Wernswiger ist zehn Jahre nach Unfall zurück

Christian Kunz und das Fußball-Märchen als Joker, der trifft und trifft und trifft

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Ein Mann und sein Ball: Christian Kunz traf als Einwechselspieler in sieben Spielen in Serie für die SG WeWaLeCa-Hülsa. 

Seine Quote ist schlichtweg fantastisch. In sieben Spielen hat Christian Kunz als Joker für die SG WeWaLeCa-Hülsa getroffen. In jedem dieser sieben Spiele in Serie. Acht Treffer in nur 295 Minuten von der Bank.

Damit ist der 40-Jährige ein Hoffnungsträger der Spielgemeinschaft im Rennen um die eingleisige A-Liga. Schier unglaublich ist diese Bilanz mit Blick darauf, dass Kunz nach einem Unfall über zehn Jahre nicht mehr für die erste Mannschaft getroffen hatte – und eigentlich Torwart ist.

 Bis zur B-Jugend sah es nicht danach aus, dass er ebenso wie sein Vater Stefan Kunz Talent im Tor und im Sturm hätte. Da reifte er bei seiner SG allein zwischen den Pfosten – immerhin bis zur Bezirksauswahl. Da Torleute mitunter nicht gut mit dem Ball umgehen können, dachten sie bei der SG, es sei nicht verkehrt, Christian Kunz zusätzlich im Feld auszubilden.

2003 Torjägerkanone vor Tobias Damm

Als er dann nicht mehr wuchs, war er mit 1,80 m für einen Schlussmann etwas zu klein, um ganz groß rauszukommen. Also nutzte er seine herausragende Sprungkraft und wurde Stürmer. „Ich war nie schnell, kein Experte für Fernschüsse, aber ich brauchte nicht viel, um zu treffen“, sagt Kunz, der jahrelang Tore für die SG am Fließband erzielte. 33 waren 2003 persönlicher Rekord in der Bezirksliga. Das reichte, um sich vor dem heutigen Trainer des KSV Hessen Kassel, Tobias Damm, der für den FC Homberg angriff, die Torjägerkanone zu sichern.

Bei der SG WeWaLeCa wusste er um ein eingespieltes Team um sich, das wie kaum ein Zweites für Kameradschaft stand. Da ging keiner weg, da kam einer hinzu. Lediglich aus dem eigenen Stall. In der Halle, als publikumswirksam mit fliegendem Torwart gespielt wurde, waren sie noch erfolgreicher. Da zog die SG Jahr für Jahr in die Endrunde ein. Oft bis ins Halbfinale und war die erste Mannschaft, die den damaligen Dauer-Sieger FSC Gensungen/Felsberg besiegen konnte.

Schwerer Verkehrsunfall 2009

Von der Krönung der goldenen Generation aus Wernswig, Waßmuthshausen, Lenderscheid und Caßdorf hatte er leider nicht viel. 2008/09 durften sich die Schwarz-Gelben in der Gruppenliga beweisen. Doch dann kam der 3. März 2009, der sein Leben nachhaltig veränderte. Ein schwerer Verkehrsunfall, bei dem er sich eine komplizierte Hüftfraktur zuzog nebst Brüchen an Knie, Brust und Daumen sowie einen Kreuzbandriss. Bis heute kann er sein linkes Bein, ausgerechnet das Schwungbein, lediglich zu 90 Prozent hochziehen. Jahrelang plagten ihn Schmerzen. Dennoch wagte er einen Versuch zurück auf den Platz. Für die Reserve. Gegen Besse II. Als Joker. Und traf beim 5:1 doppelt.

Die Freude währte allerdings nicht lange, weil die Schmerzen größer waren als der Spaß. Also beendete er 2011 seine Karriere als Stürmer. Seinen Teamkameraden blieb er treu. Mit der Folge, dass so oft er gebraucht wurde und so oft es der Körper zuließ, er den Torwart gab. Nach Absprache mit dem jeweiligen Trainer fast ohne Training, „weil mir nach jedem Spiel drei Tage lang die Hüfte wehtat.“ Als dann Hülsa als fünftes Dorf die Spielgemeinschaft erweiterte und sich vor dieser Serie vier weitere Torhüter im Kader tummelten, schien auch dieser Teil der Karriere des Christian Kunz beendet.

Optimales Timing beim Kopfball

Doch der neue Trainer hatte andere Pläne. Jürgen „Dino“ Seitz ließ ihn im Feld mittrainieren. Und siehe da. „Das Kribbeln war wieder da“, frohlockt der 40-Jährige. Beim ersten Einsatz in der Reserve gelangen ihm beim 4:1 in Obergrenzebach alle vier Tore. Auch beim 2:2 gegen Englis/Kerstenhausen/Arnsbach II traf er. „Christian ist ein Phänomen, der ähnlich wie Frank Aschenbrenner früher bei Beisetal ein herausragendes Timing beim Kopfball hat. Solche Fähigkeiten verlernt man nicht“, lobt Trainer-Fuchs Seitz.

Jürgen „Dino“ Seitz, Trainer der SG WeWaLeCa-Hü.

Seitdem sind Tore von Christian Kunz von der Bank Standard. Per Kopf, schlitzohrig aus naher Distanz und fast immer mit der ersten Chance. Das sicherte der SG in Dillich (3:2), gegen Riebelsdorf (3:2) und bei Beisetal (2:1) wichtige Punkte im Kampf um den Klassenerhalt. „Christian ist einfach ein super Typ, der eine vorbildliche Einstellung hat, die heute leider selten geworden ist. In 35 Jahren als Trainer hatte ich noch nie einen Spieler, der immer getroffen hat, wenn ich ihn gebracht habe“, erklärt Dino Seitz. Auch Christian Kunz fühlt sich wie im Märchen, dass aus ihm zehn Jahre nach seinem schweren Unfall wieder ein Torjäger geworden ist. Jetzt eben als Super-Joker. 

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