Eine besondere Karriere bei der SG Uttershausen/Lendorf

Ilhan Myumyunov war Profi-Ringer – und spielt nun in der Kreisoberliga Fußball

Ilhan Myumyunov war mehrfach bulgarischer Nachwuchsmeister. Im Ringen. Inzwischen spielt er erfolgreich Fußball bei der SG Uttershausen/Lendorf.

Doppelt gut: Ilhan Myumyunov beweist als Fußballer der SG Uttershausen/Lendorf und Ringer des TSV Gailbach Klasse.

Für die Fußballer der SG Uttershausen/Lendorf ist es ein Running Gag. Die süffisante Ansage von Trainer Sergej Tica, dass mit zwei Bällen gespielt werden muss. Denn Ilhan Myumyunov gibt das Spielgerät einfach nicht mehr her. Vielleicht auch, weil der Defensivspezialist erst im zarten Alter von 24 Jahren für einen Klub kickte. Bis dahin war er nämlich ein Profi-Ringer.

„Wer ihn spielen sieht, glaubt nicht, dass er 2013 bei uns zum ersten Mal in einen Fußball-Verein eingetreten ist. Ilhan ist ein absolutes Bewegungstalent“, erklärt Kurt Richter aus dem SG-Vorstand. Gleichwohl ist der Bulgare Bälle gewohnt. Bei Spaß-Einheiten als Ausgleich zum Ringen. Fußball. Basketball. Immer mal eine halbe Stunde in seiner Kindheit. Ohne Taktik. Ohne Regeln.

Ungleich mehr Aufmerksamkeit widmete er dem Ringen. In seiner Heimatstadt Kuklen nahm ihn sein großer Bruder einst mit zum Training. Beweisen durfte er sich zunächst nicht. „Ich war aus Sicht des Trainers zu klein. Also hat er mich heimgeschickt.“ Eine Abfuhr mit begrenzter Halbwertszeit. Schon am nächsten Tag wagte er einen zweiten Anlauf. Und durfte bleiben.

Mit zwölf Jahren folgte der erste Lohn. Der nun nicht mehr ganz so kleine Ilhan wurde Bulgarischer Nachwuchsmeister. Als Sechstklässler nahm ihn die benachbarte Sportschule auf. Täglich standen zweimal zwei Stunden Training auf dem Plan neben dem Unterricht. Neun bis zehn Einheiten Ringen pro Woche. Plus Wettkämpfe. Und weitere Titel. Teilweise besiegte er bei den Landesmeisterschaften ein bis zwei Jahre ältere Jungs. Seine Angriffe schlugen ein wie Blitze.

Siebter Platz bei Junioren-WM trotz Fußbruch

Da war es nur eine Frage der Zeit, bis er sich international beweisen durfte. 2004 mischte er bei der U 15-EM mit. Zwei Jahre später bei der U 17-EM in Albanien wurde er Fünfter in der Klasse bis 50 kg, 2007 in Slowenien in der Klasse bis 60 kg Elfter. Und wer weiß, was 2008 bei der WM in seinem letzten Junioren-Jahr möglich gewesen wäre. Im türkischen Ankara gewann er den ersten Kampf souverän. Auch im zweiten führte er klar. Dann brach er sich in der zweiten Runde den Fuß. Dadurch musste er sich mit dem siebten Platz begnügen. „Den Gips habe ich mir nach zwei Tagen selbst abgenommen“, sagt der 31-Jährige und verzieht keine Miene. Aufhalten lässt er sich äußerst ungern.

Also auf nach Deutschland. Aschaffenburg. 2. Bundesliga. SC Kleinostheim. Nur eine Niederlage als 18-Jähriger. Auch in der zweiten Saison wusste er sich zu behaupten. Ebenso beim benachbarten TSV Gailbach und in der 1. Schweizer Liga beim RSV Willisau. Häufig dauerten die Kämpfe nur wenige Sekunden. Ilhan Myumyunov ist für die meisten einfach viel zu flink und clever.

Doch es ging noch eine Nummer größer. 2012. 1. Bundesliga mit der RWG Mömbris-Königshofen. Im Team um das schwedische Schwergewicht Johan Euren, der zuvor Bronze bei Olympia holte. 14 Kämpfe, nur vier Niederlagen. Myumyunov bewies Klasse. Dennoch traf er eine gravierende Entscheidung: „Von Ringen allein konnte ich nicht leben.“ Also beendete er seine Karriere als Profi nach der Saison.

Doppelt gut: Ilhan Myumyunov beweist als Fußballer der SG Uttershausen/Lendorf und Ringer des TSV Gailbach Klasse.

Schon zwei Aufstiege mit Uttershausen/Lendorf

Doch wo eine Tür geschlossen wird, gehen andere auf. Parallel fand Ilhan Myumyunov privates Glück. Er lernte Fathi Mustafa kennen. Seine heutige Frau, mit der er nun zwei Kinder hat. Sie wuchs ebenso in der bulgarischen Kleinstadt Kuklen auf. Doch wo lernten sich beide kennen? In Kassel. Verrückte Welt.

Und sogleich eine Erklärung, warum die Hochzeit am 25. Februar 2013 zwar in Bulgarien stattfand, beide ihre Zukunft aber in Nordhessen sahen. Beim Geflügel-Schlachtbetrieb Plukon in Gudensberg fand er Arbeit, ist inzwischen sogar Vorarbeiter. Aber irgendwie juckten die Füße. Also fragte er Arbeitskollegin Julia Leimbach, ob sie nicht einen passenden Verein wisse. Einen Klub, der einen 24-Jährigen ohne Liga-Erfahrung aufnehmen würde. Da kam ihr die SG Uttershausen/Lendorf in den Sinn. „Bei uns darf jeder kicken. Leistungsorientiert in der ersten, zum Spaß in der zweiten Mannschaft“, sagt Schatzmeister Richter.

Gut, dass Ilhan Myumyunov beides beherrscht. Und weil die SG 2013 „nur“ noch ein B-Ligist war, schaffte er es schnell in die erste Elf. Was nicht überrascht ist, dass er dort den Manndecker oder Sechser gibt. Durchaus bemerkenswert ist, dass er sich seine Gegenspieler in erster Linie ausguckt und sich derart geschickt behauptet, dass er erst gar nicht in Zweikämpfe muss. Lediglich eine Handvoll Karten hat er in fast 150 Einsätzen seitdem gesehen. Nur einmal, im Heimspiel gegen die FSG Gudensberg, verwechselte er seine Sportarten. Da rang er den Gegner griechisch-römisch gen Boden. Das gab Rot.

Daraus hat er gelernt. Auch, weil sie ihm in Uttershausen und Lendorf auf und neben dem Platz helfen. Auf dem Rasen etwa Daniel Krausmüller. Das Kraftpaket aus Mazedonien mit dem Vorteil, dass beide südostslawische Sprachen sprechen. Gemeinsam sind beide zweimal mit dem Team aufgestiegen. „Wir können als Mannschaft noch mehr erreichen“, betont Ilhan Myumyunov vor seiner zweiten Saison als Kreisoberliga-Kicker.

Den Ringer-Anzug hat er indes nie abgelegt. Nicht selten kämpft er samstags noch für Gailbach in der Oberliga oder wird mal wieder Hessenmeister. Sein Kampfgewicht hält der Mann mit den blitzschnellen Entscheidungen zudem durch Training bei den Ringern in Elgershausen. „Eine EM können wir ihm leider nicht bieten“, witzelt Kurt Richter. Was für den Familienmensch indes längst Nebensache ist.

Von Sebastian Schmidt

Rubriklistenbild: © Richard Kasiewicz

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