Trainingslager in der Kreisstadt

Cricket-Nationalteam in Korbach: "Wir haben noch keinen eigenen Koch"

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Anführerin: Anuradha Doddaballapur (vorn) ist die Kapitänin der Cricket-Nationalmannschaft. Hinter ihr hat sich ihr Team mit Trainer Michael Thewlis (rechts) sowie Uwe Steuber, Sportcoach Mark König-Philipp (Mitte links) und Trainerin Angela König (links) aufgereiht.

Korbach. Niemand fragt nach dem Alter einer Nationalmannschaft. Vom Gefühl her ist sie immer so alt wie das Land selbst, was natürlich Unfug ist. Deshalb kommt es einem schon komisch vor, wenn jemand sagt, eine deutsche Nationalmannschaft ist erst neun Jahre alt.

Doch solch ein Jungspund ist das Cricket-Team der Frauen in Schwarz-Rot-Gold tatsächlich, denn es wurde erst 2009 gegründet.

Die Cricket-Frauen weilten jetzt für ein zweitägiges Trainingslager in Korbach. Die Mannschaftskasse erlaubte keinen Hotelaufenthalt, und da die Jugendherberge auch kein Bett mehr frei hatte, schliefen die Frauen in der Hauerhalle auf Turnmatten; sie mussten sich auch selbst verpflegen.

„Wir haben noch keinen eigenen Koch und das wird wohl auch noch eine Weile dauern, bis wir einen haben“, sagt Monika Loveday. Sie ist als Frauenwartin im Deutschen Cricketbund das Mädchen für alles. Die Engländer haben ihr im Alter von 19 Jahren ihren „geliebten Handball“ ausgetrieben. Ein Aufenthalt auf der Insel hat sie damals zum Cricket geführt und dabei hat sie auch ihren schönen Nachnamen durch die Ehe mit einem Engländer erworben.

Den Weg nach Korbach hat Mark König-Philipp geebnet. Der Sportkoordinator des Sportkreises Waldeck-Frankenberg ist Vorstandsmitglied im deutschen Cricket-Verband. „Solch ein Trainingslager soll künftig regelmäßig im Winter in Korbach stattfinden“, sagt König-Philipp. Seine Ehefrau Angela hat als ausgebildete Fitnesstrainerin das Team in Bewegung gebracht und mehr als nur Warm-up und Cooldown übernommen.

Migrationshintergrund

Fünf Spielerinnen der Cricket-Auswahl haben einen Migrationshintergrund, zwei stammen aus Indien und jeweils eine Spielerin ist gebürtig aus Kenia, den USA, Australien und Südafrika.

Cricket ist in Großbritannien und in vielen Commonwealth-Staaten ein Volkssport. Da verwundert es nicht, dass der Bundestrainer mit Matthew Powell ein Engländer ist. Da er nicht mit nach Korbach reisen konnte, sprang Michael Thewlis kurzerhand als Aushilfscoach ein.

Doch Cricket hat es schwer auf dem alten Kontinent. Es gibt in Deutschland rund 150 Spielerinnen und eine Liga, die in Nord, West und Süd aufgeteilt ist. Die Gruppensieger spielten die deutsche Meisterschaft aus, sagt Loveday.

Der Flüchtlingsstrom habe keine Flut an neuen Spielerinnen in Deutschland erzeugt. „Das trifft nur für die Männer zu, weil fast nur alleinstehende Männer hierher gekommen sind“, betont Loverday.

Steuber: Cricket in die Schule

Es hätten sich aber noch keine Cricket-Zentren gebildet, erzählt die Frauenwartin. Die Mannschaften kämen aus Köln, Hamburg, Bremen, Pflugfelden bei Stuttgart, München, Frankfurt und aus einem Dorf in Ostdeutschland, das sich zu einer Hochburg im Frauen-Cricket entwickelt habe: der SV Damshagen. Dort hat der Neuseeländer Gareth Davis den Spirit für diese Sportart entfacht. So gut, dass es schnell auch in den Schulen der Region gespielt wurde.

Diesem Beispiel würde der Sportkreisvorsitzende Uwe Steuber gern folgen. Die erste Schule steht schon in den Startlöchern. Die Alte Landesschule in Korbach beginne mit dem Projekt, wenn Mark Philipp-König die Formalitäten mit dem hessischen Cricketverband geklärt habe. Die Finanzierung sei gesichert, das Projekt werde vom Land Hessen gefördert. Steuber fügt hinzu: „Schulen, die Interesse haben, Cricket anzubieten, können sich beim Sportkreis melden.“ Geld ist da – aus dem Landesprogramm Schule Verein werden im nächsten Schuljahr in Waldeck-Frankenberg und Schwalm-Eder 28 Projekte finanziert. Warum nicht Cricket?

Wie sehr Cricket sich noch entwickeln muss, zeigt sich an den Spielfeldern. Bundesweit fehlen Plätze oder die bestehenden sind zu klein. Ein Cricket-Rasenfeld ist oval und hat etwa die doppelte Größe eines Fußballplatzes. „Das deutsche Frauennationalteam trägt noch alle Spiele in Holland oder im Sommer in England aus. Das ist teuer“, sagt Frauenwartin Loveday.

Auch in Waldeck-Frankenberg wird noch ein Fleckchen Erde für einen Cricket- und Baseballplatz gesucht. „Wir sehen uns schon länger nach geeigneten Plätzen um“, sagt Sportkreis-Chef Steuber. Dabei stehen vor allem Fußballplätze im Fokus, an denen direkt ein Trainingsplatz liegt.

Bundestrainer kommt

Loveday legt zum Ende des Trainingslagers noch ein Angebot oben drauf: „Wenn solch ein Projekt in einer Schule hier entstehen sollte, würde auch der Bundestrainer mal für eine Trainingseinheit vorbeikommen.“ Von solch einem Angebot kann der Fußball nur träumen.

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