Sportkreis macht Prävention zu Schwerpunktthema

Kindeswohl in Sportvereinen stärken: Modellprojekt in Waldeck-Frankenberg gestartet 

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Aufbruch ins Modellprojekt: (von links) Ronny Schulz, Lothar Braun (Sportjugend Hessen), die Kindeswohl-Beauftragten Sylvia Kuhnhenn und Gerhard Gottmann, Sportkreis-Chef Uwe Steuber nach der Unterzeichnung der Kindeswohl-Vereinbarung.

Kindeswohl-Gefährdung im Sport hat viele Facetten. Um das Wohl in Vereinen zu stärken, beteiligt sich der Sportkreis Waldeck-Frankenberg an einem Modellprojekt der Sportjugend Hessen.

Der Trainer eines Teams von 14-jährigen Sportlerinnen bucht für einen Auswärtsaufenthalt mit Übernachtung gezielt ein Hotelzimmer zu wenig, damit eines der Mädchen bei ihm übernachten muss. Ein Schüler platziert sein Handy im Sanitärraum einer Sporthalle, um seine Mitschülerinnen beim Duschen zu filmen. Zwei Beispiele sexuell motivierter Grenzüberschreitungen im Sport, zwei Beispiele auch für unterschiedliche Täter-Opfer-Konstellationen.

Der heimische Sport macht die Thematik nun unter dem Gedanken der Prävention zu einem Schwerpunkt: „Kindeswohl im Sport – Schützen/Fördern/Beteiligen in Sportkreisen und Vereinen“, so nennt sich ein Modellprojekt der Sportjugend Hessen, an dem sich der Sportkreis Waldeck-Frankenberg beteiligt.

Modellprojekt Kindeswohl: Informieren und sensibiliseren

Die Vereinbarung wurde vergangene Woche unterzeichnet. „Wir wollen informieren und sensibilisieren“, sagte Sportkreis-Chef Uwe Steuber, der das Projekt gemeinsam mit Vertretern der Sportjugend im Sportzentrum des TSV Korbach vorstellte.

Die Bewerbung hatte der Vorsitzende der heimischen Sportjugend, Gerhard Gottmann (Helsen), auf den Weg gebracht. Als er von dem Projekt erfahren habe, habe er sich gedacht: „Das musst du machen“, erzählte Gottmann. Er ist einer der zwei für das Projekt installierten Kindeswohl-Beauftragten im Sportkreis. Die zweite ist Sylvia Kuhnhenn, Beisitzerin im Sportjugend-Vorstand und als Hatzfelderin vor allem für den Südkreis zuständig.

Landessportbund Hessen aktualisierte vor zwei Jahren Verhaltenskodex zum Kindeswohl

Die Projekt-Absicht formuliert die Sportjugend so: „Die Präventionsarbeit zum Thema Kindeswohl im hessischen Sport in den nächsten Jahren qualitativ und quantitativ weiterzuentwickeln und eine dezentrale Präventionsstruktur aufzubauen.“

Das Bewusstsein für Grenzverletzungen ist im Sport schon länger erwacht. 2010 verpflichtete sich der Deutsche Olympische Sportbund mit der „Münchner Erklärung“ zur Förderung vorbeugender Arbeit gegen sexualisierte Gewalt. Vor gut zwei Jahren aktualisierte der Landessportbund Hessen seinen Verhaltenskodex zum Kindeswohl. Der Weg, es als eigenständiges Thema in den Vereinen zu platzieren, ist jedoch weit. „Das Oberziel des Modellprojekts lautet, das Thema in die Fläche zu bringen“, sagte Ronny Schulz, Referent der Sportjugend für Nordhessen. Langfristig gehe es um den Aufbau von festen Kindeswohl-Strukturen.

Sportvereine dazu animieren, eigene Ansprechpartner für Kindeswohl zu finden

Bei diesem Unterfangen spielen die Beauftragten, die für ihre Aufgaben gesondert geschult werden, eine Schlüsselrolle. Ihr Auftrag: Sportvereine für die Präventionsarbeit gewinnen und dazu animieren, dass sich jeweils eigene Ansprechpersonen fürs Kindeswohl finden und die Trainer sich mit dem Thema auseinandersetzen. Kuhnhenn und Gottmann sind Mittler, selbst beraten sie nicht. Ihr Angebot: Infoabende und Fortbildungen mit oder für Vereine und Verbände sowie die Räume und Referenten organisieren, Kontakte zu Profis herstellen, wenn Verdachtsfälle auftauchen oder Kinder in Not geraten.

Die Vernetzung mit Fachberatungsstellen vor Ort gehört zu ihren Aufgaben. Eine dritte: ein Kindeswohl-Konzept für den Sportkreis entwickeln. Die Arbeit wird mit insgesamt 200 Euro für beide Beauftragte monatlich honoriert, das hessische Ministerium für Inneres und Sport fördert die Modellprojekte bis März 2022.

Gefährdung hat viele Facetten

Kindeswohl-Gefährung im Sport hat viele Facetten. Sie beginnt mit anzüglichen Bemerkungen, geht übers Glotzen beim Duschen und gezielten Berührungen bis hin zu sexuellem Missbrauch. Auch Erlebnisse von Mobbing, Demütigung oder Beschimpfung können Schaden anrichten. Zwar lässt sich das Ausmaß für den Breitensport nicht beziffern, es fehlt an aussagekräftigen Studien. 

Für den Leistungssport hat die sogenannte Safe-Sport-Studie der Sporthochschule Köln erschreckende Zahlen zutage gefördert. „Es gibt das überall“, sagte Lothar Braun (Treysa), erfahrener Kindeswohl-Berater und -Referent der Sportjugend. Missbrauch ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das vor Sportvereinen nicht haltmacht. Zumal Sport viel mit Körperlichkeit zu tun hat. Braun plädiert für eine Kultur des Hinschauens im Verein und für ein Zusammenspiel der Beteiligten, um Schutzkonzepte zu entwickeln. Weder Braun noch die anderen mehr als 20 Referenten, die für die Sportjugend zur Kindeswohl-Gefährdung beraten, stellen Übungsleiter und Trainer unter Generalverdacht. 

Verdachtsmomente erst gar nicht entstehen lassen

Ihr Anliegen zielt darauf, dass Verdachtsmomente erst gar nicht entstehen, indem sie das Problembewusstsein schärfen, aufklären und schulen. „Wichtig ist, dass der Übungsleiter weiß, wie er sich verhalten muss, um sich kein Vergehen anlasten zu lassen“, sagte Braun. Die „Übungsleiter vor Verleumdung schützen“ benannte Sylvia Kuhnhenn diesen Aspekt. 

Ebenso Teil der Prävention: den Nachwuchs zu beteiligen und seine Kompetenzen zu fördern, das eigene Wohl einzufordern. Das Projekt soll am Ende der Modellphase auf den Prüfstand gestellt, die Erfahrungen ausgewertet werden und im besten Fall in einem breiten Präventionskonzept für den hessischen Breitensport münden. Fünf hessische Sportkreise beteiligen sich am Modellprojekt, in Nordhessen außerdem der Schwalm-Eder-Kreis – was Lothar Braun ausdrücklich begrüßte: „Klasse, dass sich nicht alles im Süden und der Mitte ballt.“

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