Interview mit dem neuen Trainer der mJSG Melsungen/Körle/Guxhagen

Martin Röhrig nimmt Favoritenrolle an und hofft auf Wettbewerbsvorteil dank Spielpause

Es war aufgrund der Corona-Pandemie ein Einstieg der besonderen Art, keine Frage. Doch mittlerweile ist Martin Röhrig, der neue Trainer der Bundesliga-A-Jugend der mJSG Melsungen/Körle/Guxhagen in der heimischen Handball-Hochburg angekommen.

In Wurfpose: Martin Röhrig, neuer Trainer der A-Jugend der mJSG Melsungen/Körle/Guxhagen, die endlich wieder in der Halle trainieren darf.

Melsungen - Der 54-Jährige trauert der langen Spielpause nicht nach, sondern versucht daraus mit seiner Mannschaft einen Wettbewerbsvorteil zu ziehen. Weiterhin äußert er sich im HNA-Interview zu den Hintergründen seines Wechsels, seine Handballphilosophie und seine Ziele mit den MT-Talenten.

Von Coburg nach Melsungen bzw. von Oberfranken nach Nordhessen: Was hat Sie zu diesem Wechsel bewogen?

Ich hatte fünf spannende Jahre in Coburg, allerdings war auch das Gefühl da, wieder etwas Neues machen zu wollen. Als dann die Anfrage von Axel Renner kam, war ich sofort begeistert. Während ich die Jugend-Akademie in Friesenheim aufbaute, war er in gleicher Mission beim VfL Gummersbach tätig. So haben wir uns kennen und schätzen gelernt. Und auch überlegt, etwas gemeinsam aufzubauen.

Seit dem 1. Mai sind Sie hauptamtlicher Trainer der mJSG Melsungen/Körle/Guxhagen. Da waren alle Hallen geschlossen und die strengen Corona-Schutzmaßnahmen noch in Kraft, Kontakt mit der Bundesliga-A-Jugend, die sie von Bjorn Brede übernommen haben, schwierig. Wie war Ihr Einstieg in dieser Ausnahmesituation?

So etwas habe ich in meinen über 30 Trainerjahren in der Tat noch nie erlebt. Ich musste mich über WhatsApp der Mannschaft vorstellen und habe dann versucht, jeden Spieler einzeln bei einem persönlichen Treffen im Freien ein wenig kennen zu lernen. Training fand in dieser Phase nur individuell statt.

Wie ließ sich die eigenverantwortliche Umsetzung der Vorgaben kontrollieren? War das überhaupt nötig?

Die Jungs haben von Athletiktrainer Dr. Florian Sölter individuelle Aufgaben erhalten und dazu Pulsgurte bekommen, so dass die Trainingseinheiten aufgezeichnet werden konnten. Diese Protokolle liefen dann zentral bei Co-Trainer Florian Maienschein zusammen, der sie auswertete. Die weiteren Einheiten, zu Beginn eher Krafttraining mit dem eigenen Körper, später dann individuelle Athletikeinheiten im Fitnessstudio, konnten natürlich nicht kontrolliert werden. Vor zwei Wochen haben wir eine Leistungsdiagnostik mit A- und B-Jugend durchgeführt. Die Werte zeigen deutlich, dass die Jungs ihre Verantwortung ernst genommen haben.

Seit Anfang Juni haben die Hallen für Mannschaften ab Oberliga, also auch für Ihre A-Jugend, unter bestimmten Hygiene-Auflagen wieder geöffnet. Bei wieviel Prozent des normalen Trainingsalltags sind Sie damit?

Den Gesamtumfang haben wir bis auf zehn Einheiten pro Woche gesteigert. Dies ist sogar mehr als im normalen Betrieb während der Schulzeit. Allerdings machen die Einheiten in der Halle nur etwa die Hälfte der gewohnten Anzahl aus. Und da die meisten ohne Körperkontakt stattfinden, gibt es noch viel Luft nach oben. Wir haben dafür aber auch noch eine Menge Zeit.

Die Spielpause von April bis September war für Ihre Talente noch nie so lang - und die Trainingsmöglichkeiten lange Zeit noch nie so beschränkt. Lässt sich diese ungewohnte Situation mit all‘ seinen Unwägbarkeiten z.B. hinsichtlich des Saisonstarts trotzdem zu einem Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz nutzen?

Für die Jungs war das natürlich erst einmal ein Schock. Sie haben eine starke Meisterrunde gespielt und hätten sicher bei der Titelvergabe ein Wörtchen mitgeredet, woran sie durch den Saisonabbruch gehindert wurden. Andererseits ergab sich daraus die längste Spielpause, die die Jungs in ihrem bisherigen Sportlerleben je hatten. Und damit eine große Chance, Verletzungen auszukurieren, an individuellen Schwachstellen zu arbeiten und in der Athletik einen Schritt nach vorne zu kommen. Die Teams, die diese Zeit am besten genutzt haben, werden sicher in der kommenden Saison einen deutlichen Vorteil daraus ziehen können.

Und Ihre A-Jugend?

Ich bin überzeugt, dass wir mit Dr. Sölter einen der besten Athletiktrainer haben, so dass die Jungs von dieser Phase massiv profitieren werden.

Sie haben bei Ihren bisherigen Stationen meist einen kompletten Neuaufbau der Jugendarbeit in den entsprechenden Vereinen geleistet, treffen nun aber in Melsungen auf gewachsene Strukturen. Wie und wo wollen Sie neue Entwicklungsprozesse anstoßen?

Axel Renner hat in den vergangenen sieben Jahren einen außergewöhnlichen Job gemacht und die MT zu einem der Top-Verein auch im Nachwuchsbereich in Deutschland entwickelt. Das macht mir den Start ziemlich leicht, da der Leistungssport-Gedanke bereits vorhanden ist. Aber auch in intakten Strukturen können Entwicklungen angestoßen werden beispielsweise was einen soliden Unterbau im Kindertraining angeht. Weiterhin haben wir als Trainerteam die freie Zeit genutzt, um die Trainingsinhalte im Schulbereich, bei den Auswahlstützpunkten und im Verein besser abzustimmen. Die Jungs haben zum Teil verschiedene Trainer, die sich im Monatsrhytmus nun um ähnliche Themen kümmern werden. Uns war es wichtig, dass es da einen roten Faden gibt.

Als A-Jugend-Trainer stehen Sie zudem im Rampenlicht: Immerhin zählt die Mannschaft - der Jahrgang, der vor zwei Jahren den Titel bei der B-Jugend holte - zu den Top-Favoriten auf die Deutsche Meisterschaft. Bürde oder zusätzliche Motivation?

Eindeutig Motivation. Klar bedeutet die Ausgangssituation auch einen gewissen Druck. Aber wir reden hier von der schönsten Nebensache der Welt. Wir haben die Möglichkeit, uns mit den besten Jugendmannschaften Deutschlands zu messen. Darauf haben alle richtig Lust.

Was erwartet die Jungs für ein Coach? Welche Handballphilosophie verfolgen Sie?

Ich sehe meine Hauptaufgabe darin, die Jungs dahingehend zu unterstützen, dass sie ihre Ziele erreichen. Daher werde ich viele Dinge mit der Mannschaft besprechen und gemeinsam mit ihr und dem Trainerteam Lösungen erarbeiten.

Wie können die in Abwehr und Angriff aussehen?

Ich setze auf eine intelligente Deckung, die dem Gegner möglichst viel Stress bereiten soll. Im Angriff werden wir die bestehenden und gut funktionierenden Abläufe übernehmen. Zusätzlich will ich einige gruppentaktische Aktionen einführen, um unter anderem die Außen noch mehr einzubinden.

Was macht eine intelligente Deckung aus? Wie sieht sie taktisch aus?

Es geht darum, möglichst mit dem Gegner zu spielen d.h. ihm Handlungsmöglichkeiten zu nehmen und zu ungünstigen Abschlüssen zu zwingen. Das lässt sich im Grunde mit jedem Abwehrsystem machen. Neben der 6:0-Basisdeckung tendiere ich zu einer 5:1-Deckung. In meiner A-Lizenz-Trainer-Ausbildung hat mich besonders beeindruckt, wie Jackson Richardsson die Rolle des vorgesetzten Spielers ausgefüllt und für Unruhe im gegnerischen Angriff gesorgt hat.

Was zählt mehr: ein nationaler Titel oder dass ein oder zwei Ihrer Jungs irgendwann mal im Bundesliga-Team spielen?

Das ist nicht zu trennen. Wenn eine Mannschaft Deutscher Meister wird, ist die Wahrscheinlichkeit groß, mindestens einen Spieler auch in die Bundesliga zu bekommen. Umgekehrt spielen Teams mit zukünftigen Bundesliga-Spielern im Normalfall auch ganz oben mit.

Machen wir die Probe aufs Exempel. Was wurde aus den Talenten des A-Jugend-Finales 2010, das sie mit Friesenheim gegen Düsseldorf spielten?

Ein gutes Beispiel. Bei uns stand Christian Dissinger im Kader, der anschließend Junioren-Weltmeister wurde. Später schaffte er den Sprung in die Nationalmannschaft, spielte beim THW Kiel und gewann mit Skopje die Champions League. Bei Düsseldorf auf dem Feld standen damals der heutige Abwehrchef von Leipzig, Bastian Roschek, die Artmann-Zwillinge, die beim Bergischen HC 1. Liga spielten, Alex Feld (aktuell Wetzlar) und MT-Nationalspieler Julius Kühn. Daher bin ich überzeugt, dass auch aus unserer A-Jugend einige Spieler den Sprung in die 1. oder 2. Liga schaffen werden.

Rubriklistenbild: © Richard Kasiewicz

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