Leitungsträgerinnen wie Esther Lieber, Melina Horn oder Vanessa Maier nicht mehr da ist.

Viel Vertrauen

Doch Fritzlars Trainer vertraut den Neuzugängen“, dem neuen Konzept mit einer „besseren Verzahnung“ zwischen erster und zweiter Mannschaft sowie der neu gegründeten A-Jugend. Und sich selbst. Seinem Drang „aus Konjunktiv Indikativ zu machen“ (Cojocar). Soll heißen, dass der Einzug ins Unterhaus nur vertagt, aber keineswegs gestrichen ist – eine Mission ganz nach Luckys Geschmack.

Von Ralf Ohm

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