Interview

Mutter und Tochter Unzicker stehen für Erfolg beim TuS Viktoria Großenenglis

Toller Abschied: Ramona Unzicker nach der Großenengliser Gruppenliga-Meisterschaft 2011 in Oberkaufungen.
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Toller Abschied: Ramona Unzicker nach der Großenengliser Gruppenliga-Meisterschaft 2011 in Oberkaufungen.

Sportlicher Erfolg ist beim TuS Viktoria Großenenglis seit Jahrzehnten untrennbar mit dem Namen Unzicker verbunden. Auf dem Platz und daneben.

Großenenglis – Mutter Ramona ist seit 1984 dabei und schloss ihre vorzeigbare Karriere 2011 als 40-Jährige mit dem Aufstieg in die Verbandsliga ab. Tochter Lea spielt seit zehn Jahren für die Viktoria und ist Stammspielerin des aktuellen Frauenfußball-Hessenligisten. Ein Doppelinterview zweier Aushängeschilder.

Seit fast fünf Monaten ist Pause angesagt. Was macht Familie Unzicker ohne Fußball?

Lea Unzicker: Wir machen zusammen Fitnessübungen, um aktiv zu bleiben. Das macht zwar Spaß, aber Training mit dem Team wäre besser.

Ramona Unzicker: Sehe ich genauso. Ich vermisse die Treffen am Sportplatz. Für unsere Familie hat sich ansonsten wenig verändert, weil sich mein Mann und mein Sohn kaum für Fußball interessieren. Das Thema ist bei uns Frauensache. Immerhin können wir Bundesliga schauen. Bei meinem HSV läuft es ja richtig gut.

Bis zur Unterbrechung galt das auch für den TuS in der Hessenliga. Wie kommt die Viktoria durch diese schwierige Zeit?

Lea Unzicker: Vor Weihnachten haben wir uns mit Internet-Einheiten fit gehalten. Ich bin zusätzlich unter anderem mit Jana Schwaab joggen gegangen. Derzeit gibt es kein Einzel-Training, weil niemand absehen kann, wann wieder Fußball gespielt wird. Neue Trainingspläne erhalten wir, wenn Lockerungen eintreten sollten.

Ramona Unzicker: Auf Vorstandsseite sind wir zufrieden, wie die Trainer Alessandro Wiegand, Moritz Genau und Kevin Krahn sowie Teammanager Daniel Wettlaufer mit der Situation umgehen.

Wie und wie oft halten Mannschaft und der Vorstand Kontakt?

Lea Unzicker: Über die sozialen Medien tauschen wir uns aus. Seit der Trainingspause ist das aber weniger geworden.

Ramona Unzicker: Als Spartenleiterin spreche mit der Vorsitzenden und Vereinsmitbegründerin Birgitt Faßhauer regelmäßig. Sie war meine erste Trainerin, demnach sind wir seit 37 Jahren gemeinsam im Verein aktiv. Der Kontakt ist eng, auch zu den anderen Vorstandsmitgliedern wie Stephan Lanzke und Ilona Döring.

Mit 14 haben Sie 1984 begonnen, zu spielen. Wo liegen die Unterschiede zwischen dem Frauenfußball von früher und heute?

Ramona Unzicker: Das Training war zu meiner Anfangszeit, oder in den Verbandsliga-Jahren, als ich unter anderem mit meiner Schwester Sonja Heideroth, Sabine Mangel oder Silke Wendel zusammenspielte, viel lockerer. Heute ist es professioneller.

Was heißt das konkret?

Ramona Unzicker: Die technischen Fertigkeiten werden mehr ausgebildet, hinzukommen Stabi-Übungen und Koordination. Daher ist der Frauenfußball spielerisch ansehnlicher, aber auch schneller und körperlicher geworden. Das lässt sich im Großen an der Nationalmannschaft erkennen, im Kleinen am aktuellen Viktoria-Team. Die Mehrheit war in Auswahlen und in der Jugend-Hessenliga unterwegs.

Also alles im grünen Bereich?

Ramona Unzicker: Leider nein. Der Hype nach der WM in Deutschland vor zehn Jahren ist nicht geblieben. Die Vereinszahlen gehen leider zurück. Der Zusammenhalt auf dem Sportgelände zwischen den Vereinsmitgliedern, den aktuellen und den ehemaligen Spielerinnen ist aber stark ausgeprägt. Für mich ist die Viktoria, wie nach Hause zu kommen. Wie eine große Familie.

Wie ist die finanzielle Entwicklung zu beurteilen?

Ramona Unzicker: Es war immer so, dass wir uns hauptsächlich durch die Einnahmen an den Spieltagen finanzieren. Das gilt auch für die jetzigen Zeiten. Demnach ist der finanzielle Spielraum begrenzt. Es gibt selbst auf diesem hohen Leistungsniveau kein Geld bei uns. Im Vergleich dazu werden manche Männer in der Kreisliga deutlich großzügiger bezahlt. Geld spielt also weiterhin keine Rolle für unsere Spielerinnen. Wichtiger sind umtriebige Personen wie Jugendleiter Olaf Pfaff und die sportliche Perspektive, wie die Beispiele der auswärtigen Akteurinnen Sarah Landinghoff-Schmidt, Sabrina Wandrei und Alina Weiß zeigen.

Also bleibt Lea der Viktoria ähnlich lange auf dem Platz erhalten wie Ramona?

Lea Unzicker: Ich will in meinem Verein bleiben, fühle mich wohl und heimisch. Ich will in der Hessenliga spielen und dabei Siege feiern. Am liebsten natürlich mit der Viktoria. Mich muss also niemand hier festbinden, aus Sorge, ich könnte den Verein wechseln.

Gab es im Frauenbereich auch mal Mutter und Tochter zusammen auf dem Platz?

Lea Unzicker: Ja, im Abschlussspiel manchmal. Fast hätten wir einmal in der Hessenliga gleichzeitig auf dem Spielfeld gestanden, als sie wegen Personalmangels bei uns auf der Bank saß. Eingewechselt wurde sie aber nicht. Das war wohl besser so (lacht).

Warum denn das?

Lea Unzicker: Unser einziger gemeinsamer Auftritt 2016 in der dritten Mannschaft ging gehörig schief. Ich wollte einen Pass meiner Mutter erreichen und bin dabei umgeknickt – Bänderriss, nach sieben Minuten. Das Zusammenspielen lassen wir lieber sein (lacht).

Längst ist aus der Tochter eine ähnlich prägende Stammkraft wie einst die Mutter geworden. Ramona, sehen Sie sich selbst beim Spielen in Lea wieder?

Ramona Unzicker: Es ist wunderschön, dass sie auch Fußball spielt. Es ist so, als ob ich alles noch einmal erlebe. Wir haben unterschiedliche Stärken: Ich eher in der Offensive, sie mehr im Zweikampf. Meine früheren Mitspielerinnen und Akteurinnen wie Nadine Raue, Johanna Pospich, Justine Rosek oder Jennifer Käßner, die mit uns beiden zusammengespielt haben, sagen aber, dass Lea und ich auf dem Platz ähnlich aussehen und agieren.

Und was schaut sich die Tochter von der Mutter ab?

Lea Unzicker: Erst einmal bin ich dankbar, dass sie mich zum Fußball gebracht hat. Sie hätte mir mehr von ihrer Übersicht und dem guten Passspiel abgeben können. Sie überlässt Ratschläge aber den Trainern. Nach den Spielen sprechen wir nur kurz über meine Leistung.

Wie ist es, wenn die Mutter als Abteilungsleiterin im gleichen Verein tätig ist?

Lea Unzicker: Ich finde es gut, dass sie nah am Verein und an den Mannschaften dran ist. Wir verstehen uns bestens. Schon in der Jugend hat es mit ihr als Trainerin funktioniert: Wenn der Daumen runter ging, wusste ich, dass ich besser spielen muss. Heutzutage harmonieren wir auch auf den Vereinsfeiern.

Zu den Personen

Ramona Unzicker (50) wohnt mit Ehemann Jens (52) und Sohn Til (18) in Großenenglis. Sie ist beruflich seit 1988 beim Amtsgericht in Kassel tätig, mittlerweile als Ausbilderin. Als Fußballerin lief sie ab 1984 im Mittelfeld für den TuS Viktoria Großenenglis auf. Mit der ersten Mannschaft feierte sie drei Verbandsliga-Aufstiege (1994, 1998, 2011). Mit der Zweiten gelangen der Kreisoberliga- (2012) und der Gruppenliga-Aufstieg (2014). Außerdem holte sie 2017 mit einer hessischen Auswahl die Bronzemedaille bei den Deutschen Meisterschaften der Ü 35-Jährigen. Neben ihrem Amt als Spartenleiterin (seit 1999) war sie Jugendleiterin und -trainerin. Mit der Familie geht sie gerne Skifahren.

Lea Unzicker (21) lebt noch in Großenenglis, zieht aber nun nach Fritzlar. Dort arbeitet sie beim Finanzamt, nachdem sie ihr duales Studium abgeschlossen hat. Die Mittelfeld- und Abwehrspielerin reifte bis zur C-Jugend bei der JSG Englis/Kerstenhausen/Arnsbach, bevor sie sich dem TuS Viktoria Großenenglis anschloss. Ihre größten Erfolge waren der Hessenpokalsieg 2014 und der Hessenliga-Aufstieg 2016. (fsx)

Marschiert viel: Lea Unzicker, hier im Spiel der Hessenliga gegen Rüsselsheims Vanessa Kempf.

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