Auf die Einstellung kommt es an

Leistungssport trotz Diabetes: Jannis Kothe und Paul Kirschner sind Vorbilder

Jannis Kothe, Handballer der ESG Gensungen/Felsberg
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Jannis Kothe, Handballer der ESG Gensungen/Felsberg.

Diabetes und Leistungssport, geht das? „Das geht“, sagen Paul Kirschner und Jannis Kothe unisono. Und sind selbst ein exzellentes Beispiel dafür. Der eine (Kirschner) als erfolgreicher Läufer, der andere (Kothe) als Handballer, der 2020 mit der ESG Gensungen/Felsberg in die 3. Liga aufstieg.

Schwalm-Eder – Kirschners Hessentitel über 400 Meter der U 20 stützt dessen These, „dass wir genauso leistungsfähig sind, wie alle anderen“. Die Voraussetzung: „Wir müssen gut eingestellt sein.“ Und das selbstständig bewerkstelligen. Gemeint ist die genau dosierte Zufuhr von Insulin, wovon die eigene Bauchspeicheldrüse zu wenig produziert, um den Blutzuckerspiegel zu kontrollieren. Ist der zu hoch, kann das zu akuten Komplikationen wie Herzrhythmusstörungen oder Bewusstseinsverlust führen, langfristig zu Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenschwäche.

Ganz schön viel eigene Verantwortung, mit der die beiden indes routiniert und höchst verantwortlich umgehen. „Wir sind mit dem Prozedere vertraut, weil wir es von der Pike auf gelernt haben“, erklärt der Handballer. Der war 12 Jahre alt, als er von der Diagnose „geschockt“ wurde. Mehrere Wochen hatten ihn Durst und Müdigkeit gequält, hatte er viel gegessen und trotzdem abgenommen.

Viel eigene Verantwortung

Ähnliche Symptome wie beim Leichtathleten, der mit 13 „offiziell“ zum Diabetiker wurde. „Ich hab‘ so viel getrunken wie eine Bergziege“, erinnert sich Paul Kirchner. Konkret: zwei Liter Milch zum Frühstück, mehr als acht Liter Flüssigkeit am Tag.

Beim Kinderarzt bei beiden der gleiche Befund: Diabetes Typ-1 angesichts eines Blutzuckerwertes von über 600 mg pro 100 ml (normal ist 110). Beide kamen sofort ins Krankenhaus, beide waren von einem Tag auf den anderen vom Insulin abhängig, einem der wichtigsten Hormone für den Stoffwechsel im menschlichen Körper, das vor allem dazu dient, Traubenzucker (Glukose) aus dem Blut in die Zellen zu schleusen, wo die Zuckermoleküle zur Energiegewinnung benötigt werden.

Unterschiedliche Reaktionen

Beide reagierten höchst unterschiedlich auf diese einschneidende Nachricht. „Ich war nur froh, dass ich nicht operiert werden musste“, erinnert sich Paul Kirschner mit einem Grinsen. Mit dem Spritzen – immerhin bis zu fünf Mal am Tag (morgens und abends sowie vor allen drei Mahlzeiten) – habe er sich von Anfang an auch aufgrund der hervorragenden Schulung und Ernährungsberatung im Krankenhaus leicht getan: „Das kostete mich keine große Überwindung.“

Jannis Kothe schon eher, „denn ich war nie ein großer Spritzenfan und mir wurde beim Blutabnehmen auch schon mal schlecht.“ Trotzdem bekam der heute 26-Jährige das dann doch relativ schnell in den Griff. Etwas länger dauerte es, die Angst zu überwinden, „dass nun alles vorbei war“. Also: „Kein Sport, keine Süßigkeiten, nichts mehr.“

Diesem Trugschluss wirkte besonders der Stationsarzt entgegen, versuchte ihn vom ersten Tag an davon überzeugen, dass das alles nicht stimmte. Denn: „Die Diabetes ist nicht dein Feind, mit dieser Krankheit kannst du leben.“ Stimmt. Heute sagt der geborene Kasseler: „Ich muss auf nichts verzichten.“

Hund Anton soll Unterzuckerung riechen

Auf dem Weg zu dieser Erkenntnis ging er wie Paul Kirschner im Gegensatz zu vielen, eher ängstlichen prominenten Sportlern (wie beispielsweise Olympiasieger Paul Steiner) sehr offen mit seiner Krankheit um. „Meine Klasse wusste Bescheid und ich habe versucht, alle meine Freunde ins Boot zu holen.“ Für beide war es fortan selbstverständlich, sich im Klassenraum zu spritzen. Ihrem Sport konnten sie auch bald wieder nachgehen, verloren die Furcht vor den gewohnten körperlichen Anstrengungen im Training und im Wettbewerb. Allerdings: Auf die Vorbereitung kam‘s seitdem mehr denn je an.

„Ich messe mich vor und nach dem Aufwärmen und versuche allein durch Nahrungsaufnahme auf einen Blutzuckerwert von 200 zu kommen“, beschreibt der Athlet des TuSpo Borken sein Prozedere, dass im Wettkampf auf den Startschuss des jeweiligen Laufes zeitlich fokussiert ist. Wenn der sich verschiebt, kann der folgerichtige Blutzuckerabfall auch schon mal zu Leistungseinbußen führen.

Paul Kirschner, Hessenmeister über 400 m in 51,19 Sekunden.

Jannis Kothe muss bisweilen in der Halbzeit eines Spiels nachjustieren. Besonders dann, wenn es allzu dramatisch und hektisch auf dem Feld zugeht. „Die zusätzliche psychische Belastung wirkt sich durchaus auf den Blutzuckerspiegel aus. Adrenalin ist eine Substanz, die Zucker mobilisiert“, erläutert Kothes Mannschaftsarzt Meinhard Rudolff, ohne deshalb bei seinem Schützling ein unkalkulierbares Risiko auszumachen. Vielmehr sieht er – quasi als Ausgleich – die Effekte des Leistungssports wie Fitness und Disziplin „für einen Diabetiker durchaus als hilfreich an“.

Ebenso hilfreich: jahrelange Erfahrungswerte. Der „Feinschliff“ beim Spritzen und Dosieren, wie Jannis Kothe sagt, der aus einem vermeintlichen Handicap ein (relativ) leicht zu händelndes Alltagsphänomen macht. Als Hilfsmittel dient ihm ein Blutzuckermessgerät, mit dem der Linkshänder sich in den Finger sticht, den Blutstropfen an den Teststreifen hält und dann den Wert bestimmen lassen kann. Sein „Handy“, dass er immer dabei hat.

Paul Kirschners spezieller Gefährte ist seit ein paar Monaten Anton. Noch geht der ungarische Gebirgsschweißhund bei ihm in die Lehre, lernt mit Hilfe von Pauls Speichel (und einer Belohnung) die Unterzuckerung, wovor der 19-Jährige „gehörigen Respekt“ hat, zu riechen. Ziel ist es, den Schüler der Jugenddorf-Christophorusschule Oberurff rechtzeitig zu warnen, ihn sogar zu wecken, wenn im Schlaf die Blutwerte in den Keller sinken, was sonst zu einem unangenehmen Erwachen mit Schweißausbrüchen führen kann.

„So eine Art Blindenhund“, beschreibt Paul Kirschner Antons Anforderungsprofil. Später will er aus dem neun Monate alte Rüden auch noch einen Jagdhund machen. Denn wie sein Herrchen zeichnet ihn ein großer Bewegungsdrang aus. (Ralf Ohm)

Hintergrund: Erhöhte Blutzuckerwerte durch Mangel an Hormon Insulin

Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) ist ein Überbegriff für verschiedene Störungen des Stoffwechsels. Allen gemein ist, dass sie zu erhöhten Blutzuckerwerten führen, weil die Patienten einen Mangel am Hormon Insulin (ein lebensnotwendiges Stoffwechselhormon, das den Kohlenhydrat-, Fett- und Eiweißstoffwechsel steuert) haben und/oder die Insulinwirkung vermindert ist. Medizinisch wird zwischen Diabetes Typ 1 (wird durch ein Versagen der Zellen in der Bauchspeicheldrüse, die das Hormon Insulin produzieren, verursacht und beginnt meist im Kindes- und Jugendalter) und Typ 2 (entsteht zum einen durch eine verminderte Empfindlichkeit der Körperzellen für Insulin, wobei eine jahrelange Überproduktion von Insulin zu einer Erschöpfung der insulinproduzierenden Zellen führen und die Bauchspeicheldrüse nicht genügend Insulin für den erhöhten Bedarf liefern kann).

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