Fußball:

Weihnachtsgeschichte aus Besse: Trainer Wenderoth ist mit TSV seit Mai 2019 ungeschlagen - und meistert Schicksal

Leidenschaftlich: Fußball-Trainer Andreas Wenderoth ist mit dem TSV Besse seit Mai 2019 ungeschlagen.
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Leidenschaftlich: Fußball-Trainer Andreas Wenderoth ist mit dem TSV Besse seit Mai 2019 ungeschlagen.

Er ist einer der sportlichen Gewinner des Jahres. Weil er seine Mannschaft sicher zum Aufstieg und in der neuen Spielklasse sogar noch souveräner an die Spitze führte. Weil er seit Mai 2019 kein Punktspiel mehr mit dem TSV Besse verlor.

Schwalm-Eder - Und vor allem: Weil Fußball-Coach Andreas Wenderoth in diesem Sommer einen gesundheitlichen Schicksalsschlag meisterte – und eigentlich nie Trainer sein wollte. Spielen, Spaß und Erfolg haben. Nur das hatte der heute 49-Jährige stets im Sinn. Bis zur Landesliga griff der Mittelstürmer an. Sieht es als seinen größten Erfolg als Spieler an, dass ihm mit der SG Lohre/Niedervorschütz als Kapitän an der Seite von Spielertrainer Christian Schmidt der (verzögerte) Durchmarsch von der Kreisliga A in die Gruppenliga glückte.

Doch er kennt auch die Schattenseiten. Weiß, wie es sich anfühlt, top in Form zu sein, im Training alles zu geben – und dennoch nur auf der Bank zu sitzen. „Die schwierigste Entscheidung eines Trainers ist es, wenn alle Mann zur Verfügung stehen und man gute Spieler draußen lassen oder sogar zur zweiten Mannschaft geben muss. Manchmal aus reinem Bauchgefühl“, sagt Wenderoth. Deswegen war 2012 eigentlich Schluss mit Fußball. Ein Ende als Meistermacher. Aufstieg in die Kreisliga A mit Lohre/Niedervorschütz II. Als Spielertrainer.

Das Teamgefühl fehlte ihm

Erstmals im Leben hatte er freie Sonntage. Mehr Zeit für seine Frau, die Familie und Hund Toni. Doch irgendwann juckt’s jeden Fußballer wieder. Da fehlt das Vereinsleben. Die dummen Sprüche auf’m Platz. Das Teamgefühl. Gut also, dass Dennis Kornetzki im Dezember 2017 an seinen Kumpel dachte. Der ewig junge Angreifer stürmte 2012 nämlich für das Gruppenliga-Team von Lohre/Niedervorschütz und wusste um die Teamfähigkeiten und den Fußballverstand Wenderoths. Und da „Korni“ seit 2014 für Besse stürmt und mittlerweile auch Vorstandsarbeit leistet, fragte er einfach mal an.

Der TSV war zwar Tabellenzweiter, dennoch sollte ein neuer Trainer her. Ein möglichst positiv Verrückter mit Ideen, Mut und Zielen. „Ich habe gesagt, wenn wir das machen, dann so, dass wir in die Gruppenliga aufsteigen können“, blickt Wenderoth auf eine seine ersten Ansagen zurück. Forsch vor allem, weil Besse nie derart hoch spielte und als einer der letzten eigenständigen Vereine im Kreis nur begrenzte Mittel hat. Dafür aber ein Klubhaus, das es zu beleben galt. Talente aus der Jugendspielgemeinschaft mit Edermünde und Brunslar/Wolfershausen, die entwickelt werden wollten.

Viele Glücksgriffe bei Spielerverpflichtungen

„Wir hatten aber auch Glück“, gibt Wenderoth unumwunden zu. Glück, weil das gute Netzwerk zum (positiven) Schneeball-System wurde. Da wollte Torwart Maik de Coster nach einem starken Jahr in der Verbandsliga bei der TSG Sandershausen unbedingt für den TSV spielen, den sein Vater einst betreute. Da schlug Ausnahmekönner Sven Pape, der Cousin von Kornetzki, mit Verbandsliga-Erfahrung (CSC 03 Kassel) voll ein und brachte im Winter seinen Kumpel David Huy mit, der inzwischen auch die Kapitänsbinde trägt. Und da brachte Viktor Ziegler seinen Spezi Sven Grünwald aus Homberg einfach mal zum Training mit – und der zählt jetzt im 18er-Kader zu den flexibelsten Kickern, die allesamt vollstes Vertrauen vom Trainer bekommen.

Nicht wissend, was als Nächstes passiert. Etwa mittwochs 40 Minuten um den Platz laufen, dann ein paar Flanken schlagen und freitags ein gemütliches Spielchen – nicht mit Andreas Wenderoth. Der lässt seine Spieler in der Vorbereitung schon mal 13,8 Kilometer querfeldein eine Schnitzeljagd laufen mit sportlichen sowie spielerischen Aufgaben. „Die Jungs wollen unterhalten werden. Da muss ich mir mehr einfallen lassen, als ich es von früher als Spieler kenne“, betont der gebürtige Kasseler. Auch im Winter, wo in vielen Klubs fast gar nichts mehr geht. Da wird Spinning, also Rad im Studio zu lauter Musik, gefahren. Da wird auf Trampolins gesprungen. Da wird in der Halle gezockt. Und da wurden im Winter 2019 fünf Turniere gespielt. Viermal hieß der Sieger TSV Besse. Im Hallenfußball, nicht im Futsal. Das macht auch in Besse niemandem Spaß.

„Besse-Gen“ als Erfolgsrezept

Siege nach dem Aufstieg im zweiten Anlauf aus der Kreisliga A, der 2018 noch über die Relegation verpasst wurde. Siege, die ein Team zusammen schweißen. Siege als Motivation, immer noch mehr zu tun. „Es ist fantastisch, wie sehr auch die Spielerfrauen und das Umfeld eine Einheit bilden. Und die Jungs sind nicht zu bremsen, spornen sich auch gegenseitig an und gönnen einander alles“, lobt der Coach das „Besse-Gen“. Allerdings war es ihm nicht vergönnt, den Sprung in die Kreisoberliga mit dem Verein zu feiern.

Schuld daran ist ein Keuchhusten, der rückblickend ein Segen war. Den wollte er behandeln lassen. Doch bei der Routinekontrolle hatte er plötzlich ein ganz anderes Problem: Bluthochdruck. Mit derart hohen Werten wie bei einem Schlaganfall. Also musste er im Krankenhaus bleiben. Weil die Aorta dichtgemacht hatte, die Hauptschlagader. „Das hätte ganz böse ausgehen können und hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen“, sagt der Baunataler. Viereinhalb Stunden wurde er operiert. Musste eine Reha machen. War zwei Monate außer Gefecht.

Verein unterstützt die Familie

Schlimm vor allem für die Familie, wie er sagt. Denn Krankenhaus-Aufenthalte zu Pandemie-Zeiten sind grausam. Keine Besuche, kein persönlicher Zuspruch von den Liebsten, wenn man ihn am nötigsten hat. Maximal von der Frau und auf Abstand. Doch Andreas Wenderoth weiß nun, was einem der Verein geben kann.

Da nahm der neue Co-Trainer Andre Laqua, der nächste Freund mit Lohre-Vergangenheit, die Vorbereitung auf, unterstützt von den Spielführern. Da boten die Spieler Hilfe in der Firma ihres Trainers an. Da munterten sie ihn eben per Handy auf und packen heute noch an, wenn Möbel verrückt werden müssen. Schwer heben darf er noch nicht. „Ich muss mich gedulden und achtsamer sein, aber ich bin körperlich wieder auf einem sehr guten Wege. Für die Mannschaft war ich aber gleich wieder der Alte“, sagt der Trainer und lacht.

Denn oben mitspielen in der Kreisoberliga wollten die Besser schon. Doch weil es in diesem Jahr keine Relegation gibt, „habe ich gesagt, dass wir dann halt Meister werden müssen“. Zehn Siege und 26:7 Tore später ist der Boden für die Gruppenliga bereitet. „Wir wollen Vereinsgeschichte schreiben. Das ist unsere Motivation“, erklärt Andreas Wenderoth. Und freut sich sehnsüchtig auf den Tag, an dem er die Vorbereitung aufnehmen darf. Mit neuen Ideen, aber auch einer neuen Gelassenheit. Weil er 2020 gelernt hat, was am Wichtigsten ist: Gesundheit. Verbunden mit dem Glück, die richtigen Menschen an seiner Seite zu haben. (Sebastian Schmidt)

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